Premieren im Saarländischen Staatstheater

Staatstheater : Alle Schauspieler auf einen Streich

Der große Lebewohl-Laufsteg: Blick auf die letzten Schauspiel-Premieren der Schlingmann-Intendanz am Wochenende.

Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze, heißt es bei Schiller. Aber womöglich fliegt dem ein oder anderen Saarbrücker Schauspieler an diesem Wochenende doch ein Blumenstrauß vor die Füße. Die Intendanz von Dagmar Schlingmann geht in den Endgalopp, am 2. Juli ist der letzte Spieltag. An diesem Wochenende laufen die letzten beiden Schauspiel-Premieren - sie werden als exzessives Abschiedsfest inszeniert, als eine Art Lebewohl-Laufsteg. Ausnahmslos alle Ensemblemitglieder wirken an den Produktionen mit. In der Sparte4 ("Die letzte Nacht") werden die Ensemblemitglieder zwar nur über Videos neben den beiden realen Hauptdarstellern präsent, doch in "La Revolution", Samstag in der Feuerwache, treten tatsächlich alle auf. Danach folgt für zwölf von ihnen die letzte Saarbrücker Premierenfeier. Es ist eine seltene Zäsur.

Die Hälfte des Ensembles - neun Schauspieler - zieht mit Schlingmann nach Braunschweig weiter. Den Kern bildet die Schlingmann-"Familie", die vor elf Jahren bereits aus Konstanz mit ihr ins Saarland auf Reisen ging: Gertrud Kohl, Klaus Meininger, Georg Mitterstieler, Saskia Petzold. Nur Nina Schopka bleibt im Saarland, sie gründet ihre eigene freie Gruppe (wir berichteten). Schopka ist sicherlich die beliebteste Darstellerin aus dieser Schlingmann-Kerntruppe. Die eroberte Saarbrücken nicht im Sturm. Zunächst fremdelte das Publikum. Zu speziell, zu manieriert, zu antipsychologisch waren die Spielweisen, zu wenig "hochgetunt", eher schluderig, der Sprechstil.

Nur Schopka entwickelte diesen unkonventionellen Ton später bis zur Meisterschaft, schrägte ihre Figuren an, toupierte sie auf, gab die große Anti-Tragödin. Herrlich war das, auch mächtig riskant, wie kürzlich beim Jago zu sehen. Sie war der Star der Schlingmann-Familie.

Allerdings fördert diese Spielform schnelle Abnutzungseffekte. Ausnahme war der außerordentlich wandlungsfähige Mitterstieler. Man sah ihn so oft, dass man ihn eigentlich hätte leid sein müssen. Doch Mitterstieler besitzt die Gnade des Unsichtbarwerdens hinter seinen Figuren. Blass fanden ihn manche. Doch gerade seinen leisen, sensiblen, nervösen Momente überzeugten - selbst dann, wenn er als krasser Komödiant auftrat. Zusätzlich gehen Vanessa Czapla, Yevgenia Korolov, Robert Prinzler und Heiner Take mit nach Braunschweig. Jeder von ihnen dürfte seine Fans haben, insbesondere Take. Er hat momentan als David Bowie in der Sparte4 einen großen Abend. Mit Wärme, Sanftheit und Dezenz näherte er sich seinen Charakteren - das wird fehlen.

Unter den Weiterreisenden sind auch unstrittige Publikums-Lieblinge, die irgendwie immer viel Beifall absahnen. Da ist der Mann fürs Bizarre, Psychedelische und Abgedrehte: Roman Konieczny, zuletzt in "Wenn die Gondeln Trauer tragen" vorgeführt. Doch das Publikum liebte ihn vor allem für seinen "Tschick". Auch Cino Djavids Wechsel nach Braunschweig hinterlässt eine große Lücke. Obwohl er erst vier Jahre am SST arbeitet, wird man ihn schwerlich vergessen. Jede einzelne Rolle machte Djavid, der als "Don Carlos" anfing, zu einem Fest der Eigentümlichkeiten.

  • Dem Theater tut eine neue Spitze gut
  • Faust
  • Jubilare und Pensionäre

Selbstverständlich werden nicht alle Schauspieler, die Saarbrücken verlassen, von Schlingmann engagiert. Klaus Müller-Beck, Sophie Köster und Christian Higer orientieren sich neu. Zudem bleiben vier Darsteller auch im nächsten, im Bodo-Busse-Ensemble. Es sind die Saarbrücker Langzeit-Kräfte und Staatsschauspieler Marcel Bausch, Gabriela Krestan und Christiane Motter. Überraschend wurde auch Ali Berbers Vertrag verlängert, der ein noch neues SST-Gesicht ist und in dieser Saison sowohl in "Andorra" wie in "Othello" glänzte. Wobei die Meinungen über Schauspieler-Leistungen kaum je auf einen Nenner zu bringen sind. Es gibt keine individuellere und kaum eine anrührendere Kunst als das Schauspielfach. Dementsprechend persönlich fallen Wertungen und Reaktionen aus. Tränen zum Abschied sind ausdrücklich erlaubt.

Zum Thema:

Letzte Schauspielpremieren in der Intendanz von Dagmar Schlingmann: Heute, 20 Uhr: Uraufführung von "Letzte Nacht" in der Sparte 4 (ausverkauft, Karten gibt es noch für die Sonntagsvorstellung). Es folgt am Samstag, 19. 30 Uhr in der Alten Feuerwache "La Révolution #1 - Wir schaffen das schon", Stück von Joël Pommerat. Karten: Tel. (0681) 3092 486

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