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Ruth Stoll und Monika Richter waren füreinander die ganz große Liebe.

Serie Lebenswege : „Ich habe eine ganz große Liebe erlebt“

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Ruth Stoll.

Durch eine Baustelle findet sich die Hausnummer schlecht. Wir fragen die Nachbarn in dem kleinen Wohngebiet an Ortsausgang Kleinblittersdorfs. „Ach so, Sie sind bestimmt von der Saarbrücker Zeitung und wollen zur Monika“, stellt die Nachbarin lächelnd fest und zeigt ein Haus weiter. „Gucken Sie mal, da steht sie schon!“

„Ja, man lebt hier gut“, sagt Monika Richter. „Das ist uns bereits aufgefallen, als wir zum ersten Mal nach Kleinblittersdorf kamen. Und dass die Leute sich hier auf der Straße gegrüßt haben – auch uns als Fremde.“ Solche Akzeptanz war nicht selbstverständlich für Ruth Stoll und Monika Richter, die sich in den späten 80er-Jahren als lesbisches Paar im Ort niedergelassen haben. „Aber durch die Art, wie wir mit anderen umgegangen sind, wurden wir nie angefeindet“, sagt sie.

Kennengelernt haben sich die beiden Frauen 1982. „Ich war gerade Anfang 20 und habe Kontakt zur Lesbenszene gesucht“, erinnert sich Monika Richter. Ruth Stoll habe sie im autonomen Frauenladen kennengelernt, wo die zehn Jahre ältere Ruth seit Langem politisch engagiert gewesen sei. „Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und sie angesprochen“, erinnert sich Monika Richter. Es hat auch bei Ruth Stoll schnell gefunkt, und schon nach kurzer Zeit haben die beiden gewusst: „Ich will Dich für immer!“ Schnell seien sie zusammengezogen, zunächst mit anderen Frauen in eine Wohngemeinschaft, später in das Haus, das sie gemeinsam in Kleinblittersdorf gebaut haben.

Über viele Jahre hinweg hat Ruth Stoll für Frauen- und Lesbenrechte gekämpft. Bereits in jungen Jahren hat sie sich als Mitarbeiterin der AOK in der ÖTV-Jugend engagiert und für bessere Löhne für Frauen gekämpft. Später hat sie dann beim Aufbau von Pro-Familia, des Saarbrücker autonomen Frauenladens, des saarländischen Frauennotrufs und beim Saarbrücker Frauen-Forum mitgeholfen und war als Sprecherin des Lesbenrings im deutschen Frauenrat aktiv. Jahrelang trugen die Saarbrücker Aktionen zum Weltfrauentag ihre Handschrift, sogar noch kurz vor ihrem Tod im Jahr 2019. Ruth Stoll hat sich dabei aber auch im Ort engagiert, beispielsweise im Kneippverein und im Förderverein des Freibades. Dabei sei sie zwar immer Impulsgeberin gewesen, habe aber nie die Position in der ersten Reihe gebraucht. „Auch dafür habe ich sie geliebt“, sagt Monika Richter. Ganz wichtig sei es ihr immer gewesen, anderen, auch jungen Frauen, Mut zu machen.

Im September 2017 dann ein Schock: Im Urlaub hatte Ruth Stoll einen ersten epileptischen Anfall. Als Ursache dafür wurde ein Glioblastom gefunden, ein bösartiger Tumor in Ruth Stolls Gehirn. Die erste Operation erfolgte im Oktober 2017, dann im folgenden Jahr der Versuch, den Tumor mit einer Chemotherapie im Zaum zu halten. Zwei weitere Operationen konnten die Erkrankung nicht stoppen. Gestorben ist Ruth Stoll am 20.Mai 2019. Im Januar 2020 wäre sie 70 Jahre alt geworden.

Geheiratet haben die beiden Frauen zum Weltfrauentag 2018, und zwar gemeinsam mit elf anderen Frauenpaaren. „Wir wollten ein Zeichen setzen“, sagt Richter. Eigentlich, so gesteht sie, habe sie nie viel von der Ehe gehalten. Aber als sie beschossen hatten, sich gegenseitig das Ja-Wort zu geben, habe sich ihre Situation völlig verändert. „Es war nicht einfach nur meine Freundin oder Lebenspartnerin, die erkrankt war, es war meine Frau“, sagt sie. Auch nach außen: Gerade in dieser Situation sei es wichtig und nützlich gewesen, sich auf eine Ehe berufen zu können.

Bis zum Ende hat Monika Richter ihre Ruth zu Hause gepflegt, hat ihr ein Pflegebett ins Wohnzimmer geschoben, wo sie die Aussicht übers Tal hinweg nach Frankreich genießen konnte. Hat ihr Lieblingsblumen vors Fenster gepflanzt, sie nächtelang im Arm gehalten. Geholfen haben ihr viele Zeitspenden von Freundinnen und Freunden. „So konnte ich auch einmal Atem holen, ein paar Stunden rauskommen aus der Tretmühle. Schwimmen, spazieren gehen.“ Für diese Unterstützung ist sie heute noch dankbar.

Monika Richter blickt mit Freude zurück auf die Jahre mit Ruth Stoll: „Ich habe 37 Jahre lang eine ganz große Liebe erlebt, wie sie wenige Menschen hatten“, sagt Monika Richter. Auch dafür sei sie dankbar.

Ruth habe vieles in der politischen Entwicklung vorhergesehen. Aber „Wir sind gesellschaftlich noch nicht dort angekommen, wo wir hinwollten“, sagt Monika Richter. „Und es ist ein täglicher Kampf, das, was wir erreicht haben, zu behalten.“ Und um dieses Erreichte zu bewahren, ist Monika Richter mit viel Engagement in Ruth Stolls Fußstapfen getreten. „Das ist mein Leben“, sagt Monika Richter.

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege