Schreckensbild Internet-Warenkorb

Apotheker, Optiker, Spielwarenhändler, Reformhäuser – in Zweibrücken kämpfen ganz unterschiedliche Einzelhandelsbranchen gegen die zunehmende Konkurrenz aus dem Internet. Wie die Händler damit umgehen und welche Verbesserungen sie sich allgemein für den Einzelhandel in der Rosenstadt wünschen – das wollte der Merkur bei einer kleinen Befragung vor Ort wissen.

Was haben Abführmittel, Kontaktlinsen , Brettspiele und süße Apfelringe gemeinsam? Sie alle sind im Internet per Mausklick über den virtuellen Warenkorb von Einkaufsportalen bequem erhältlich. Was früher undenkbar war, ist damit bei der Internet-Generation selbstverständlich geworden: Gekauft wird zu Hause, besonders günstig und absolut komfortabel. Zum Verdruss auch der Zweibrücker Einzelhändler verschiedenster Branchen, denen zusehens die Geschäfte verhagelt werden.

Die Nische besetzen

Etwa bei den Optikern, stark vertreten in Zweibrücken . Eine Nische besetzen und so das Auskommen sichern, ist nach eigenen Angaben seit 2008 das Rezept von Marianne Burger und Andrea Kirmse von "Die 2 Augenoptiker". "Wir haben das Geschäft nicht geerbt oder übernommen, sondern selbst gegründet. Wir wussten, welchen Weg wir gehen", so Burger. Dieser Weg sieht modisch angehauchte Brillen vor, individuelle Stücke fernab der Massenware, die man im Internet nicht findet. Es komme dennoch bisweilen vor, dass sich Kunden in ihrem Geschäft einen "Geschmack holen", dann im Netz bestellten. Allerdings kauften die gleichen Kunden bei ihnen, wenn sie eine besondere Brille haben möchten. Von eigenem Internet-Verkauf hält Burger nichts: "Wir haben die Website zum informieren, aber keinen Online-Handel. Wenn man hier als kleiner Händler einsteigt, rentiert sich das eher nicht. Mit zwei verkauften Kontaktlinsen am Tag kann man keinen Internet-Handel betreiben." Allerdings passe man online gekaufte Kontaktlinsen an, sei erster Ansprechpartner bei Problemen. Mit Brillen klappe Online-Handel eher. Um mit der Konkurrenz im Netz mithalten zu können, qualifizierten sich Burger und Kirmse ständig weiter: "Alles andere wäre der Tod in unserer Branche."

Erschwerte Bedingungen sieht hingegen Klaus-Peter Stoltz, Chef des gleichnamigen Naturwarenladens, in den spezifischen Bedingungen in der Rosenstadt. Etwa die uneinheitlichen Öffnungszeiten seien problematisch. Stoltz: "Wir müssten die Vision ‚Zweibrücken als Einkaufscenter' managen und verwirklichen, auch bezüglich der Öffnungszeiten".

Besserer Branchenmix

Er bemängelt auch den in seinen Augen unausgewogenen Branchenmix mit zu vielen Billiggeschäften und einerlei Angebot. Dem entgegenzuwirken, liege an den Vermietern. Die Stadt indes müsse an einem funktionierenden Stadtmarketing arbeiten, schließlich sei seit dem Weggang von Annette Hübschen keine professionelle Leitung mehr vorhanden. Die Geschäfte selbst müssten ihre Außendarstellung und Service verbessern und ihre Mitarbeiter schulen. "Allgemein ist das hier nicht professionell genug", moniert Stoltz, der monatliche Fach- und Serviceschulungen durchführe. Was die Online-Konkurrenz angeht, sieht sich Stoltz nur bedingt betroffen: "Es ist schon ein enormer Wettbewerb, jedoch ist den Kunden die persönliche Beratung sehr wichtig, etwa in Sachen Ernährung und Allergien. Das Internet kann diese nicht ersetzen." Über seine Website seien "Einzelbestellungen für Leute, die irgendwo auf dem Land leben" möglich. Laufkundschaft komme in den letzten Jahren auch immer mehr, was er auf die präsentierten Waren vor dem Geschäft ebenso schiebt wie auf den Umstand, dass es seine Produkte so nicht überall gebe. Dass die Fußgängerzone in neuem Glanze erstrahle, sei ebenfalls wichtig, die Leute fühlten sich wohler.

