Metzer Starauftritt für die Saarländer

Metzer Starauftritt für die Saarländer

Eine deutsche und eine französische Kuratorin haben die Beziehungen zwischen den Avantgarden ihrer Länder erforscht – an Hand der Bestände des Saarlandmuseums. Das Metzer Centre Pompidou räumt dafür eine ganze Etage frei, stellt die Saarbrücker Sammlung in die Vitrine. Am 29. Juni eröffnet „Zwischen zwei Horizonten“.

Roland Mönig, Direktor des Saarlandmuseums, ist nicht nur qua Amt der größte Fan der eigenen Sammlung; er brennt auch persönlich für seine Werke. Trotzdem macht ihn die Begeisterung nicht blind für Realitäten: Meisterwerke haben die Franzosen, vor allem die Pariser, genug. Dass sie eigens für einen weiteren Pissarro, Signac oder Rodin nach Metz reisen, ist auszuschließen. Selbst dann, wenn man sie, wie es gerade jetzt geschieht, am Pariser Gare de L'Est auf Riesenplakaten mit den Juwelen aus der Saarbrücker Sammlung locken würde.

Doch das Metzer Team um die Kuratorin Alexandra Müller konnte sich sehr gut vorstellen, dass eine bisher durch Ausstellungen kaum beleuchtete, frische Thematik die eigenen Landsleute sehr wohl anspricht: die Beeinflussungen zwischen deutscher und französischer Moderne. In großem Stil nahm letztmals Ende der 70er Jahre "Berlin-Paris" die Verflechtungen und Konkurrenzen der deutschen und französischen Kunstszene in den Blick. Das Modell wird in Metz nun nicht etwa kopiert, sondern ganz anders aufgezogen. Die in den 20er und 50er Jahren zwischen zwei nationalen Horizonten aufgebaute Sammlung des Saarlandmuseums dient als filternder Spot aufs Thema. Und sie ist beispielsweise genau dort besonders reich, wo in französischen Präsentationen Lücken klaffen, etwa im deutschen Impressionismus. Corinth und Slevogt seien, berichtet Kuratorin Müller, "vollkommen unbekannt". Und der deutsche Expressionismus gelte immer noch als eine Subbewegung des Fauvismus. Da werden sich die Franzosen in Metz ganz schön wundern.

Insofern verbietet es sich, die Schau "Entre deux horizons/Zwischen zwei Horizonten", die im Centre Pompidou eine riesige Etage (1100 Quadratmeter) einnimmt, nur als Werbemaßnahme für das Saarlandmuseum zu sehen. Gleichwohl wird ein Modell des Erweiterungsbaus im Foyer des Centre Pompidou aufgestellt - ein Lockruf an die vielen Architekturfans, die nach Metz pilgern.

Kurz: "Entre deux horizons" will mehr sein als eine Bestenshow, das Projekt folgt einem beachtlichen kunsthistorischen Ehrgeiz. So ist sie denn auch mehr als eine Freundschaftsgeste gegenüber den Saarländern, deren Sammlung während der Umbau- und Schließungsphase der Modernen Galerie ja nun mal weggepackt ist, voraussichtlich bis Herbst 2017. Da ist ein halbes Jahr Asyl schon eine "großzügige Geste", wie Museumschef Mönig meint. Zumal sein Haus in eine der wohl prominentesten Museumsvitrinen einzieht, die Frankreich zu bieten hat. Durchschnittlich 300 000 Besucher zählt das Metzer Haus.

Auch für Saarländer lohnt der Weg. Denn sie werden ihrer Kunst in überraschenden Bezügen wiederbegegnen. Vor allem aber werden sie sie frappierend selbstbewusst erleben. Die Metzer wählten fanalartige Knallfarben für die Kabinette, etwa Königsblau, Kanariengelb, Tomatenrot. Schaut her, hier sind wir!, scheinen die Saarbrücker Werke zu rufen.

Über 35 000 Werke zählt die Saarbrücker Sammlung, 230 Hauptwerke - auch Grafik, Skulpturen und Fotografien - wurden von Alexandra Müller und ihrer Saar-Co-Kuratorin Kathrin Elvers-Svamberk ausgesucht. Beide berichten von einem durch und durch "einvernehmlichen" Prozess. Beiden ging es nicht um eine lückenlose Durchleuchtung des Themas, sondern auch darum, die Spezialitäten einer Sammeltätigkeit darzustellen, die ein (Bundes-)Land unter französischem Protektorat entwickelte. Die Sammeldefizite der Saarländer werden also mitdokumentiert: Matisse-Malerei fehlt, Dada und Surrealismus.

Mag sein, das liegt am "angeborenen" binationalen Blick von Alexandra Müller, die in der Eifel geboren wurde und seit Studientagen in Frankreich lebt. Überhaupt bestimmten die Metzer die Präsentationslinie: chronolgischer Durchgang vom Impressionismus bis zur Gegenwart, viel Text und Vitrinen mit Dokumenten, die den zeit- und kulturhistorischen Kontext erläutern. Für das auf "pure" Kunst setzende Mönig-Team eine "Impuls gebende Erfahrung", so Elvers-Svamberk. Man habe dazu gelernt, meint auch Museumschef Mönig und nennt als Beispiel dafür die Aufwertung der Rolle Edgar Jenés, eines in Saarbrücken geborenen Surrealisten. Auch holte Müller Nolde-Aquarelle aus dem Dunkel, die in Saarbrücken aus konservatorischen Gründen kaum je gezeigt wurden. "Es ist ein Fest für uns", freut sich Elvers-Svamberk.

"Entre deux horizons/Zwischen zwei Horizonten": 29. Juni bis 16. Januar, zehn bis 18 Uhr, Fr, Sa, So bis 19 Uhr, Di geschlossen.