Man muss Kranke nicht verstecken

Rappweiler. Die 78-jährige Erna Reiplinger mag es, auf der Couch Kissen glatt zu streichen und zu ordnen. "Sie ist immer noch ein sehr ordnungsliebender Mensch", sagt ihre Tochter Gabi Klein. Seit sich bei ihrer Mutter vor fast zwei Jahren die Demenz verschlechterte, kümmert sich die Familie um sie

Rappweiler. Die 78-jährige Erna Reiplinger mag es, auf der Couch Kissen glatt zu streichen und zu ordnen. "Sie ist immer noch ein sehr ordnungsliebender Mensch", sagt ihre Tochter Gabi Klein. Seit sich bei ihrer Mutter vor fast zwei Jahren die Demenz verschlechterte, kümmert sich die Familie um sie. "24 Stunden am Tag reichen nicht", sagt Stefan Reiplinger, der seine Frau die meiste Zeit, vor allem vormittags, betreut. Den Rest des Tages teilt sich die Familie. Die Verwandten helfen beim Anziehen, bei der Toilette und richten das Essen. "Das funktioniert nur, weil die ganze Familie mitmacht", sagen Hanno und Gabi Klein überzeugt. Seit August unterstützt die Familie eine Alltagsbegleiterin der Caritas, die zwei Mal pro Woche für drei Stunden vorbeikommt und sich um Erna kümmert. Zuhören können"Wir gehen spazieren, und ich höre ihr zu, wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, sie ist sehr redebedürftig", sagt Margret Röder, die schon fast zur Familie gehört. Die 61-Jährige erhielt eine Schulung bei der Caritas, die mit dem Modellprojekt "Alltagsbegleiter" Familien, die Demenzkranke betreuen, entlasten will. Röder hat seit Kindheitstagen mit Demenzkranken zu tun, seit Jahren hat sie ehrenamtlich Familien betreut. "Das ist eine gute Sache", sagt Gabi Klein. Die Familie könne besser planen, der Vater könne Arztbesuche erledigen oder einfach mal einkaufen fahren. "Man weiß, dass jemand da ist. Der Kopf ist frei, man kann abschalten." Die Familie wünscht sich, dass Erna Reiplinger so lang wie möglich bei ihr zu Hause bleiben kann. Ein Ziel, das die Caritas fördert. "Darum sind die Alltagsbegleiter flexibel und gehen in die Familien", erklärt Markus Schneider, der das Projekt koordiniert. Es sei wichtig, dass zwischen dem Begleiter und der gesamten Familie ein Vertrauensverhältnis herrsche. Der Begleiter sollte mindestens einmal pro Woche da sein. "Es braucht feste Zeiten und dasselbe Gesicht." Leider gebe es zu wenig männliche Alltagsbegleiter, mit denen demenzkranke Männer beispielsweise über Fußball reden könnten, sagt Margret Röder. Anfangs sei bei den Familien eine gewisse Hemmschwelle vorhanden, doch die Bereitschaft, Alltagsbegleiter ins Haus zu lassen, steige. "Man muss Kranke nicht verstecken", sagt Gabi Klein. "Natürlich braucht man Mut, sich zu öffnen, aber man sollte keine Scheu haben, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen." Im März bietet der Caritasverband Merzig die nächste Schulung für Alltagsbegleiter an. Die Caritas sucht weiter Alltagsbegleiter, gerne auch Männer. Informationen bei Markus Schneider, Koordinator "Alltagsbegleiter", Telefon (06872) 49 00, Karin Jacobs, Kontaktzentrum für Hospiz und Demenz, Telefon (06835) 40 22.

HintergrundSeit 2008 bietet die Caritas in den Landkreisen Merzig-Wadern und Saarlouis das Modellprojekt "Alltagsbegleiter" an, das vom Land gefördert wird - in beiden Landkreisen leben rund 5000 Demenzkranke. Ziel ist die Entlastung von Familien, die Demenzkranke betreuen. Die Caritas schult und entlohnt die Alltagsbegleiter. Zur Zeit betreuen 45 Mitarbeiter etwa 80 Demenzkranke in den Familien. Der Aufwand beträgt pro Stunde 12 Euro. Diese Kosten können über die Pflegeversicherung finanziert werden. Eine Familie, die wegen besonders erhöhtem Betreuungsbedarf 200 Euro monatlich erhält, kann damit rund 16 Stunden Alltagsbegleitung finanzieren. mwi