Bruchlandung am Ende der Ära Schlingmann

Bruchlandung am Ende der Ära Schlingmann

Vier Regisseure verderben den Brei und verhunzen die Saarbrücker Version von Joël Pommerats Stück „La révolution“.

Der Anstands- und Abschiedsapplaus, nachdem endlich Schluss war am Samstag in der Alten Feuerwache, konnte über eines nicht hinwegtäuschen: Es war ein verhängnisvoller Fehler, gleich vier Regisseure auf Joël Pommerats Revolutionsstück anzusetzen. Dabei hatte die Idee durchaus Charme, den darin verhandelten Kollektivgeist auf der Inszenierungsebene zu spiegeln. Doch Pommerats in der deutschen Fassung "La révolution #1 - Wir schaffen das schon" betiteltes, die Anfänge der Französischen Revolution rekonstruierendes Textungetüm braucht auf der Bühne ob der Vielzahl seiner Figuren und Positionen eine ordnende Hand.

Weil man in Saarbrücken zu allem Unglück meinte, die Gastregisseure erst zu den Endproben in die Konzepte des jeweils anderen einweihen zu müssen, brach die aus vier Szenenblöcken bestehende Saarbrücker Version komplett auseinander. Man hätte Intendantin Dagmar Schlingmann und ihrem fast geschlossen mit ihr gen Braunschweig ziehenden Schauspielensemble wahrlich einen anderen Abschied gewünscht. So aber endet diese Ära mit einem Fiasko.

Um mit dem Ende zu beginnen: Dass man - malträtiert von Marcus Lobbes' Regieeinfall, die Schlussszenen des Stücks über eine halbe Stunde hinweg auszugsweise reihum vom Ensemble vorlesen zu lassen - regelrecht das Finale des fast dreieinhalbstündigen Abends herbeisehnte, ist symptomatisch für dieses kapital gescheiterte Regie-Experiment. Dabei führt Lobbes' Kniff, die Einlassungen von König, Ministern, Deputierten und einfachem Volk vom Blatt vortragen zu lassen, anfänglich nicht nur zu der an diesem Abend oft vermissten Konzentration auf den Text.

Das Verlagern der Szenerie in ein verstaubtes Amt, in dem die Kommentare zum Fortgang der Revolution wie in Briefform eingehen, liest sich auch wie ein zynischer Meta-Kommentar zum Politikbetrieb generell: Man nimmt Volkes Stimme zur Kenntnis, legt sie dann aber zu den Akten. Wie etwa Klaus Meininger einen Amtsschimmel gibt, der Alarmierendes mit größtem Gleichmut vorliest und dazu sein Brot kaut, suggeriert uns: Am Ende bleibt sowieso alles beim Alten - Revolution hin oder her. Allein, je länger Lobbes sein Arrangement durchexzerziert (Auf- und Abtreten am Schreibtisch nebst Videoprojektion der verlesenen Dialogabschnitte), umso mehr verkehrt sich sein Regieansatz ins Gegenteil. Aus der Konzentration auf den Text wird eine Kapitulation vor dem Text. Selbst wenn man unterstellte, dass diese bis zum bitteren Ende durchgehaltene Publikumsqual reinste Absicht ist und modellhaft vor Augen führen soll, wie sehr (mediale) Methoden der Gleichmacherei uns zermürben und betäuben: 30 martyriumhafte Minuten rechtfertigte das nicht.

Das Raumkonzept von Wolf Gutjahr (Bühne, Kostüme) macht uns durch die verkappte, in die Sitzreihen hineinragende Kreuzform der Bühne, um die herum die Zuschauer auf allen vier Seiten Platz nehmen, gewissermaßen selbst zu Abgeordneten der Stände- (bzw. späteren National-)Versammlung. Umso bemerkenswerter ist, dass trotz dieser räumlichen Unmittelbarkeit der Funke der ergiebigen Textvorlage so gut wie nie überschlägt. Wolfram Apprich taucht als einziger der vier Gastregisseure seinen Szenenpart (Szene 1-6) in ein historisches Kolorit (Brokatkostüme, Kerzenleuchter).

Doch liefert er ein eher biederes Konversationsstück (bei erheblichen Niveauunterschieden im Ensemble, in dem Sophie Köster, Yevgenia Korolov und Saskia Petzold zu aufgesetzt agieren) und belässt es bei dezenten Rollenbrüchen wie einem Nörgler (Ali Berber), der Zeitung liest und mit einem defätistischen "Das wird nix" das Treiben der Bürgerbewegung kommentiert. Ansonsten führt Apprich solide, aber ohne Esprit und Schwung, in die Grundkonstellationen von Pommerats Plot ein: Zur Abwendung eines Staatsbankrott beruft der französische König Ludwig XVI. (Heiner Take verleiht ihm den säuselnden Ton eines allem Entrückten) die Generalstände ein, wobei Adel und Klerus versuchen, ihre Privilegien zu erhalten, während der Dritte Stand revolutionäre Morgenluft wittert. Pommerat wird den Vorhang lange vor dem terreur des Revolutionsregimes fallen lassen. Weshalb der König in der Saarbrücker Fassung merkelgemäß noch Zuversicht verbreiten kann: "Wir schaffen das schon."

Eine der fundamentalen Schwächen der Inszenierung ist neben ihrem uninspirierten Umgang mit Pommerats Stück die Art und Weise, wie sie mögliche Analogien zwischen damals und heute außer Acht lässt. Wo sie Brückenschläge versucht, enden diese wie bei Klaus Gehre (Regisseur der Szenen 7-14) in heillosem Trash. Dabei entwickelt Gehres abgedrehte Verzahnung von 1789 und 1969 (die Mondlandung der Amerikaner) anfänglich großen Witz, dreht dann aber die absurdesten Pirouetten, um die Zeitebenen zu synchronisieren. Pommerats Stück wirkt dabei wie bloßer Ballast: Gehre berauscht sich lieber an seiner gaghaften, videogestützten Erzählweise.

Mit Christopher Haninger (Szene 15-17) gewinnt das Stück dann zwar wieder mehr Bodenhaftung, erstickt dafür aber in statuarischen Gesten. Haninger lässt die Deputierten zu höfischer Musik klassische Barocktänze vollführen und zeigt sie als weitgehend Realitätsabstinente. Während ein Pariser Beamter ihnen meldet, dass die Stadt voller marodierender Bürgerwehren und im Ausnahmezustand ist, sind sie nur damit beschäftigt, nicht aus dem Takt zu kommen. Dass Gewehrsalven die regelrecht gepuderte Musik überlagern: Sei's drum. Doch ebensowenig wie seinen Regiekollegen gelingt es Haninger, die Figuren zu akzentuieren und das diskursive Stück-Potenzial zu heben. So lässt einen dieser Wichtiges und Unwichtiges konfus nebeneinander rückende Abend ratlos zurück. Das unter seinen Möglichkeiten spielende Schauspielensemble (mit Glanzlichtern von Marcel Bausch, Nina Schopka, Robert Prinzler und Klaus Meininger) konnte einem leid tun, die Dramaturgie (Bettina Schuster-Gäb und Ursula Thinnes) aber muss sich fragen lassen, was sie da mit angerichtet hat.

Was die Mondlandung mit der Französischen Revolution zu tun hat, daran versucht sich im zweiten, hinzu erfundenen Teil des Abends Klaus Gehre: Szene mit Heiner Take, Roman Konieczny und Cino Djavid. Fotos: Björn Hickmann.

Nächste Vorstellungen am 20., 25., 26. und 30. Mai. Karten: (0681) 30 92 486.

Mehr von Saarbrücker Zeitung