Gefangen in der Hölle des Wartens

Die meisten Flüchtlinge aus Syrien, die mit Hassan, Husameddin und Abdulrahman nach Deutschland kamen, sind mittlerweile hier anerkannt. Doch weil die drei Männer in Ungarn zur Registrierung gezwungen wurden, droht ihnen die Abschiebung dorthin. Seit über einem Jahr sind sie zum Warten verdammt. Während ihre Familien im umkämpften Aleppo ausharren.

Blutüberströmte Menschen, weinende Kinder, Trümmer, Tränen, Chaos: Im Fernseher sind Live-Bilder von einem Anschlag im syrischen Aleppo zu sehen. Hassan hält sein Mobiltelefon in der Hand, starrt auf die Szenen und telefoniert mit seinem Sohn und seiner Tochter, zehn und sechs Jahre alt. Er steht in einer Wohnung in Blieskastel , seine Kinder sind da, wo die Fernsehbilder herstammen: in Aleppo, einer der meist umkämpften Städte. Schwer zu ertragen für den Vater, aber auch für Abdulrahman und Husameddin - sie haben ebenfalls kleine Kinder, Frauen und ihre Familien sind ebenso wenig in Sicherheit.

Alle drei stammen aus Aleppo, waren Nachbarn, sagen sie, ein Elektro-, ein Netzwerktechniker und ein Anwalt. Jetzt sitzen sie mit Helfern der Flüchtlingshilfe Blieskastel an einem Tisch und erzählen ihre Geschichte , stockend, leise mit hoffnungslosen Augen. Sie sind alleine geflohen, wollten ihre Lieben so schnell wie möglich nachholen, das, was in so vielen anderen Fällen funktioniert hat. Über ein Jahr ist es her, dass sie nach Deutschland gekommen sind. Zu Elft seien sie damals gewesen, acht haben mittlerweile die Anerkennung, berichten sie. Die drei Männer nicht. Ihnen wurde zum Verhängnis, dass sie in Ungarn an der Grenze von der Polizei gefasst wurden. Sie kamen in Arrest, zwei Tage lang, ohne Essen und Trinken. Er habe, sagt Hassan, aus Verzweiflung aus der Toilette getrunken. Ihnen wurden Fingerabdrücke abgenommen, irgendwann durften sie gehen, kamen voller Hoffnung nach Deutschland. Und gelten nun als das, was so nüchtern als Flüchtlinge , die nach dem Dublin-Verfahren behandelt werden, in den offiziellen Schreiben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) steht. Dahinter steckt verkürzt gesagt, dass Flüchtlinge dort einen Asylantrag stellen müssen, wo sie das erste Mal europäischen Boden betreten haben.

Sie haben einen dicken Ordner angelegt, mit Briefen der Behörde und dem, was ihr Rechtsanwalt antwortete. Denn der Verein Flüchtlingshilfe Blieskastel legte damals Einspruch ein, damit sie erst einmal bleiben konnten, nicht abgeschoben werden, wenigstens eine Chance bekommen. Kurze Zeit später wird die Flüchtlingswelle immer größer, ausgelöst dadurch werden die Verfahrensweisen geändert. Syrische Flüchtlinge werden zeitweise nicht mehr abgeschoben, die Dublin-Verordnung wird eine Weile außer Kraft gesetzt, wenige Monate später gilt sie dann wieder. Doch die Verfahren der drei Männer liegen da schon bei Gericht, erklären sie. "Wären sie im Juli gekommen anstatt im Mai, dann wären sie mittlerweile anerkannt", sagt Elke Berg von der Flüchtlingshilfe bitter. Sie sind quasi in eine zeitliche Lücke gefallen.

Nun hängen sie fest, dürfen weder endgültig hier bleiben und die Familien nachholen, noch dürfen sie zurück - soweit sind sie nämlich mittlerweile schon. Die Kinder fragen jeden Tag, wann sie ihren Vater wiedersehen. Der hat einst versprochen, sie bald in ein Leben in Frieden zu holen. Die Männer sind verzweifelt, vom Warten zermürbt, von der Angst, der Untätigkeit, zu der sie verdammt sind. Sie dürfen keine offiziellen Deutschkurse besuchen, können nicht arbeiten, keine Familienzusammenführung beantragen, nichts. Auch eine Wohnung kann so zum Gefängnis werden. Auch diejenigen, die ihnen helfen möchten, sind an ihren Grenzen. Die Politik setze auf Integrationspflicht, während den Männern das Recht auf Integration verweigert wird. "Ich kann niemanden integrieren, den ich menschlich diskriminiere", betont Elke Berg. Die Helfer sind selbst stark belastet, manche wachen sogar nachts von quälenden Sorgen auf. Einer von ihnen hat seine Wut und Enttäuschung zu Papier gebracht - und die Geschichte der Männer , wie Hoffnung zur Verzweiflung wurde. Unter anderem wie aus Husameddin ein gebrochener Mann wurde. "Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, wenn ich gewusst hätte, wie unsinnige Entscheidungen, Ignoranz und Gleichgültigkeit meine, unsere monatelange Arbeit als Freiwillige torpedieren, ich bin nicht sicher, ob ich es nochmal tun würde. Es belastet mich sehr. Diese pedantische Sturheit. Nicht der tägliche Kontakt ist es, was uns Helfer so schlaucht, auch wenn es nicht immer einfach ist. Die größte Belastung ist der Kampf gegen die Windmühlen der Bürokratie", schreibt Markus Roth, einer der Helfer, der mittlerweile verstorben ist. Und weiter: "Der Staat verlässt sich auf uns Helfer und wäre ohne uns verloren. Auf ganzer Linie." Damit spricht er nicht nur für sich, sondern für alle, die sich für Flüchtlinge und speziell in diesem menschlichen Drama engagieren: neben seiner Frau Michaela Roth, auch Elke Berg, Maria Dussing-Schuberth, Sonja Blank und etliche andere - alle von der Flüchtlingshilfe Blieskastel .

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende - zumindest für einen, Husameddin, könnte sie doch gut ausgehen: Sein noch minderjähriger Bruder war vor einiger Zeit nach Deutschland gekommen, er wurde als Vormund eingesetzt: Nun hat er nach einem erneuten Bescheid und einer Berufung durch das BAMF einen bestimmten Aufenthaltsstatus bekommen, der darauf hindeutet, dass Husameddin bleiben und seine Familie holen darf. Bei Abdulrahman sieht es schlechter aus - er rechnet mit einer Negativentscheidung, könnte also theoretisch nach Ungarn abgeschoben werden, obwohl das Saarland eigentlich beschlossen habe, dass es das nicht tue, sagen die Helfer. Angesichts der großen Zahl von Flüchtlingen sind diese Geschichten Einzelfälle, das macht es für die Betroffenen nicht leichter, sie zu ertragen - auch nicht für die Helfer. Markus Roth schrieb kurz vor seinem Tod: "Das Leiden muss ein Ende haben. Jetzt."