Familienbetrieb aus Tradition

In der Serie „Handel im Wandel“ betrachten wir heute das Café Weil in Friedrichsthal. Die heutige Konditorei blickt auf eine lange Familientradition zurück. Bereits 1874 wurde der Grundstein des Betriebes gelegt.

 Heinrich und Ursula Weil. Foto: Thomas Seeber
Heinrich und Ursula Weil. Foto: Thomas Seeber Foto: Thomas Seeber

Seit 75 Jahren bereichert das Café Weil das Friedrichsthaler Stadtleben, seit 40 Jahren ist es in der Heinitzer Straße 4 beheimatet. Was vielleicht die Wenigsten wissen: Die Geschichte der Konditorei reicht noch viel weiter zurück, bis zur Wende zum 20. Jahrhundert sogar. "Die Schlüsselfigur ist Karl Neurohr", erklärt Heinrich Weil. Der 74-Jährige leitet das Café gemeinsam mit seiner Frau Ursula. Arbeiter aus dem Hunsrück, die beim Schienenbau der Straßenbahn vor mehr als 100 Jahren mitwirkten, gaben Karl Neurohr den Spitznamen "Wackelpanz" oder "Waggepanz".

Der Mann mit dem Scherznamen, der seiner fülligen Gestalt geschuldet war, errichtete 1874 eine Bäckerei mit Gastwirtschaft, die sich einst am Marktplatz befand, "als es dort noch einen Weiher gab", so Heinrich Weil. Karl Neurohrs Sohn Ludwig übernahm die von seinen Eltern geführte Konditorei und Weinstube und errichtete für das "Kaffee Neurohr" einen Neubau. 1938 verkaufte er dieses an Herbert und Maria Weil, eine geborene Neurohr. 1939 dann machten sich die beiden letztendlich mit dem "Café Weil" selbstständig.

Herbert Weil war der Vater von Heinrich. "Er kehrte nach seinem letzten Fronturlaub 1944 nicht mehr in die Heimat zurück", erklärt Heinrich Weil. So lernte er also 1954 das Konditorhandwerk, 1962 machte er die Meisterprüfung und 1966 heiratete er seine heutige Ehefrau Ursula. Gemeinsam übernahm man 1967 das Geschäft von Heinrichs Mutter. Bereits sein Großvater Ludwig Weil hatte eine Bäckerei in Friedrichsthal . Auch Sohn Herbert, nach seinem Opa benannt, führt das Handwerk fort. Nachdem er an einer renommierten Schule in Köln seinen Konditormeister erlangt hat, führt er nun einen Catering-Service bei Reutlingen . "Beeindruckend, was Familien alles durchhalten können", schmunzelt Heinrich Weil.

Mit dem 75-jährigen Bestehen des Café Weil, den 40 Jahren am gleichen Standort und den 60 Jahren Berufserfahrung von Heinrich und Ursula Weil hätte es im vergangenen Jahr also genug zu feiern gegeben - hinzu kommt, dass vermutlich vor 225 Jahren das erste Brot in Friedrichsthal gebacken wurde, damals noch in der Friedrich-Wilhelm-Straße 15. Ein gefundener Schamottstein, ein feuerfestes Material, das gerne zum Ofenbau verwendet wird, lässt darauf schließen. Zusätzlich wäre das "Kaffee Neurohr" 100 Jahre alt geworden.

Trotzdem hatte sich das Ehepaar dazu entschlossen, im vergangenen Jahr keine große Feierlichkeit zu veranstalten. "Aus Altersgründen", wie Heinrich Weil erklärt. Dabei erinnert er sich an das Fest 1989. Als die Mauer fiel, feierte man gleichzeitig in Friedrichsthal das 50-jährige Bestehen, komplett mit großem Zelt hinter dem Haus. Etwa 300 Gäste habe man seinerzeit empfangen. Nun, 25 Jahre später, sei dies den Weils einfach ein bisschen viel. Deswegen gab es auch weder eine Jubiläumsfeier noch einen Jubiläumsverkauf. Stattdessen konzentriere man sich darauf, das Café so lange weiter zu führen, wie es geht. "Es macht ja auch noch Spaß", merkt er an.

Das Café Weil ist heute eine reine Konditorei, wo Heinrich Weil noch selbst Kuchen backt und auch Pralinen selbst hergestellt. "Etwa 25 verschiedene Sorten bieten wir an", so der Konditormeister. Diese bieten sich natürlich zur Weihnachtszeit oder für sonstige Feierlichkeiten als Geschenk an. Ansonsten kann man unweit des Zentrums gemütlich sitzen, einen Kaffee trinken und ein Stück Kuchen essen.

Geöffnet ist das Café Weil mittwochs bis freitags sowie sonntags und montags von 8 bis 17.30 Uhr und samstags von 8 bis 15. Der Dienstag ist Ruhetag, außer er fällt auf einen Feiertag. Von Montag bis Donnerstag, 12. bis 15. Januar, ist geschlossen.