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Hobby Jäger
Warum diese junge Frau auf die Pirsch geht

Carina Ost (28), hier mit  Hündin Mena, erinnert sich noch gut: „Da näherte sich auf einmal eine Rotte Wildschweine und schon registrierte ich erstmals ein bislang unbekanntes Kribbeln in mir.“
Carina Ost (28), hier mit  Hündin Mena, erinnert sich noch gut: „Da näherte sich auf einmal eine Rotte Wildschweine und schon registrierte ich erstmals ein bislang unbekanntes Kribbeln in mir.“ FOTO: Dieter Ackermann
Oberthal. Die Vereinigung der Jäger des Saarlandes feiert kommenden Monat ihren 70. Geburtstag. Jungjägerin Carina Ost spricht über ihre Leidenschaft.

Beim Stapfen durch das bis an die Waden reichende Gras spritzen Hunderte von Heuschrecken wie lebendige Wassertropfen davon, und darüber ziehen zahlreiche Schmetterlinge und Bienen Aufmerksamkeit auf sich. Wir sind im Jagdrevier von Carina Ost (28) vor den Toren von Oberthal, die streng genommen ihrerseits Gast ist in dem rund 430 Hektar großen Revier, das ein Jägertrio um ihren Freund, Matthias Maurer, gepachtet hat. „Ist das nicht traumhafte Natur pur?“, stolz weist die Jungjägerin auf den vor uns liegenden Wildacker, wo unter anderem Kornblumen, Malven und Sonnenblumen großen und kleinen Tieren einen großartigen Lebensraum bieten. Aber wie kam die junge Frau eigentlich dazu, im vergangenen Jahr bei der Vereinigung der Jäger des Saarlandes (VJS), die im August ihr 70-jähriges Bestehen feiern wird, ihren Jagdschein zu erwerben?


Die 28-Jährige bestreitet als Angestellte bei der Polizei ihren Lebensunterhalt. Aber kann das ein Grund sein, Jägerin zu werden? Sie lacht: „natürlich nicht!“ Aber die Liebe zur Natur habe sie immer schon gespürt. Dann lernte sie den Gymnasiallehrer Matthias Maurer (Mathematik und Biologie) kennen, der sie als passionierter Jäger allzu gerne mit auf seine Hochsitze nahm. Erste gemeinsame Stunden im Januar vertieften dort die zwischenmenschliche Beziehung, aber die Begeisterung für das Waidwerk hielt sich noch eher in Grenzen: „Das war richtig kalt und wir haben nicht mal ein Stück Wild gesehen – also blieb die Jagdwaffe stumm.“

Das änderte sich grundlegend bei einem Ansitz im Frühjahr. Carina Ost erinnert sich noch gut: „Da näherte sich auf einmal eine Rotte Wildschweine und schon registrierte ich erstmals ein bislang unbekanntes Kribbeln in mir.“ Als ihr Begleiter dann tatsächlich schoss, machten beide die uralte Erfahrung, dass im Leben mancher Schuss schon mal daneben geht. Trotzdem geht die Jungjägerin heute davon aus, dass dieses Missgeschick ihres Freundes eine Art Initialzündung für ihre Jagdpassion darstellte. Bei späteren Ansitzen bestätigte der Mann an ihrer Seite übrigens seinen Ruf, ein sicherer Schütze zu sein.

Und war dann beispielsweise ein Rehbock waidmännisch erlegt, schreckte die 28-Jährige nicht vor Blut an den Händen zurück, wenn sie ihrem „Jagdpaten“ beim Versorgen des Stückes half. „Damit hatte ich für mich selbst etwas überraschend kein Problem, weil ich sofort das frische Wildbret als leckeres und gesundes Nahrungsmittel begriff, das anders als Rinder oder Hausschweine in ihren Ställen nie von einem Veterinär mit Hormonen oder Antibiotika behandelt worden war.“ Nach dieser Erfahrung reifte schließlich auch bei verschiedenen Revierarbeiten wie dem Hochsitzbau oder der Aussaat von Wildäckern der Entschluss, selber Jägerin zu werden.

Im Frühjahr vergangenen Jahres meldete sich die junge Frau bei der Vereinigung der Jäger des Saarlandes zum zwölf-Wochen-Lehrgang als Vorbereitung auf die Jägerprüfung an. Dass diese vielfach auch als „grünes Abitur“ bezeichnet wird, kann Carina Ost inzwischen gut verstehen: „Für die verschiedenen Fächer vom Naturschutz bis zur Waffenhandhabung musste ich jede Woche samstags und sonntags wieder richtig pauken – wie zu längst vergangenen Schulzeiten.“ In der letzten Woche vor der Prüfung im August 2017 wurde das jägerische Wissen sogar tagtäglich vertieft. „Zum Glück konnte mein Freund mir dabei mit seiner pädagogischen Erfahrung helfen, noch vorhandene Lücken etwa bei den unterschiedlichen Jagd- oder den Paarungszeiten des Wildes zu schließen.“



Im August war es endlich so weit: Nach dreitägiger strenger Prüfung erhielt die Jungjägerin neben vielen Glückwünschen endlich den ersehnten Jägerbrief. „Ich war auch – zugegeben – nicht überrascht, dass sich neben mir noch weitere Jägerinnen und viele jüngere Kandidaten der Prüfungskommission gestellt hatten.“ Am meisten habe sie sich an ihrem Glückstag aber über die Gratulation ihres Freundes gefreut, der ihr in einem Atemzug gleich noch einen mittelalten Rehbock im eigenen Revier zum Erlegen freigab. Als sie nur zwei Wochen später ihren ersten Bock waidgerecht erlegt hatte, beantwortete sie das traditionelle „Waidmannsheil“ von Matthias Maurer natürlich mit einem zünftigen „Waidmannsdank“.

Damit war die 28-Jährige gleichzeitig angekommen im weitgefächerten Jägeralltag, bei dem das „Waidmannsheil“ nur einen winzigen Bruchteil der Passion ausmacht. Dazu gehören vielmehr nächtliche Anrufe der Polizei, wenn ein Autofahrer auf einer der drei Hauptstraßen, die das Jagdrevier kreuzen, Wild angefahren hat.

Durchschnittlich ereilt pro Jahr allein etwa 30 Rehe dieses traurige Schicksal. Dann muss auch die junge Bretonenhündin namens „Mena“ ran, um verletzte Rehe zu suchen und gegebenenfalls von ihren Qualen zu erlösen. Zurzeit sucht die Jungjägerin mit ihrer Hündin oft auch Wiesen vor der bevorstehenden Maht nach von den Ricken abgelegten Kitzen ab: „Vier davon haben wir jetzt schon vor den Klingen des Kreiselmähers retten können.“

Ein erstes Ehrenamt ist ihr auch bereits von der VJS-Kreisgruppe St. Wendel anvertraut worden. Sie kümmert sich hier seither um die Anliegen der vielen jungen Jäger und Jägerinnen.

Darüber hinaus engagiert sie sich in der bundesweiten Initiative „Lernort Natur“. Und wenn man sie nach einem Wunsch für die kommenden Jahre als Jägerin fragt, räumt sie offen ein: „Ich würde gerne einmal in den Weiten der schottischen Highlands auf die Pirsch gehen.“