Ein Modell kultureller Nachhaltigkeit

Ein Modell kultureller Nachhaltigkeit

Nun, wo Licht am Ende des entsetzlich lang gewesenen Finanzierungstunnels zu sehen ist, konkretisiert Jo Enzweiler seine Pläne für das Saarlouiser Forschungszentrum für Künstlernachlässe der Region.

Endlich, nach jahrelanger zäher Vorarbeit, wird das Jo Enzweiler vorschwebende saarländische "Forschungszentrum für Künstlernachlässe" realisiert. Nach jetzigem Stand könnte es Anfang 2017 seinen Betrieb aufnehmen, untergebracht in einem Erweiterungsbau des von Enzweiler 1993 gegründeten Saarlouiser Instituts für aktuelle Kunst. Endlich, weil sich damit das unwürdige Ende so manchen, regional bedeutsamen Künstlernachlasses (verramschte Konvolute, leichtfertig in alle Winde verstreute Lebenswerke) künftig verhindern ließe und überforderten Erben (Platz!, Kosten! Bestandserfassung!) Abhilfe geboten würde.

Das Saarlouiser Institut ist prädestiniert dazu, diese bildkünstlerische Gedächtnisarbeit zu leisten. Seine bis heute gut 150 Veröffentlichungen kann man nicht anders als vorbildlich nennen: Hochwertig gestaltet, zeugen sie von wissenschaftlicher Akribie. Was umso bemerkenswerter ist, wenn man um die chronische Unterfinanzierung des kleinen Instituts weiß (siehe Info). Kann es sein, dass seine verdienstvolle Tätigkeit auch deshalb so miserabel alimentiert wird, weil das Land seiner regionalen Kunst generell wenig Aufmerksamkeit schenkt?

Nicht von ungefähr erinnerte Enzweiler bereits vor Jahren im Dokumentationsband eines 2008 in Saarlouis veranstalteten Symposiums zu Künstlernachlässen in der Großregion daran, dass seit der Abwicklung der Landesgalerie im Saarlandmuseum "an keiner Stelle des Landes in repräsentativer Form Beispiele der regionalen Kunst, z.B. nach 1945, öffentlich zugänglich sind". Ungeachtet des ein oder anderen Schlaglichts, das das Saarbrücker KuBa oder das Museum St. Wendel werfen, ist das bis heute so. Diese Leerstelle könnte ansatzweise das Nachlasszentrum ausfüllen. Originale bildeten, so Enzweiler, "den letzten Baustein in der Dokumentationskette des Instituts".

Die Gestaltwerdung des Nachlass-Zentrums verdankt sich einem glücklichen Zufall: Der Investor mehrerer unmittelbar an das Institut angrenzender Wohnanlagen bot diesem das knapp 400 Quadratmeter große Erdgeschoss einer Halle (Teil einer früheren Zigarettenfabrik) schlüsselfertig an. Und dazu, selbige durch einen gläsernen Anbau mit dem Institut zu verbinden. "Wäre die Halle hundert Meter weg von uns, hätte es diese Synergien nicht gegeben", so Enzweiler. Mit gut 80 000 Euro, worin bereits eine zusätzliche halbe wissenschaftliche Planstelle eingerechnet ist, veranschlage man fürs erste die jährlichen Betriebskosten, sagt Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD). Er hat sich nach eigenen Worten innerhalb der großen Koalition für das Nachlasszentrum eingesetzt, das "vor einem Jahr eigentlich schon beerdigt gewesen" sei. Nun kommen 30 000 von Saartoto, 20 000 vom Land und 25 000 von der Stiftung der Metall- und Elektroindustrie. Außerdem macht Saarlouis' OB Roland Henz (SPD), der Enzweiler seit Jahren nach Kräften unterstützt, 15 000 Euro aus dem Stadtsäckel locker - 7000 Euro mehr als das Institut für aktuelle Kunst bis dato erhält.

Henz sieht das Land am Zug, die Finanzierung des Nachlasszentrums dauerhaft zu sichern. Seine Argumentation ist folgerichtig. Institut und Nachlasszentrum übernähmen Aufgaben von landesweitem Interesse: die Sicherung und Verfügbarmachung moderner regionaler Kunst. Der Minister kontert, auch der Landkreis Saarlouis müsse mal Farbe bekennen. Erwünscht sei im Übrigen auch bürgerschaftliches Engagement. Commerçon zufolge ist die Grundfinanzierung abgesichert. Ihm ist jedoch klar, dass mittelfristig noch ein Nachschlag her muss, um das Projekt personell tragfähig zu machen.

