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Elisbeth Herrmann: Die Stimme der Toten

Hörbuch-Kritik : Ein Agententhriller mit deutlich zu vielen Nebenhandlungen

Zum Abschluss der Reihe um Tatortreinigerin Judith Kepler schickt die Autorin in „Schatten der Toten“ die Heldin auf die Suche nach ihrem Vater.

Agententhriller, die im Hier und Jetzt angesiedelt sind, und dann auch noch Deutschland und Europa beleuchten, sind zweifellos rar gesät. Die deutsche Autorin Elisabeth Herrmann ist in diese Lücke gestoßen und hat mit der Reihe um die Tatortreinigerin Judith Kepler eine sehr spannende Reihe ersonnen, in der die Protagonistin in internationale Verschwörungen mit Schlapphut-Beteiligung stolpert und selbst ein durch Geheimdienst-Operationen geprägtes Leben hat.

Sie ist nämlich die Tochter eines früheren DDR-Spitzels, der einst mit ihr und seiner Frau flüchten und dafür dem Feind geheime Informationen preisgeben wollte. Der Plan schlug fehl, die Mutter wurde bei dem Fluchtversuch getötet, Judith kam in ein Waisenhaus und er begann ein neues Leben als für den KGB tätiger Waffenhändler Bastide Larcan. Der sich fortan nicht mehr um sein altes Leben scherte.

Nachdem Herrmann die Vorgeschichte in zwei Romanen aufgeschlüsselt hatte – in „Zeugin der Toten“ wurde Kepler eingeführt und beleuchtet, in „Stimme der Toten“ begegnet sie eher zufällig Larcan und hilft ihm aus Not bei einem Verbrechen –, markiert „Schatten der Toten“ so etwas wie den Abschluss der Reihe. Wobei ein Hintertürchen für eine Fortsetzung offen bleibt.

Herrmann verwebt in dem fast 21 Stunden langen Hörbuch die zahllosen Fäden der übriggebliebenen Protagonisten aus den Vorgängern und verpackt das in viele Nebenhandlungen. Das kostet Zeit. Diesmal ein gutes Stück zu viel.

Denn bis die Figuren bis zum Finale in Position gebracht sind, ist schon mehr als die Hälfte des Buches vor sich hingeplätschert, nicht alle kann sie sinnvoll einbinden. Und auch das Ende hält nicht, was diese gewaltige Vorarbeit verspricht. Die Längen sind untypisch für Herrmann, deren Vorgänger Musterbeispiele an Spannungsaufbau waren.

Doch bei aller Kritik: Hörenswert ist das Buch dennoch für die Fans der Vorgänger, die den Abschluss um Kepler und Larcan erwarten. Nicht nur, dass die toughe, aber auch unsichere Tatortreinigerin Kepler eine spannende Figur ist. Hier verleiht ihr die Beziehung zu dem Waisenmädchen Tabea, das sie in Teil zwei vor Neo-Nazis rettete, und dem aufkommenden amourösen Interesse an dessen Vater, dem Undercover-Agenten Frederik Meißner, zusätzliche Tiefe.

Dieser spielt auch eine wesentliche Rolle bei der Jagd nach Larcran. Die Hatz wiederum ist inszeniert von der racheerfüllten Verfassungsschutzmitarbeiterin Isa Kellermann, deren Mutter einst auf den Spion Larcran hereingefallen war – was sie bis zu ihrem Tod nie verwunden hat. Eine Figur, zu der Kepler im Laufe der Geschichte eine ganze besondere Beziehung enthüllen wird.

Große Teile der Handlung spielen in der ukrainischen Hafenstadt Odessa, die durch ihre potemkinsche Treppe bekannt ist. Neben dem alles überlagernden Thema Geheimdienst (der Russen, DDR, der BRD früher und heute), geht es auch um die Neonazi-Szene in Deutschland, die Umtriebe russischer Kriminelle, Versuche des Landes, Europa zu destabilisieren – und das Thema Familie, das nicht nur anhand der Kellermanns sowie Judith und ihrem Vater umfassend ausgeleuchtet wird.

Elisabeth Herrmann: Schatten der Toten, Der Hörverlag, 2 CDs, 1248 Minuten, ISBN: 978-3-8445-3263-0.