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Corona-Krise setzt rheinland-pfälzischen Innenstädten zu

Blick zum Nachbarn : Corona beschleunigt Krise der rheinland-pfälzischen Innenstädte

Erst der Online-Boom, dann Corona: Viele Händler in Rheinland-Pfalz fürchten um ihre Existenz. Damit stehen die Innenstädte vor gewaltigen Umbrüchen.

Der Blick in rheinland-pfälzische Städte ähnelt sich: Geschäfte schließen, Restaurants sind teils gering besetzt, weniger Menschen flanieren durch die Straßen. Auch wenn der Einzelhandel schon vor Corona unter dem boomenden Online-Handel litt: „Die Krise hat diesen Prozess wie ein Brennglas beschleunigt“, sagt der Geschäftsführer des Gemeinde- und Städtebundes Rheinland-Pfalz, Karl-Heinz Frieden. Betroffen seien nicht nur große Städte, sondern auch Mittelzentren und Ortskerne von kleinen Kommunen.

Es brauche Konzepte, um gegenzusteuern und den „Erlebnisraum Innenstadt“ neu zu gestalten, sagt Frieden. Kombiniert mit Angeboten aus Kultur, Kunst und Gastronomie. Damit die Städte eben nicht zunehmend an Leben verlieren - und an Identität. Heißt auch: „Weniger gleichförmige Ketten, mehr individuelle Fachgeschäfte“ mit Beratung. Plus eine engere Verzahnung von online- und stationärem Shoppen. Und gerade in Corona-Zeiten mehr verkaufsoffene Sonntage, fordert er.

„Wir machen uns erhebliche Sorgen, wie es mit den Innenstädten weitergeht“, sagt auch der geschäftsführende Direktor beim Städtetag Rheinland-Pfalz, Michael Mätzig. In den Haupteinkaufsstraßen sehe man es oft noch nicht „so richtig“, aber in Nebenstraßen seien Leerstände erkennbar. Der Handelsverband Deutschland schätzt, dass die Krise das Aus für bundesweit rund 50 000 Geschäfte bedeuten könne. „Ich hoffe, dass es in Rheinland-Pfalz nicht so schlimm kommt, aber es wird definitiv Auswirkungen haben“, sagt Mätzig.

Der Geschäftsführer des Handelsverbandes Rheinland-Pfalz, Thomas Scherer, rechnet Ende 2020, Anfang 2021 mit einer größeren Welle an möglichen Geschäftsaufgaben. Dann würden Stundungen fällig und es stelle sich die Frage, ob die Umsätze ausreichten, um alles zu bezahlen. Es werde dabei „um ein paar 100 Betriebe“ gehen, vor allem inhabergeführte Läden, meint er. „Um jedes Unternehmen ist es schade, weil das einfach die Vielfalt in unseren Innenstädten ausmacht.“

Mit dem Verschwinden von kleinen, individuellen Läden würden Städte „austauschbarer“. Und: „Je uniformer eine Stadt wird, desto weniger attraktiv wird sie für ihre Kunden“, sagt Scherer. Die bisherigen Verluste für den Einzelhandel in der Corona-Krise schätzt er auf einen höheren dreistelligen Millionenbetrag. Normalerweise liege der landesweite Umsatz der rund 12 000 Unternehmen mit gesamt 150 000 Beschäftigten bei rund 29 Milliarden Euro im Jahr.

Noch sei das Vor-Corona-Niveau nicht erreicht: Der Textilbereich schreibe weiter Verluste von 16 bis 20 Prozent. „Es ist nicht alles aufholbar. Wir werden das Minus mitschleppen.“ Und unklar sei, wie die Geschäfte im Laufe des Jahres weitergingen. Wenn es weitere Beschränkungen gebe, „wird das natürlich nicht dazu beitragen, dass man entspannter einkaufen oder bummeln geht“, sagt Scherer.

Um eine „Verwaisung“ der Innenstädte zu verhindern, brauche es neue Geschäftsideen, sagt Mätzig vom Städtetag. „Innenstädte müssen wieder stärker Orte sein, wo man auch tatsächlich wohnt. Es darf nicht sein, dass die Innenstädte nach 18 Uhr aussehen wie ausgestorben.“ Auch Unternehmen sollten mehr in die City gelockt werden. „So hat man wieder mehr Frequenz und es siedelt sich auch wieder mehr Gastronomie an.“ Scherer: „Wir haben in den Innenstädten immer ein Wechselspiel. Das können wir nur lebendig halten, wenn das Angebot stimmt.“

A und O dabei seien die Mieten, sagt der Geschäftsführer des Handelsverbands Region Trier, Alfred Thielen. „Die müssen nach unten gehen.“ Nur so könne man Dienstleister, Unternehmer oder Einwohner halten und neu in die Innenstädte ziehen. Auch in Trier beobachte er, dass es langsam mehr Leerstände gebe. „Die Kaufzurückhaltung ist immer noch präsent. Wir haben einfach kein normales Geschäft.“ Viele Händler machten immer noch 20 bis 30 Prozent weniger Umsatz. Zudem ist Trier ist wie Mainz, Worms und Landau von den angekündigten Filialschließungen von Galeria Karstadt Kaufhof betroffen.

Ein Patentrezept für alle Kommunen gebe es nicht, ist sich Mätzig sicher. Städte seien da zunächst selbst gefordert, Konzepte zu finden. Teilweise gebe es bereits „City Manager“. Eine „geniale Idee“ gebe es in Nordrhein-Westfalen: Dort könnten Kommunen leerstehende Ladenflächen anmieten und sie 50 Prozent unter dem regulären Preis zum Beispiel an Kunsthandwerker vermieten. Die Differenz erstatte den Kommunen dann das Land.

Die Krise und der nun beschleunigte Strukturwandel treffen die Städte hart. Ein Gegensteuern mit finanziellen Mitteln ist angesichts der desolaten Finanzlage der Kommunen kaum möglich: 11 von 20 Städten und Kreisen mit der höchsten bundesweiten Pro-Kopf-Verschuldung (2018) liegen laut Bertelsmann-Stiftung in Rheinland-Pfalz. „Das ist das eigentliche Problem: Dass es in Rheinland-Pfalz im Gegensatz zu anderen Bundesländern keine Rücklagen gibt“, sagt Mätzig.

Er werfe der Landesregierung vor, in den vergangenen Jahren kein Entschuldungsprogramm für die Kommunen auf die Beine gestellt zu haben. „Es gab hervorragende Rahmenbedingungen dafür: Die Zinsen so niedrig wie nie, die Steuereinnahmen sind gesprudelt.“ Das aber habe die Landesregierung verpasst. „Jetzt ist es zu spät dafür. Und jetzt fehlt das Geld für solche Strukturreformen.“

Hinzu komme die Extra-Belastung der Kommunen in diesem Jahr der Krise. „Coronabedingt werden wir einen beispiellosen Einbruch der Steuereinnahmen erleben“, sagt Frieden. Nach vorsichtiger Schätzung gehe er von rund 500 Millionen Euro aus, die fehlen werden. Nicht abschätzbar seien dabei Ausfälle, die sich noch wegen Insolvenzen ergeben würden. Die Sondersteuerschätzung am 15. September werde möglicherweise eine politische Diskussion auslösen, ob die Kommunen ein weiteres Hilfspaket des Bundes benötigten.

(dpa)