,,Wir wollen kein Aufklärungstheater”

,,Wir wollen kein Aufklärungstheater”

Wie viel Gegenwart enthält Jean Pommerats Stück „La révolution“, das an diesem Samstag in Saarbrücken Premiere hat?

,,Endlich das politische Theaterstück zur Lage der Nation!", bejubelten die französischen Medien 2015 das neue Werk von Joel Pommerat "La révolution # Ca ira (1) Fin de Louis", das an diesem Samstag auch im Saarländischen Staatstheater Premiere hat (in der Alten Feuerwache). Darin führt der Dramatiker und Regisseur zwar in die Anfangsphase der Revolution zurück. Genauer: in die Zeit um 1787/1789, als König Ludwig XVI die Versammlung der Generalstände einberief, um (wie er noch meinte) die Finanzkrise seines Königsreichs durch eine Steuerreform zu bewältigen.

Doch die Debatten in den Ständeversammlungen von Adel, Klerus und Drittem Stand, die Pommerat, basierend auf historischen Protokollen, in seinem Stück reinszeniert, klingen wie von heute. Welche Reformen benötigen wir? Lässt sich das Problem überhaupt mit einer Reform lösen, oder brauchen wir nicht eine neue Verfassung, ein ganz neues System? Ist es gerechtfertigt, dass man 200 000 Menschen ( Adel und Klerus) die gleiche Entscheidungsmacht zumisst wie den 50 Millionen des Dritten Standes? Wer ist das Volk? All das sind Fragen, in denen jeder Franzose sofort die aktuelle politische Zerrissenheit des Landes wiedererkennt: Den oft zitierten Kampf zwischen "denen da oben" und "denen da unten", die Forderung nach einem Systemwechsel oder einer neuen Verfassung, einer 6. Republik.

Doch auch deutsche Theater reißen sich derzeit um Pommerats Stück. Worin sehen sie dessen Aktualität? Pommerat stelle die Frage nach demokratischen Prozessen. Er frage, wie Demokratie funktioniere und wie sie gelingen könne, erklärt Bettina Schuster-Gäb, Schauspieldramaturgin am Saarländischen Staatstheater, das Pommerats "La révolution # 1 - Wir schaffen das schon", so der deutsche Titel, zum Abschluss der Ära Schlingmann jetzt als "Diskursstück" mit dem ganzen Ensemble auf die Bühne hebt. Das SST wählte dafür einen ganz besonderen Ansatz: Es lässt vier verschiedene Regisseure jeweils einen Teil der 26 Szenen inszenieren. Weil es in dem Stück um Pluralität von Stimmen und Ansichten gehe, habe man die Idee gut gefunden, dies auch auf der Arbeitsebene umzusetzen, erklärt Schuster-Gäb.

Es sei eine äußerst spannende Aufgabe, findet Wolfram Apprich, neben Klaus Gehre, Marcus Lobbes und Christopher Haninger einer der vier Regisseure. Denn man kenne sich zwar, habe sich aber nicht untereinander abgesprochen, das Projekt der anderen vor den Endproben noch nicht mal angesehen. Jeder habe eine andere Ästhetik, eine andere Herangehensweise, unterschiedliche Kostüme, so Apprich. Auch die durchgehenden Figuren können die Vier aus dem 15-köpfigen Ensemble, das ihnen zur Verfügung steht, je nach gusto besetzen. Nur das Bühnenbild nutzt man gemeinsam. Wolf Gutjahr hat es erschaffen. Die Zuschauer werden, zeigt die Stippvisite in der Alten Feuerwache, rund um ein zentrales Holzplateau sitzen, von dem es über einige Stufen zur Ebene des Königs geht.

Gegenüber, verteilt zwischen dem Publikum, befinden sich die Galerien für die Versammlungen von Adel, Klerus und Bürgertum. Durch Fensterrahmen blicke das Publikum wie durch die Reichstagskuppel auf die Auseinandersetzungen, sagt er. Da wir ja eine "Spezialistendemokratie" seien, soll es nur zuschauen, aber nicht mitreden können, wie drinnen die Demokratie verfertigt werden.

Wie plausibel finden die Regisseure Pommerats Überblendung von Revolutionsgeschichte und Gegenwart? Während Apprich den Text sehr wohl auf eine westliche demokratische Gesellschaft für übertragbar hält und darin Argumentationen von Le Pen und von heutigen konservativen Unternehmern entdeckt, hat Gehre mit der Überblendung Probleme. "Ich hatte das Gefühl, da stimmt was nicht und deshalb das Bedürfnis, meinen Textteil wahnsinnig zu historisieren, in größtmögliche Distanz zu rücken, es in einen Weltraum zu packen und mit dem Bild der Mondlandung zu kontrastieren", sagt er.

Vier Regisseure, vier Konzepte - natürlich befinde man sich damit auch in einer Konkurrenzsituation, räumen Gehre und Apprich ein. Doch in einem sei man sich einig, betont Apprich, der Ältere: "Wir wollen kein sozialdemokratisches Aufklärungstheater machen, das keinem weh tut."

Die Premiere an diesem Samstag ( 19.30 Uhr, Alte Feuerwache) ist fast ausverkauft.

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