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Alfons Schulz aus Dillingen wurde 97 Jahre alt.

Serie Lebenswege : Seine Botschaft: „Vergesst die Alten nicht!“

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Alfons Schulz.

„Seit mein Vater seinen 90. Geburtstag dankbar und bei bester Gesundheit feiern durfte, war sein großes Ziel, auch den 100. im Kreise seiner Lieben begehen zu können. Leider hat das Schicksal es nicht zugelassen. Immerhin durfte er 97 Jahre erleben. Und die waren erzählenswert.“ Das schreibt Rita Mittermüller über ihren Vater Alfons Schulz in einer berührenden Mail an die SZ-Redaktion. Im Gespräch erzählt sie dann über eine bewegende Zeit, auf die ihr Vater am Lebensende zurückblicken durfte.

In Gersheim im Bliesgau wird Schulz am 5. Januar 1921 in eine Welt hinein geboren, die den verheerenden Ersten Weltkrieg gerade überstanden hat, und in der Folge (zwischen 1918 und 1920), beinahe noch gravierender, mit der Spanischen Grippe mit weltweit bis zu 100 Millionen Todesopfern konfrontiert wird. Der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt wird am selben Tag wie Alfons Schulz geboren. Von all dem ahnte dieser natürlich nichts. Vielmehr wird er schon früh mit den Härten des Schicksals konfrontiert, indem er mit vier Jahren Halbwaise wird. Als die Mutter wieder heiratet, wächst das Kind bei seiner in der Nachbarschaft lebenden Oma auf.

„Seine Schulzeit in der kleinen Dorfschule mit nur einer Klasse und einem Lehrer war geprägt von Strafen und Prügel“, berichtet seine Tochter. Auf Feldern, in Ställen und im Haushalt mussten in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, damals selbstverständlich, schon die meisten Kinder aktiv mitarbeiten. So auch Alfons Schulz: Immerhin bleibt ihm als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener Zeit für seine große Leidenschaft, den Fußball. Er hat im späteren Leben immer wieder betont: „Beim Fußball entstanden viele Freundschaften für das ganze Leben.“

Nach der Schule beginnt Schulz eine Lehre bei einem Schlosser, der aber schon bald Bankrott machte. Ein Glück für den Lehrling, dass er den Rest der Ausbildung bei einem Hufschmied erfolgreich absolvieren kann.

Als jungem Mann wird es ihm in dem kleinen Dorf zu eng. Ihn zieht es in die weite Welt. Schulz meldet sich zur Marine und kommt nach intensiver Ausbildung zur U-Boot-Flotte. In der Marineschule entdeckt er durch die Bekanntschaft mit einem Kunststudenten seine Begabung fürs Zeichnen und Malen. Während der Marinezeit hat er, durch Vermittlung eines Kameraden und durch Briefkontakt, seine Frau Änne kennen und lieben gelernt. 1944 haben die beiden geheiratet und haben sich in der Heimat der Frau in Dillingen niedergelassen, wo 1947 Tochter Rita zur Welt kommt.

Seine ersten „Kunst“-Aufträge erhält Alfons Schulz in der Folge von Bekannten, die sich in den Entbehrungen der Nachkriegszeit keine Tapeten leisten konnte. „Denen hat er dann mit seinem Malkasten Blümchen auf den Gips gemalt. Das hat sich schnell herumgesprochen und er hatte viel zu tun“, erinnert sich die Tochter an Erzählungen. Das Zeichnen und Malen habe ihren Vater zeitlebens begleitet. Er habe sich in vielerlei Hinsicht künstlerisch betätigt und viele Werke hinterlassen. „In der entbehrungsreichen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg musste mein Vater sein Geld mit schwerer körperlicher Arbeit bei einer Bauunternehmung verdienen. In der Zeit machte sich ein Herzleiden bemerkbar, das er sich im Krieg im kalten Wasser zugezogen hat. Er hat sich aber nie aufgegeben, viel Sport gemacht, nicht geraucht, sich bewusst ernährt, mit 50 Jahren noch das Sportabzeichen erworben, und es geschafft, mit 90 Jahren ohne Medikamente zu leben“, berichtet die Tochter. Zwei Jahre nach seiner Goldenen Hochzeit muss Schulz seine geliebte Frau nach langer Krankheit zu Grabe tragen. „Nach einer Zeit der Trauer begann er sein Leben neu zu ordnen und hat viele Dinge, auf die er lange verzichtet hat, nachgeholt, jetzt auch mit Maria an seiner Seite“, schreibt Rita Mittermüller in ihrer Mail an die SZ. In dieser Zeit engagiert sich der Senior in Vereinen. Er pflegt die Geselligkeit, wohlgelitten in der eigenen Familie, bei Freunden, Bekannten und Vereinskollegen, die ihn alle wegen seines umwerfenden Humors geschätzt haben. „Bis vor seinem Tod war er geistig voll auf der Höhe, hat Bücher verschlungen und immer noch gemalt. Ein Bericht im SR-Fernsehen über seine U-Boot-Zeit und seine Kreativität hat ihn gut gewürdigt“, schreibt die Tochter weiter.

Alfons Schulz hatte das Glück, bis zu seinem Lebensende von der Familie in der eigenen Wohnung gut versorgt zu werden, in deren Kreis er noch einige Reisen, kleinere Ausflüge oder Café-Besuche unternehmen konnte. „Nachdem auch seine Freundin verstorben ist, kam die Einsamkeit in sein Leben. Wenige Bekannte haben ihn noch besucht oder angerufen. Ich glaube, es ist gut, dass er die Corona-Pandemie nicht mehr erlebt hat. Er wäre verzweifelt. Seine Botschaft: ,Vergesst die Alten nicht! Ruft sie an und lasst sie teilhaben an eurem Leben!’“

Im Kreis der Familie ist Alfons Schulz am 7. August 2018 verstorben. Am 5. Januar dieses Jahres wäre er 100 Jahre geworden. Das Fazit seiner Tochter: „Mein Vater war ein friedlicher hilfsbereiter Mann, Vater, Großvater, Urgroßvater und Freund, der nichts mehr verachtete als Engstirnigkeit und Unfrieden. Seine Liebe zur Natur, den Bergen und dem Meer hat er seiner Tochter und seiner Enkelin weitergegeben.“

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege