Und dann gab's Chinesisch

Erzieherinnen sind viel mehr als „Kinderaufpasserinnen“. Ohnehin hat sich das Berufsbild vor allem in den vergangenen Jahren stark verändert, und dazu zählen nicht nur die Arbeitszeiten. Das sollte gewürdigt werden, fordern die Erzieherinnen.

Ein Vater zerrt sein heulendes Kind in die Kindertagesstätte. Die Erzieherin steht vor der Tür und macht ein strenges Gesicht: "Wir streiken!" Der Vater: "Ich weiß. Ich unterstütze Ihren Streik und finde die Aktion super. Aber meine Frau ist schon im Büro, ich muss auch gleich los. Thorben-Hendrik hat die Hose voll. Könnten Sie das vielleicht noch schnell in Ordnung bringen? Dann können Sie weiterstreiken." Soweit eine Karikatur in einer Satire-Zeitschrift.

Sie enthält, wie alle Karikaturen, einen wahren Kern. "Unsere Arbeit wird nicht genügend wertgeschätzt", sagen die streikenden Erzieherinnen kommunaler Kitas landauf, landab in die Fernsehkameras.

Viele Bürger, die keinen Bezug zur Arbeit in einer modernen Kita hätten, hielten Erzieherinnen für "Kinderaufpasserinnen", so der Ärger. Dabei habe sich das Berufsbild innerhalb der vergangenen zehn Jahren radikal geändert. Seit einer Woche befinden sich Tausende Erzieherinnen im Ausstand, denn sie wollen zehn Prozent mehr Lohn und mehr Würdigung für ihre Arbeit erreichen.

Alexandra Redl streikt nicht, denn sie arbeitet seit 20 Jahren in einer evangelischen Kindertagesstätte, der "Arche Noah" in Homburg - und die konfessionellen Kitas beteiligen sich nicht am Streik.

Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert in den Kitas? Ist die Arbeit anstrengender geworden? Kinderpflegerin Alexandra Redl zählt ein paar Dinge auf, die nicht mehr so sind wie früher: "Unsere Arbeitszeiten haben sich völlig verändert, früher öffnete der Kindergarten von 8 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr. Das wäre heute nicht mehr machbar."

Ein durchgängig geöffneter Kindergarten von sieben bis 17 Uhr ist die Regel, dass die Kinder auch dort essen und schlafen eine Selbstverständlichkeit. "Berufstätige Mütter könnten ihre Kinder gar nicht mehr zum Essen abholen, wie sollten sie das auch bewerkstelligen?" fragt die erfahrene Kinderpflegerin. Die meisten Kinder verbringen zwischen 40 bis 45 Wochenstunden in ihrer Kita, das entspricht einer vollen Arbeitswoche bei den "Großen".

Während es früher eine Bedingung für die Aufnahme war, dass ein Kind "sauber" sein musste, werden heute selbstverständlich die Windeln gewechselt.

Früher kamen Kinder zwischen dreieinhalb und fünf Jahren in den Kindergarten, heute sind es Kinder vom ersten bis zum sechsten Lebensjahr, die von der Krippe an betreut werden. Auch der Anspruch an das pädagogische Fachpersonal ist gestiegen: "Als die erste Pisastudie die Lern-Defizite ans Tageslicht brachte, fiel das auch auf die Kindergärten zurück", sagt Alexandra Redl, "obwohl es eine Schulstudie war. Aber auf einmal hatte die Gesellschaft die Frühförderung entdeckt. Seitdem war nichts mehr gut genug, was wir machten."

Viele Forderungen prasselten auf die Kitas ein: Fremdsprachen sollten unterrichtet werden, individuelle Förderung wurde angemahnt, Entwicklungsstudien für jedes einzelne Kind mussten angelegt werden. Inzwischen brüsten sich private Kitas in deutschen Großstädten sogar mit Chinesisch für Dreijährige.

"Der bürokratische Aufwand ist umfangreicher geworden, alles muss dokumentiert werden, es gibt pädagogische Entwicklungsgespräche, die schriftlich niedergelegt werden müssen", erklärt Alexandra Redl.

Wenn ein Kind bis zu 45 Stunden in der Kita verbringe, dann habe es auch dort seinen Lebensmittelpunkt, was ganz andere Ansprüche mit sich bringe, ans Lernen, ans Spielen und an die Erziehung. "Alle Mitarbeiterinnen in den Kitas sind auch Beraterinnen für die Eltern. Wir werden zu Rate gezogen, mal zur Ernährung, mal zur Gesundheit, wir sind für alle Fragen rund ums Kind da", betont Alexandra Redl.

Sie macht es gerne, "denn wir sehen die Kinder ja den ganzen Tag und kennen jedes einzelne von ihnen". Hinzu kämen Schulungen und Qualitätsmanagement, "wie in der Wirtschaft". Mit dem Berufsbild, das Alexandra Redl in ihrer Ausbildung kennengelernt hat, sei ihre jetzige Tätigkeit nicht mehr vergleichbar. Dies sollte man im Land auch mal zur Kenntnis nehmen und würdigen, wünscht sie sich.