Enzweiler will das Forschungszentrum auf drei Beine stellen: Außer einem Studiensaal, in dem auch die 10 000 Kunstbände umfassende Institutssammlung (nebst allerlei Graphiken) vorgehalten werden soll, sowie einem Schaulager, in dem Depotbestände verwahrt, Teile davon in Mini-Ausstellungen präsentiert und auf Anfrage zugänglich gemacht werden, ist drittens eine Artothek Teil des Konzepts. Diese soll durch den Verleih oder Verkauf von Kunstwerken Finanzmittel für den wissenschaftlichen Betrieb generieren. Enzweiler, der überhaupt nur durch jahrzehntelange Betteltouren die hohen Standards seines rührigen Instituts zu gewährleisten wusste, ist klar: Viel mehr als das nun Avisierte ist von der Politik auf Dauer kaum zu erwarten.

Mithin will das Institut ein eigenes Refinanzierungsmodell auflegen. Auf zwei Wegen: Zum einen müssten sich Nachlassgeber vertraglich verpflichten, Teilbestände für den Artothekbetrieb freizugeben. Zum anderen würden aus einer privaten Stiftung bald "einige tausend Werke" als Vermögen in das Nachlasszentrum einfließen, wovon Teile veräußerbar seien, kündigt er an. Kern der Artothek-Idee, für die es bundesweit Beispiele zuhauf gibt, ist die gebührenpflichtige Werk-Ausleihe, etwa an Kanzleien, Arztpraxen, Hotels und Privatleute. Für potenzielle Nachlassgeber sieht der 82-Jährige einen lukrativen Nebeneffekt: Außer der Aussicht auf ein wissenschaftlich aufgearbeitetes, digital zugängliches Werkverzeichnis und die fachgerechte Aufbewahrung und Betreuung der Werke könne es für Erben eine Option sein, dass Institut wie Nachlasszentrum ihr Knowhow auch im Hinblick auf Kunstvermittlung oder Verkauf einbrächten.

"Ohne in Konkurrenz zu Galerien treten zu wollen", betont Enzweiler. Denkbar sei, dass ein Werkkonvolut unveräußerlicher Bestandteil des Zentrums bleibe und ein Teil im Besitz der Erben. Weil das neue Forschungszentrum kein Gemischtwarenladen sein will und nur über geringe Lagerkapazitäten verfügen wird, wird die kunsthistorische Bedeutsamkeit der angebotenen Nachlässe maßgebliches Auswahlkriterium sein. Doch selbst, wo die außer Frage steht, werden sich nur Kernbestände einlagern lassen, die Konvolute jedoch in Gänze digitalisiert werden.

Mit Blick auf das Erreichte ist Enzweiler, dessen Verdienste für die Regionalkunst gar nicht hoch genug zu veranschlagen sind, zuversichtlich und zurückhaltend gleichermaßen. Projektförderer zu suchen, bleibe "lebensfüllend", sagt er lapidar. Über die Jahre sei er mit dem Institut "im Kleinen, Effektiven, Überschaubaren angekommen". Stoisch seinem Prinzip "stiller, nachhaltiger Schritte" folgend. Er verspricht, das Nachlasszentrum werde "eine ganz lebendige Kiste" und seine Schätze allen Interessierten so unmittelbar wie irgend möglich vorhalten.

Eine Region braucht, will sie dauerhaft überleben, Selbstbewusstsein, weshalb sie ihr Erbe kennen, pflegen muss. Insoweit liefert Enzweiler, dieser Sisyphos von Saarlouis, die besten Argumente für sein Nachlasszentrum: "Man kann eine Kulturregion nur erkennen, wenn man sieht, was dort passiert."

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Das Institut für aktuelle Kunst, eingefasst von neugebauten Wohnanlagen, am Saarlouiser Choisyring. Foto: Rolf Ruppenthal. Foto: Rolf Ruppenthal

Auf einen Blick Das Institut für aktuelle Kunst wurde 1993 auf Initiative von Jo Enzweiler gegründet. Getragen wird es von einem Förderverein. Zweck des Instituts, einer Ausgliederung der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK), ist die Dokumentation und Vermittlung von regionaler Kunst. Die Stadt Saarlouis stellt dem Institut unentgeltlich das ehemalige Pulvermagazin am Choisyring zur Verfügung, das Land finanziert dessen einzige Vollzeitstelle. Enzweiler arbeitet ehrenamtlich, fünf weitere Mitarbeiter müssen seit Jahren immer wieder über Werkverträge bezahlt werden - finanziert größtenteils über Dokumentations- oder Begutachtungsaufträge des Instituts und über Sponsorenmittel. Schwerpunkte der Institutsarbeit sind die Erarbeitung von Werkverzeichnissen, die saarlandweite, lückenlose Inventarierung der Kunstwerke im öffentlichen Raum nach 1945 und als work-in-progress Internetlexika zur Kunst und zu zeitgenössischen Künstlern der (Groß-)Region. In Planung ist ein zweisprachiger regionaler Internet-Kunstführer. Der Archivbestand umfasst bislang Informationen über 3500 Künstler, 3200 Kunstwerke im öffentlichen Raum, 4000 Ausstellungen der Region. Gesammelt wurden 9000 Fotos und 25 000 Zeitungsberichte über Künstler und Kunstgeschehen, alle hinterlegt in einer Datenbank. cis