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Museum Sammlung Zimmer in Hilbringen
1000 Quadratmeter für die neoexpressive Kunst

 Ein Einblick in das private Museum des Rheumatologen Martin Zimmer in Hilbringen. Ein Großteil der dort ausgestellten Werke stammt von Maler Rainer Fetting.
Ein Einblick in das private Museum des Rheumatologen Martin Zimmer in Hilbringen. Ein Großteil der dort ausgestellten Werke stammt von Maler Rainer Fetting. FOTO: Werner Krewer
Merzig-Hilbringen. Das „Museum Sammlung Zimmer“ in Hilbringen beherbergt 150 beeindruckende Werke der „Neuen Wilden“ um Maler Rainer Fetting. Von Julia Franz

Die Augen sind zunächst überfordert. Man weiß gar nicht genau, wo man zuerst hinschauen soll. Strahlende, bunte Farben, wilde Motive und Figuren auf vielen großformatigen Leinwänden. Die Kunst begleitet den Betrachter hier auf Schritt und Tritt. In jeder Ecke des großen, modernen und fast schon spartanisch eingerichteten Hauses gibt es auf mehreren Etagen etwas Neues zu entdecken. Am besten, man lässt sich führen. Und zwar von Martin Zimmer, der mit seiner Frau Gudrun im Merziger Stadtteil Hilbringen ein Privatmuseum unterhält – auf über 1000 Quadratmetern in seinen eigenen vier Wänden. 500 Quadratmeter davon dienen als Wohnraum, der Rest fungiert ausschließlich als Ausstellungsfläche.


In seinem „Museum Sammlung Zimmer“ beherbergt das Ehepaar knapp 150 Werke der „Neuen Wilden“. Unter dem Begriff der „Neuen Wilden“ oder auch „Jungen Wilden“ wird die deutsche neoexpressive Kunst der 1980er Jahre zusammengefasst, die sich in Berlin, Hamburg und Köln zentrierte. In fast 40 Jahren haben Gudrun und Martin Zimmer eine beachtliche Sammlung zusammengestellt, die sich hauptsächlich mit den Werken der 80er Jahre beschäftigt. Kernstück der Sammlung sind die Moritzplatzmaler, eine Gruppe junger Maler, die 1977 in Berlin die „Galerie am Moritzplatz“ gründeten, um die Hauptakteure Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer.

Gekrönt wurde ihre Sammelleidenschaft mit einem im Jahr 2008 begonnenen und 2015 fertiggestellten Museumsbau – ein Herzenswunsch von Martin Zimmer, der schon als Kind davon träumte, in seinem eigenen Museum zu leben. „Bilder müssen angeschaut werden, man darf sie nicht verstecken“, sagt Zimmer aus tiefster Überzeugung und ergänzt: „Die Sammlung erhebt keinen kunsthistorischen Anspruch. Sie ist ausschließlich als das subjektive Auge eines Sammlers zu verstehen, der Kunst intuitiv und nicht akademisch erfasst.“



Eine Abgrenzung zwischen den privaten Räumlichkeiten der Familie und der neu erbauten Museumsfläche im Anbau ist kaum zu erkennen. Alles bildet eine perfekt aufeinander abgestimmte Einheit. Direkt hinter der Eingangstür des Wohnhauses hängt ein Porträt, gemalt von Fetting, mit dem Titel „Melancholischer N. Y. Cop (Sebastian)“ von 2004. Zu sehen ist ein junger Mann mit nacktem Oberkörper, der eine Polizistenmütze trägt. Der junge Mann auf dem Öl-Gemälde ist Sebastian, der Sohn der Familie Zimmer. Das Porträt entstand im Jahr 2004 in New York während einer gemeinsamen USA-Reise von Sebastian und dem Künstler selbst.

Im Eingangsbereich des hellen und lichtdurchflutenden Museumsanbaus werden die Besucher von einer Willy-Brandt-Büste aus Gips begrüßt, die Fetting zur Museums-Eröffnung bemalt und als Geschenk übergeben hat. Schwerpunkt der Zimmer-Sammlung ist Fettings Frühwerk um die Mauer-, Van-Gogh- und Dusch-Werke. Aber auch Bilder wie der „Maleraffe“ von Jörg Immendorff oder der „Jaguar“ von Karl-Horst Hödicke finden sich in der Sammlung wieder.

