Michael Pauken war die Liebe wichtiger als sein Amt als Priester

Bistum Trier : „Der Zölibat ist ein Riesenproblem“

Immer wieder geben Priester ihr Amt auf, weil sie die verordnete Ehelosigkeit nicht leben wollen. Wie Michael Pauken, der mal der Pfarreiengemeinschaft Oberthal-Namborn vorstand. Der Zölibat hat das Bistum Trier seit 2014 sieben Priester gekostet.

Dreieinhalb Jahre ist es her, dass Michael Pauken sein Amt als Priester aufgegeben hat. Weil er sich in eine Frau verliebt hat, mit der er zusammen sein wollte. Heute ist er mit ihr verheiratet, hat eine kleine Tochter – und leitet ein Seniorenheim in Kell am See im Kreis Trier-Saarburg. Den Schritt, seinen Job im Bistum Trier aufzugeben, habe er nie bereut. „Ich weiß, es war richtig“, sagt der 46-Jährige. Auch, wenn er sich seine Entscheidung, als er noch der Pfarreiengemeinschaft Oberthal-Namborn im Saarland vorstand, alles andere als leicht gemacht hat.

Er habe damals „praktisch nur noch für den Beruf gelebt“ und sich alleine gefühlt. „Es fehlte die Mitte.“ Die Beziehung mit Claudia habe sich langsam entwickelt. Und irgendwann war ihm klar, dass sein Weg nicht am Altar weitergehen konnte, weil katholische Priester zur Ehelosigkeit verpflichtet sind. „Leider. Ohne den Zölibat wäre ich Pfarrer geblieben. Dann hätte es keinen Grund gegeben zu gehen“, sagt der gebürtige Koblenzer. Er ist überzeugt: „Beides würde sich gegenseitig nicht behindern.“

Längst ist er aber in seinem neuen Beruf als Leiter eines Seniorenheims des Deutschen Roten Kreuzes mit gut 80 Plätzen und 75 Mitarbeitern angekommen. Dabei kam ihm zugute, dass er vor seiner Priesterweihe 2006 Krankenpfleger war. „Es hat hier alles so sein Gleichgewicht“, sagt Pauken. Er bringe quasi alles ein, was er vorher erlernt habe. „Auch, was ich als Pfarrer vor allem an Fingerspitzengefühl gelernt habe, kann ich hier in vielen Dingen gut gebrauchen.“

Pauken ist einer von insgesamt sieben Priestern, die seit 2014 im Bistum Trier ihr Amt wegen des Zölibats aufgegeben haben. „Lebensentwürfe können scheitern, das ist auch bei Priestern so“, sagt Bistumssprecherin Judith Rupp. Auch wenn jeder Weggang eines Priesters bedauerlich sei, „respektieren wir doch die Entscheidung der betroffenen Männer“. Die Zahl der Fälle sei in den vergangenen Jahrzehnten nicht gestiegen.

Wenn ein Priester sich entscheide, den Dienst aufzugeben, ende damit der Anspruch auf Besoldung. Das Bistum versichere den ausscheidenden Priester für die Zeit seiner Tätigkeit in der Rentenversicherung nach. Im ersten Jahr nach dem Ausscheiden zahle das Bistum Beträge analog zu Arbeitslosengeld (ALG) I. Zum Bistum gehören knapp 1,4 Millionen Katholiken in den ehemaligen Regierungsbezirken Trier und Koblenz sowie in weiten Teilen des Saarlandes.

Im Bistum Mainz mit rund 730 000 Katholiken haben seit 2014 drei Geistliche ihr Amt aufgegeben, wie die Diözese mitteilt. Im Vergleich zum Fünf-Jahres-Zeitraum zuvor auch keine Zunahme. „Dass Priester ihr Amt aufgeben, hat es immer gegeben“, sagt Bistumssprecher Tobias Blum. „Allerdings muss man darauf hinweisen, dass der Zölibat nicht der einzige Grund dafür ist, dass Priester ihr Amt aufgeben.“ Neben einer Übergangshilfe gebe es ebenfalls eine Nachversicherung in der Rentenversicherung sowie Hilfe beim beruflichen Neuanfang.

Den Bistümern Speyer und Limburg ist Personalverlust wegen des Zölibats in den vergangenen fünf Jahren erspart geblieben. Ein Geistlicher habe sich jedoch beurlauben lassen, um über diese Frage nachzudenken, sagt Bistumssprecher Stephan Schnelle in Limburg. Nach Angaben des Bistums Speyer wird ein Priester im Fall des Ausscheidens ein Jahr mit einem Übergangsgeld unterstützt. Zudem erfolge dann eine Nachversicherung bei der Rentenversicherung.

Nach Angaben der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen befinden sich die Männer bei der Aufgabe ihres Amtes stets „in einer schwierigen Situation“. „Weil es auch eine existenzielle Situation ist“, sagt Vorsitzender Hans-Jörg Witter in Oberhausen. Nicht jeder habe vorher einen Beruf gelernt. Und: Je älter man sei, desto schwieriger. Witter (55) war vor etlichen Jahren aus dem katholischen Kapuzinerorden ausgetreten, nachdem er seine Frau in Brasilien kennengelernt hatte. Er hat dann umgeschult zum SAP-Fachmann. Zur Vereinigung gehören rund 170 Ex-Priester und deren Frauen.

Die Diskussion um den umstrittenen Zölibat wurde jüngst bei der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz angefacht. Ihr Vorsitzender Reinhard Marx sagte, es müsse die Frage erlaubt sein, ob verheiratete Priester in der katholischen Kirche die absolute Ausnahme bleiben müssten. Bei der Sexualmoral gebe es „einen außerordentlichen Gesprächsbedarf“, befand der Münchner Kardinal und frühere Trierer Bischof.

Pauken, der mit seinem Glauben nicht gebrochen hat, gibt sich hoffnungsvoll, dass der Zölibat irgendwann „fallen“ wird: „Ich denke schon, weil der Druck so hoch ist. Das ist so ein bisschen wie mit der Berliner Mauer: Die Frage ist nur, wann kommt der Tag?“, sagt er. Er traue Papst Franziskus „da durchaus noch etwas zu“. Ohne den Zölibat hätte die katholische Kirche viel mehr Priester: „Wenn ich alle Frauen ausschließe und dann noch alle Männer, die nicht alleine leben wollen, bleiben nicht mehr viele übrig.“

Zudem werde der Zölibat auch in der Gesellschaft immer kritischer gesehen: „Man wird ja mittlerweile eher als abnormal auch in der Gemeinde angesehen. Die Leute bedauern einen ja eher dafür“, sagt Pauken, der noch am Rande kirchlich aktiv ist. Der Zölibat sei „keine Hilfe mehr, wie es eigentlich sein sollte, sondern ein Riesenproblem, dass auch in den Gemeinden kein Mensch mehr will“.

Michael Pauken noch als Pastor von Oberthal und Namborn. Foto: B & K/Franz Rudolf Klos

Kirchlich heiraten durfte er nicht. „Dafür hätte ich die Laisierung beantragen müssen, das habe ich aber bewusst nicht gemacht.“ Warum nicht? Weil er noch Hoffnung hat, dass irgendwann auch verheiratete katholische Priester zugelassen würden. „Ich warte auf den Tag, dass es keinen Zölibat mehr gibt. Und dann würde ich gerne neben meinem jetzigen Beruf aushelfen und mal am Wochenende einen Gottesdienst halten und als richtiger Priester Sakramente spenden.“

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