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Warum einige Tafeln im Saarland geöffnet sind

Hilfe für Bedürftige : Warum einige Tafeln im Saarland geöffnet sind

Immer mehr Tafeln im Saarland müssen wegen der Coronakrise vorübergehend schließen. Acht der elf Tafeln mit ihren 16 Standorten sind bereits zu. Normalerweise versorgen sie 18 000 registrierte Menschen.

Die Ausbreitung des Coronavirus setzt den saarländischen Tafeln zu. Sind ihre freiwilligen Helfer doch meist im Rentenalter und damit in der Risikogruppe. Da will oder kann nicht mehr jeder helfen. Auch die Kunden sind meist älter. Die Räumlichkeiten lassen oft keine sichere Essensausgabe zu. Und: „Uns werden immer weniger Nahrungsmittel gespendet“, sagt Thomas Mörsdorf vom Caritasverband Schaumberg-Blies. Der Sozialarbeiter kümmert sich um die Tafeln in Neunkirchen und St. Wendel. Und konnte am Mittwochmittag vermelden. „In Neunkirchen und St. Wendel haben wir die Tafeln offen halten können.“ 949 Haushalte versorgt die Tafel in Neunkirchen, das sind 2234 Personen. In St. Wendel sind es 424 Haushalte (1137). „Wir haben die Kisten vorgepackt, schon mal etwas Vorrat reingetan“, erklärt Mörsdorf. „Wir wissen ja nicht, wie lange wir offen lassen können.“ Die Kisten für die Empfänger haben sie in den Hof gestellt, die Menschen stehen davor in einer Schlange. „Alle haben sich an die zwei Meter Abstand gehalten“, berichtet Mörsdorf. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter seien begeistert. „Es gab auch keine Rückfragen von den Abholern. Die Leute sind einfach nur froh, dass die Tafel geöffnet ist.“ Ähnlich lief dies am Mittwoch in St. Wendel. Wie lange noch? Das wusste auch Mörsdorf nicht. Zu unstet seien die Zeiten. Was ist zum Beispiel mit der Ausgangssperre? Mörsdorf sagt: „Solange wir genug Ehrenamtliche haben, und so lange wir vor allem genug Essen haben, machen wir weiter.“ Natürlich nur, wenn die Hygienebedingungen einzuhalten seien. „Das geht nicht in jeder Einrichtung im Saarland“, weiß Mörsdorf. Manchmal läuft es noch.

Wie in Merzig. 230 Haushalte, 420 Kunden. „Unsere Ehrenamtler sind im Schnitt nicht ganz so alt“, sagt Frank Paqué von der evangelischen Kirchengemeinde. Durchschnittsalter unter 60. „In Merzig und Umgebung wohnen viele Menschen, die Schwächeren helfen wollen. Ein großes Netzwerk.“ Über Jahrzehnte gewachsen. „Das ist nicht selbstverständlich und ist schön, zu erleben“, sagt er. In Merzig haben sie die Zahl der Kunden in den Räumen reduziert, arbeiten nach den strengen Hygienevorschriften des Robert-Koch-Instituts, jeder Kunde hat genügend Abstand zu den anderen. „Die Menschen, die benachteiligt sind, sind nun doppelt benachteiligt, egal wo“, nennt Paqué eine seiner Motivationen. Die Schere zwischen Arm und Reich öffne sich in der Krise sehr deutlich, meint er. „Wir können nur appellieren, solidarisch zu sein“, sagt er. Dazu gehöre auch, nicht zu hamstern. Bedürftige können es sich nicht leisten, von Supermarkt zu Supermarkt zu fahren, bis sie alles zusammenhaben.

In Illingen hat die Tafel gar einen Heimservice organisiert. Dazu haben Helfer Tüten gepackt. Koordinator Manfred Karle, zwei Ehrenamtliche und zwei Mitarbeiterinnen der Gemeinde haben sie ausgefahren. Das Angebot der Illinger Tafel-Dependance nutzen rund 340 Menschen, davon etwa 160 Kinder. Zu 60 Adressen sind die Helfer gefahren, haben Tüten vor Türen gestellt. Ohne Kontakt. „Der Bringdienst hat super geklappt und wir sind sehr froh, dass sich die Anstrengungen gelohnt haben“, erklärt Presseprecherin Stefanie Stein von der Diakonie Saar, die in der Trägerschaft in Illingen dabei ist. „Jetzt prüfen wir, ob ein Bringdienst auch nächste Woche zu realisieren ist. Das hängt vor allem auch davon ab, ob wir Warenspenden erhalten und Ehrenamtliche bereit sind, zu helfen“, sagt Stein. Daher hat sie einen Spendentag terminiert: Am Montag, 23. März, können Gönner zwischen 14 und 16 Uhr gerne „länger haltbare Lebensmittel“ vorbeibringen (Illingen/Hosterhof, Gemeindehaus Hosterhof, Am Brückenfeld 18). In Völklingen habe die Tafel Kisten gepackt und im Hof ausgegeben. Auch das habe funktioniert, sagt Stein.

Lebensmittel fehlen fast allen Tafeln. Hamsterkäufe. Das neue, nachhaltige Wirtschaften der Supermärkte bereite den Tafeln Probleme. Bereits vor Corona. Dabei haben sich die Tafeln genau daher gegründet: weil Menschen wenig nachhaltig mit Nahrung umgehen. Tafeln retten Essen vor der Mülltonne und wollen damit eine Brücke vom Überfluss zur Armut bauen. Zu bedürftigen Bürgern, zu Rentnern mit Grundsicherung, mit niedrigem Rentenbescheid, zu Hartz-IV-Empfängern. Etwa 145 Euro hat zum Beispiel ein Hartz-IV-Empfänger im Monat für den Kauf von Essen.

Die müssen nun für viele im Saarland reichen. Wie die Bedürftigen im Sulzbach- und im Fischbachtal. „Ich musste mich am Telefon schon beschimpfen lassen“, sagt Marliese Stay von der Tafel dort. Und natürlich herzzerreißende Anrufe. Beides bliebe in den Kleidern hängen, sagt sie. Natürlich hätten viele Menschen die Tafeln in ihren Haushaltsbüchern eingerechnet. Das Geld würde nun fehlen. „Es gibt viel Armut“, weiß Stay. Aber sie könne nichts machen. Die Tafelräumlichkeiten seien zu eng, die Helfer zu alt, die Lager so gut wie leer. Es tue ihr in der Seele weh, „aber wir können nicht öffnen“. Auch sie brauche Spenden (siehe Info). „Wann wir wieder öffnen können, müssen wir offenlassen“, sagt Stay.

Die Saarbrücker Tafel versorgt für gewöhnlich 3000 Abholer. Die kommen natürlich nicht alle zur gleichen Zeit, „wir haben pro Tag etwa 100 Leute, die Essen abholen“, erklärt Vera Loos, Sprecherin der Tafel, die insgesamt 120 ehrenamtliche Mitarbeiter hat. Natürlich hätten sie gerne weitergemacht, doch Corona lasse dies nicht zu. „80 Prozent unserer freiwilligen Helfer sind 65 Jahre oder älter. Bis zu 60 Prozent unsere Abholer sind ebenso in der Risiko-Altersgruppe. „Das wäre für alle Beteiligten zu gefährlich“, sagte Loos. Auch hier sind die Räumlichkeiten sehr schwierig. Und auch hier: „Wir bekommen kaum noch Essen von den Supermärkten.“

Bis 27. April sind die Tafeln in Homburg und St. Ingbert zu. 1300 Menschen sind in deren Kartei. „Pro Essens-Ausgabe kommen etwa 130 bis 150 Menschen zu uns“, sagt Antonius Daschner aus der Verwaltung der Homburger Tafel. Lieferservice? „Können wir nicht anbieten“. Auch hier: zu wenige Ehrenamtliche. Vor allem zu wenige, die nicht in einer Corona-Risikogruppe sind.

Daniela Schmitt-Müller arbeitet für den Caritasverband Saar-Hochwald. Die Tafeln in Wadern/Losheim betreut sie, die in Saarlouis, Dillingen und Lebach auch. Alle bis zum 26. April zu. „Wir haben alles getan, was wir konnten, aber es hat nicht gereicht – die Gefahr ist zu groß.“ Auch ihr fehlen die Helfer, die Waren. Räumlichkeiten, in den Hygienevorschriften umzusetzen seien. Von der Politik erwartet der Tafel-Dachverband finanzielle Unterstützung, betont Jochen Brühl, Vorsitzender von Tafel Deutschland. Die Menschen an der Tafel fordern vor allem eines: Solidarität mit den Bedürftigen.