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Ein Haus mit Geschichte

Das blaue Gebäude mit seinen Erkern ist ein Blickfang in der Neunkircher Lisztstraße. Fotos: Michael Schild
Das blaue Gebäude mit seinen Erkern ist ein Blickfang in der Neunkircher Lisztstraße. Fotos: Michael Schild
Neunkirchen. Das blaue Haus in der Neunkircher Lisztstraße ist ein Hingucker. Dabei hat das Gebäude in seiner fast 100-jährigen Geschichte schon viel erlebt. Bewohner Michael Schild hat die Historie aufgearbeitet.

Wo einst ein Sägewerk stand, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts dann ein Haus für die gehobenen Beamten des Neunkircher Eisenwerkes der Gebrüder Stumm errichtet.



Es entstand um etwa 1921 bis 1924 und wurde von dem Neunkircher Architekten Holzhauser entworfen. Ein imposantes Gebäude, noch in Anlehnung an die Gründerzeit des 19. Jahrhunderts, mit dicken Mauern und einem Türmchen an der Ecke des Daches.

Das Haus verfügte über Doppelfenster, helle und großzügig angelegte Innenräume mit Parkettböden, Flügeltüren und Stuck an der Decke. Kachelöfen erwärmten die hohen Räume und die Bewohner genossen ihr wohlgeordnetes Leben im eleganten Ambiente.

Die Fenster der Rückseite des Hauses gaben den Blick auf einen schönen Garten mit hohen Pappeln frei.

Das große Treppenhaus mit den bleiumrahmten Buntglasfenstern ließ noch einen Hauch Belle Époque erahnen, eine Epoche, die in den 20er Jahren längst der Vergangenheit angehörte. Nun war die Zeit der Weltwirtschaftskrise, der Inflation und der großen Arbeitslosigkeit.



Als im September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, blieb auch die Industriestadt Neunkirchen von den Bomben nicht verschont. Von 1944 bis 1945 versanken viele Häuser in Schutt und Asche. Das große Haus in der Beethovenstraße hatte den Krieg fast schadlos überstanden, nur das Spitztürmchen am Dache fiel den Bomben zum Opfer.

1945 beschlagnahmten die Amerikaner das Haus und nutzten es einige Jahre als ihr Domizil. Nach der Besatzungszeit bezog die Stadtverwaltung das Gebäude, denn das Rathaus in der Wellesweilerstraße wurde ebenfalls von Bomben zerstört. Bis 1962 nutzten die städtischen Behörden das Haus als ihren Amtssitz. Danach bezogen sie das neu errichtete Rathaus am Oberen Markt.

Das Haus in der Beethovenstraße wurde renoviert, die Kachelöfen durch Zentralheizungen ersetzt und die schönen Buntglasfenster mussten modernen Glasbausteinen weichen.

Die Wohnungsnot war zu Beginn der 60ger Jahre noch sehr groß und Wohnungen wurden an Privatleute vermietet. Ärzte und Ingenieure bezogen jetzt das große Haus in der Beethovenstraße. Ein Hausmeisterehepaar sorgte für die Instandhaltung der Heizung (damals noch mit Koks beheizt) und die Pflege des Gartens, zu dem die Mieter leider keinen Zutritt hatten.

1972 verkaufte das Neunkircher Eisenwerk die Wohnungen. Die Mieter bekamen das Vorkaufsrecht. Der Hof mit dem kleinen Garten und den Pappelbäumen, die im Sommer kühlen Schatten spendeten, durfte von nun an genutzt werden. Die Kinder des Hauses konnten sich nun nach Herzenslust in Hof und Garten austoben und auch die Erwachsenen hatten ihre Freude daran. An schönen Sommertagen wurde im Garten gegrillt und gefeiert bis in die Nacht.

Viele Jahrzehnte sind seither vergangen. Im Laufe der Zeit wurde es modernisiert und hat von seiner imposanten Erscheinung nichts verloren. Nun steht es hier, strahlender als je zuvor. Noblesse ist das Idealverhältnis zwischen Besitz und Stilgefühl. Hier ist es in idealer Weise gelungen.

Am 1. Januar 1974 wurde durch die Gebietsreform die Beethovenstraße in Lisztstraße umbenannt.

Ein Blick ins Treppenhaus.
Ein Blick ins Treppenhaus.