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Elisabeth und Sebastian Gorges hatten eine schwere Zeit im Zweiten Weltkrieg.

Serie Lebenswege : Der Krieg nahm ihnen die Familienzeit

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Elisabeth „Liesel“ Gorges.

„Zum 100. Geburtstag unserer Mutter war es uns allen ein Bedürfnis, diesen großartigen Menschen, die viel zu wenig Zeit miteinander verbringen durften, zu gedenken.“ Das schreibt Jutta Bender, geborene Gorges, aus Riegelsberg, der „Lebenswege“-Redaktion der SZ in einer bewegenden Mail. Gemeint sind die Eltern, Sebastian Gorges und Elisabeth, geborene Neurohr.

Mama Liesel, wie sie zeit ihres Lebens jedermann nannte, wurde am 30. August 1920 geboren. Ihr Lebenslauf weist etliche Parallelen zu dem ihres Mannes auf. Beide wuchsen in Großfamilien mit jeweils acht Geschwistern auf, sie in Heiligenwald, er im benachbarten Schiffweiler. „Beide haben den Beruf des Friseurs gelernt und sich auf diese Weise auch kennen und lieben gelernt. Ihr Lebensplan sah vor, gemeinsam einen Salon zu eröffnen“, erinnert sich Tochter Jutta. Aus diesem gemeinsamen Traum sollte nichts werden, das Schicksal hatte andere Pläne. Nur wenige Wochen nach der Hochzeit am 20. März 1939 und der Geburt der ersten Tochter Sonja am 20. Juli 1939 begann der Zweite Weltkrieg. „Der Papa war im Krieg. Die Mama führte den Haushalt und hat sich mit Haareschneiden ein wenig Geld dazu verdient, während die Oma dem Kind Ersatz für den Vater wurde. Es waren schwere Zeiten für alle“, schildert Tochter Jutta. Erst Jahre nach dem Ende des Weltkrieges, 1948, nach russischer Gefangenschaft, kehrt Sebastian Gorges, einen Tag vor der Kommunion seiner Tochter Sonja („Meine Schwester öffnete praktisch einem fremden Mann die Türe“) nach Heiligenwald zurück. „Es war ein von seinen Kriegserlebnissen geprägter Mann, der nur für seine kleine Familie gelebt hat“, sagt Jutta Bender. Und: „Nach dem Krieg konnte der Traum vom eigenen Salon natürlich nicht mehr wie geplant verwirklicht werden. Der schnellste Weg, um Geld zu verdienen, war nun die Grube Reden, in der mein Vater als Lokführer unter Tage arbeitete, bis zu seiner Frühpensionierung nach einer Nierenoperation.“1942 wird der einzige Stammhalter, Sohn Gerd geboren, der leider auch schon früh, 2008, starb. 1949 kommt Tochter Hildegard zur Welt: „Sein erstes Kind, dass unser Vater beim Heranwachsen miterleben konnte.“

Die Nesthäkchen Jutta und Margret wurden 1957 und 1958 geboren. Fünf Kinder, ein intaktes Familienleben, ein eigenes Haus (in dem alle Kinder geboren wurden), das die Eheleute in Heiligenwald kaufen konnten, dies waren wohl die glücklichsten Jahre für die Familie Gorges, dazu Tochter Jutta im Rückblick: „Mama sorgte für uns alle mit ihrer Warmherzigkeit und ihrem Frohsinn für eine schöne Kindheit, während der Papa nach dem Krieg mehr oder weniger in sich zurückgezogen gelebt hat.“ Gute Jahre gleichwohl, wie gesagt, doch dann kommt 1970 der nächste herbe Schicksalsschlag: Mama Liesel erkrankt, gerade mal im Alter von 50 Jahren, an Krebs. Sie stirbt nach einem langen Leidensweg bereits ein Jahr später zu Hause im Kreis der Familie. „Für uns alle brach eine Welt zusammen“, schreibt die Tochter, und: „Vater trauerte so unendlich und hatte auch keine Kraft mehr, für uns Nachzügler zu sorgen. Zum Glück halfen uns die großen Geschwister und die Familie, wo sie nur konnten.“

Der Witwer, innerlich wohl gebrochen, folgt seiner Frau neun Monate später, er stirbt an einem Herzinfarkt. „Unser Cousin Karl-Heinz, Priester in Ruhe, hat für beide Eltern eine tolle Predigt in der katholischen Kirche von Heiligenwald gehalten“, berichtet Jutta Bender. Gleichwohl: „Wir Kinder hatten nach dem Tod beider Eltern große Angst davor, in ein Heim zu müssen.“ Glücklicherweise bestätigten sich diese Ängste dann doch nicht, denn der große Bruder Gerd in Neunkirchen und die Schwester Hildegard gaben den Nachzüglern ein liebevolles Zuhause, unterstützt von Cousins und Cousinen. Jutta Bender: „Das hat uns alle zusammengeschweißt.“ Der Zusammenhalt zeigt sich bis heute, Jahrzehnte nach dem Tod der Eltern, immer noch in der Familie bei regelmäßigen Zusammenkünften: „Unsere Cousins haben vor Jahren das Elternhaus zurückgekauft und liebevoll renoviert.“ In diesem Haus wollte eigentlich Tochter Sonja mit ihrem Mann, ihren Kindern und der großen Verwandtschaft die diamantene Hochzeit für das 60-jährige Bestehen der Ehe ihrer Eltern mit einer Messe feiern: „Leider hat uns die Coronakrise da auch einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt Jutta Bender. Fügt hinzu: „Am 100. Geburtstag unserer Mama werden wir aber alle ganz fest an sie denken.“

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege