Kolumne Unsere Woche: Selfie mit dem Nikolaus

Kolumne Unsere Woche : Selfie mit dem Nikolaus

Ihr lieben Kinder, Ihr müsst jetzt tapfer sein. Ganz tapfer. Denn ich werde Euch reinen (Glüh-)Wein einschenken: Der heilige Mann kommt mitnichten vom Himmel her und bringt von dort die guten Gaben.

Nein, nein. Der Nikolaus heißt Günter Weidig und wohnt in St. Ingbert. Er – wie alle anderen Nikoläuse in der Republik – schwebt auch nicht ein, sondern geht zu Fuß. Am Donnerstag haben wir unseren öffentlich auftretenden Nikolaus in der St. Ingberter Fußgängerzone „dingfest“ gemacht, just als er in einem Ladenlokal sein dort gelagertes Depot mit Schoko-Nikoläusen aufsuchte, um seine Tasche wieder aufzufüllen. Er wollte eben alle Kinder, die ihm begegneten, beschenken.

Wir haben den freundlichen 71-Jährigen mit dem Bischofsgewand in die Redaktion entführt („Ich bin de Günter“) und ein bisschen mehr erfahren über das, was er tut. Seit sieben Jahren macht er nun schon den Nikolaus und freut sich, wenn die Kinder sich freuen. Nun gut, bei den ganz Kleinen werden gelegentlich Fluchtinstinkte geweckt beim Anblick des rauschebärtigen Mannes mit der dunklen Stimme, der sich aber flugs als sehr gütig entpuppt. Die Rute hat er gar nicht erst dabei, nur seinen Bischofsstab, mit dem er aber selbstredend seine Klientel nicht verprügelt. Das wär’ ja noch schöner...

Über die Jungen und Mädchen hat der heilige Mann keine Klagen, ganz im Gegenteil. Sie lauschten sehr aufmerksam, wenn er das Wort an sie richtet. Er freut sich auch, wenn Jugendliche mit ihrem Handy an ihn herantreten – mit dem Wunsch nach einem Selfie. Warum auch nicht, der Nikolaus ist ja nicht abgehoben, sondern sehr bodenständig. Längst im Ruhestand ist der frühere Betonbauer nun jedes Jahr am Nikolausvorabend unterwegs mit seinen Süßigkeiten und Mandarinen. Unterstützung erfährt er von Kaufland und der Stadt St. Ingbert, damit die Sache auch immer wieder gelingt.

Was das Bischofskostüm anbelangt, so leiht sich Günter Weidig dieses aus. Das kostet ihn 45 Euro pro Tag. Auch nicht ganz billig, doch es macht was daher. So werden die kleinen Racker auf ihn aufmerksam. Wir wollten auch noch wissen, wie es sich anfühlt unter all dem dicken Stoff. Man gerate da ziemlich ins Schwitzen, sagt uns der Senior. Deshalb freut er sich, wenn’s draußen knackig kalt ist.

Am Abend vor dem Nikolaustag erfreute der Nikolaus nicht nur die Kinder in der Fußgängerzone von St. Ingbert. Spontan traf er sich auch mit unserer Redakteurin Michèle Hartmann zu einem Interview. Foto: Tom Peterson

Interview beendet, der heilige Mann geht wieder seiner Wege. Doch halt, noch eine Frage haben wir: Was er sich wünscht, wollten wir wissen. Irdische Güter scheinen ihm schnurz. Er möchte nur Frieden in der Welt. Und dass alle Menschen glücklich sind.