Wenn man dem 70-jährigen Martin Zimmer inmitten seiner Gemälde zuhört, merkt man schnell, dass sein Herz vollkommen für die Kunst schlägt. Ein bisschen Verrücktheit und Abenteurlust gehören sicher auch dazu, wie er bestätigt. Der Rheumatologe ist Kunstsammler und Experte aus Leidenschaft und teilt diese gerne mit Gleichgesinnten. Mit mindestens genauso viel Leidenschaft arbeitet er noch immer in seiner Praxis in Dillingen. „Der Beruf ist mein Hobby und bereitet mir jeden Tag viel Freude“, erzählt Zimmer, der das tägliche Leben mit seinen Kunstwerken als Bereicherung und perfekte Ergänzung zu seinem Beruf empfindet.

Schon mit zwölf Jahren war Zimmer von der Malerei fasziniert. Nach dem frühen Tod seines Vaters suchte Zimmer Trost und fand ihn schließlich in den Werken von Paul Klee, wie er erzählt. Initialzündung waren Klees die „Villa R“, „Wege nach Kairouan“ oder die „Revolution der Viadukte“. Auch seine Sammelleidenschaft begann früh. Mit 16 Jahren kaufte er sich sein erstes Bild – ein im Stein signierter Druck von Joan Miró. „Für 90 D-Mark. Das war damals richtig viel Geld“, erzählt Zimmer lachend.

Nach seinem Medizinstudium sammelte er in den 70er Jahren zunächst die Werke von saarländischen Künstlern wie Hans Schröder, Edvard Frank oder Jean Schuler, zusätzlich Werke der Künstlergruppe „Spur“. Anfang der 80er Jahre sah er dann erste Bilder der Moritzplatzmaler. Insbesondere die Entdeckung der Bilder von Fetting, der mittlerweile zu einem engen Freund der Familie geworden ist, wurde für ihn zum Glücksfall. Von diesem Moment an war das Sammeln für ihn eine Obsession. „Das war ein neuer Geist in der Malerei. Sinnstarke Bilder im Ausdruck der Zeit, die es so noch nicht gab“, sagt Zimmer voller Begeisterung. Maler wie der mittlerweile 69-jährige Fetting, dessen riesige Willy-Brandt-Skulptur in der SPD-Parteizentrale in Berlin steht, zählen heute zur deutschen Kunstgeschichte.

Zimmer begann deren Kunst in einer Zeit zu sammeln, als sie noch fast unbekannt war. „Und somit auch nicht so teuer“, wie er sagt. Ein Leben lang floss sein ganzes Geld in die Kunst. Dafür traten andere Dinge wie Urlaube in den Hintergrund. Bereut hat er das jedoch nie. „Ich würde alles genauso wieder machen“, sagt Zimmer, der alle Werke selbst platziert und aufgehängt hat. Sowohl den Museumsanbau als auch die Sammlung hat das Ehepaar aus eigener Tasche finanziert und lebte mit chronisch überzogenem Konto, wie Zimmer sagt. Auch um die Reinigung des großen Gebäudes kümmert er sich selbst.

Nicht alle gesammelten Werke hat er ausgestellt. Einige finden sich im Keller, in seiner Praxis oder bei Nachbarn. „Eine Leihgabe hängt im Büro der Saarbücker Oberbürgermeisterin Charlotte Britz“, erzählt Zimmer. Ein Lieblingsbild unter den vielen Werken hat er keins. „Das wechselt je nach Tagesform und Stimmung“, erzählt der Arzt, der selbst viele Ausstellungen besucht. Das Sammeln der „Neuen Wilden“ hat er mittlerweile aufgegeben – bezahlbar sind Werke schon lange nicht mehr.

Sonntagnachmittags öffnet er sein privates Museum für Besucher. Bis zu 800 Kunstliebhaber aus ganz Deutschland finden laut Zimmer jedes Jahr den Weg in den Merziger Stadtteil Hilbringen, um sich von den ausdrucksstarken Farben, Motiven und Figuren in ihren Bann ziehen zu lassen. So wie sie Martin Zimmer jeden Tag aufs Neue in ihren Bann ziehen.

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