Die Sache mit dem Trinkgeld

Ein dickes Lob für die neu gestaltete Fußgängerzone hat auch Sandra Cleemann vom Spielwarengeschäft Cleemann auf Lager: "Es kommen jetzt mehr Kunden . Es ist eine schöne Geräuschkulisse, Kinder spielen an den Wasserspielen. Wir haben auf jeden Fall gewonnen." Doch die Internet-Konkurrenz mache auch der Spielwarenbranche "viel zu schaffen": "Das merken wir ganz extrem. Im Internet sind etwa die Schulranzen billiger. Die Händler beraten ja nicht wie wir. Kein Wunder also, dass die Ranzen dort zehn, zwanzig Euro billiger sind." Um ihren Kunden einen Mehrwert zu bieten, lege Cleemann bei Schulranzen beispielsweise eine Gratis-Bastelbox als Dankeschön drauf. Im Einzelhandel verhalte es sich genau umgekehrt wie in der Gastronomie. Cleemann: "Wenn man gut essen geht, gibt man ein Trinkgeld. Wenn man bei uns gut beraten wurde, will man es sogar noch ein bisschen günstiger." Kunden gäben auch offen zu, dass sie im Internet bestellten, nachdem sie zuvor im Laden beraten worden seien. Oder erböten Nachlass, wenn sie das gleiche Produkt im Internet billiger finden. "Wir haben aber Personal, das abends auch etwas in der Tasche haben möchte." Auch Aktionen wie der jährliche Ranzentag helfen, Kunden ins Geschäft zu locken. Im Kampf gegen die Web-Konkurrenz hat die Laden-Leiterin selbst einen Online-Handel eröffnet. "Der Shop klappt in der Weihnachtszeit sehr gut, im Moment nicht so", schildert Cleemann. Vor Weihnachten ließen sich viele Leute Waren nach Hause schicken, um sie anzuschauen und auszuprobieren.

Bei Apotheken erwartet man in der Regel auch wenig Rücklauf, unter der Internet-Konkurrenz leiden auch sie aber mächtig. Etwa die seit 1985 in Zweibrücken beheimatete Rats-Apotheke, die seit 2003 Arno Wagner leitet. Sein Rezept gegen die Online-Mitbewerber: Schnelligkeit. "Durch Sofortbelieferung sind wir sehr stark am Zug, bei hochpreisigen Sachen oder Dauerpatienten." Auch Wagner betreibt einen Online-Shop: Hier bestellte Medikamente, Kosmetik, Nahrungsergänzungs- oder Heilmittel können entweder am nächsten Tag im Laden abgeholt werden oder sie werden im 25-Kilometer-Radius per Botenservice an die Besteller ausgeliefert. Doch die meisten Kunden seien Patienten im Ärztehaus in der Poststraße. Gerade bei Menschen mit schwierigen Erkrankungen setze man auf eine individuelle Betreuung. Den Apotheker ärgern dabei vor allem die Arznei-Konzerne: "Es ist deren Strategie, dem Einzelhandel keine Vorteile einzuräumen. Das fliegt ihnen hoffentlich mal um die Ohren."

Steuererlass gefordert

Und auch die Stadtpolitik sieht Wagner in der Pflicht. "Man könnte sich ein Beispiel an Sankt Wendel nehmen. Dort erlässt man den Leuten ein Jahr die Gewerbesteuer", so Wagner, der auch einen möglichen Mietzuschuss anführt und mehr Druck auf die Besitzer von Schrottimmobilien wie dem "Taubenhaus" gegenüber der Rats-Apotheke fordert.

Lob hat Wagner für das Zweibrücker Stadtfest und Glanzlichter wie die Halloweenparty zu verteilen. Auch er findet die neue Fußgängerzone gelungen, seine Bekannten in der Heimatstadt Sankt Ingbert lobten diese ebenso. "Spürbar mehr Kundschaft bringt sie uns in der Seitenstraße aber wie zu erwarten nicht."