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Sr. Hildegard, Thomas Gottschalks Tante, starb 2011 in Püttlingen.

Serie Lebenswege : „Superstrenge Regeln“ hat sie abgeschafft

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Hildegard Kossorz.

„Hildegard Kossorz, eine Tante von Thomas Gottschalk, war 23 Jahre Oberin der Redemptoristinnen im Kloster Heilig Kreuz Püttlingen. In dieser Zeit half sie vielen Menschen bei ihrer geistlichen Orientierung und auch praktisch in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen.“ Mit diesen Worten beginnt Autor Bodo Bost, Pastoralreferent im Erzbistum Luxemburg, seine Biographie über eine bemerkenswerte Frau.


--> Bodo Bosts Text „Von Schlesien über Wien ins Saarland“ über Schwester Hildegard findet sich im Buch „60 Jahre Redemptoristenklöster Bous und Püttlingen“, erschienen im Conte-Verlag, St. Ingbert 2020, Herausgeber Thomas Gergen. Das Werk ist im Klosterladen von Heilig-Kreuz Püttlingen sowie in jeder Buchhandlung erhältlich.

Geboren wurde Schwester Hildegard 1923 in Kandrzin/Oberschlesien: Papa Paul war Lokomotivführer, Mama Eleonore stammte aus einem Wirtshaus, Singen und Musizieren waren ein ständiger Begleiter im Hause Kossorz. „Schon mit zwölf Jahren wurde Hildegard als Wunderkind, als neuer Stern am Kulturhimmel Berlin, zu Klavierkonzerten sogar im Rundfunk eingeladen“, schreibt der Chronist. Nichts hätte in dieser Zeit darauf hingedeutet, dass die junge Frau 1946, nach Krieg und Vertreibung, in den Orden der „Dienerinnen des Heiligsten Herzens Jesu Wien“ eintreten würde. 1960 wechselte sie in eine kontemplative (betrachtende) Klostergemeinschaft ins gerade neu gebaute Kloster Heilig Kreuz Püttlingen. 1971 wurde sie dort, als Nachfolgerin der verstorbenen Schwester (Sr.) Michaela, zur Priorin bestimmt. Sr. Pia Büchter, heute 90-jährig, und Sr. Margret Gottwald, zwei noch lebende Ordensfrauen des Redemptoristinnenordens, erinnerten sich im Gespräch mit der SZ gerne an Leben und Werk der früheren Oberin.

Sr. Pia: „Sie war eine sehr temperamentvolle Frau, die viel frischen Wind in unser Klosterleben eingebracht hat, vor allen Dingen die Öffnung nach außen. Unter ihrer Leitung sind viele superstrenge Regeln abgeschafft worden.“ Sr. Margret ergänzt: „Sie war ein absoluter Künstlertyp, sehr musikalisch, theologisch gebildet, kontaktfreudig, sie hat ihren Mitschwestern und dem Kloster viel gegeben.“ Dazu passt, dass Sr. Hildegard Musik, darstellende Kunst, Kirchenmusik und Theologie mit Abschlüssen studiert hat.

Rudolf Müller, früherer Bürgermeister von Püttlingen, würdigte dieses Lebenswerk 2008 bei der Verleihung des Püttlinger Ankerkreuzes an Sr. Hildegard mit den Worten: „Ihr war es zu verdanken, dass sich das Kloster nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil immer mehr für Rat suchende und auch kunstbeflissene Menschen geöffnet hat.“ Sie habe, sagte Laudator Müller, selbst zu den bekannten Vogelbildern des Klosterarchitekten György Lehoczky im Eingangsbereich des Klosters folgenden Gedanken formuliert und geschrieben: „Die Nachtigall singt, wenn es dunkel ist. Wir sollen Gott auch dann loben, wen es einmal Nacht wird auf unserem Lebensweg, weil wir glauben, dass er uns führt.“

Kurz nachdem ihre Schwester Rutila 2004 nach langer schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren verstorben war, erlitt auch Sr. Hildegard während einer Heiligen Messe einen Schlaganfall, von dem sie sich nicht mehr erholte. Sie wurde zunächst im Pflegeheim St. Augustin Püttlingen und ab 2010 im neu gegründeten Altenhilfezentrum des Klosters liebevoll bis zu ihrem Tod am 14. Februar 2011 gepflegt. Ihr Neffe und Patensohn Thomas Gottschalk (Sr. Pia: „Der Thomas hat bei uns von früh auf zur Familie gehört“) konnte aus Zeitmangel nicht der Beerdigung beiwohnen.

Was bleibt? „Die liebevolle Erinnerung an eine energiegeladene und frohe Mitschwester, die vor Ideen nur so sprühte“, resümiert Sr. Margret. Sr. Pia ergänzt: „Sr. Hildegard hat unzählige Briefkontakte gepflegt und darüber große Unterstützung für das Überleben unseres Hauses gefunden.“ Heute wird das Redemptoristinnenkloster Heilig Kreuz Püttlingen, bis auf die genannten Ordensfrauen Pia und Margret, von den Nazarethschwestern aus dem indischen Bundesstaat Kerala unter Leitung von Sr. Mercy geführt. Zur Erinnerung von Sr. Hildegard wurde das neue Gästehaus neben dem eigentlichen Klostergebäude nach Sr. Hildegard benannt. Im Prospekt dieses Gästehauses heißt es: „Die charismatische Oberin, Sr. Mutter Hildegard, hat nach der Aufgabe der durch Pius X. verordneten strengen Klausur infolge des 2. Vatikanischen Konzils den Konvent zur rationalen Glaubensverantwortung und zu einer selbstbewussten Gemeinschaft geführt.“

Ergänzend dazu sagte Altbürgermeister Müller bei der erwähnten Verleihung des Püttlinger Ankerkreuzes Folgendes: „Sr. Hildegard hat vermittelt, dass die freiwillige Eingrenzung der Schwestern im Kloster mit der Tageseinteilung durch die Stundengebete, die Eucharistiefeier, den Zeiten des Schweigens und der Besinnung, der Arbeit im Haus, Garten und der Hostienbäckerei nicht zur Ausgrenzung der Sorgen und Nöte der Welt und ihres Umfeldes führt.“

Für die Redemptoristen-Ordensfrau Hildegard Kossorz war Psalm 130 Leitlinie fürs Leben: „Bei ihm ist Barmherzigkeit und reiche Erlösung!“

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege