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Anna Siegwart hatte wegen ihrer Gehörlosigkeit ein hartes Leben.

Serie Lebenswege : Die Nazis hätten sie fast zwangssterilisiert

Wie ist das, von einem geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen? Die SZ spricht mit Angehörigen und Freunden und stellt in einer Serie Lebenswege Verstorbener vor. Heute: Anna Siegwart.

Im Jahr 2021 erhalten gehörlose Schüler an gut ausgestatteten Landesschulen individuellen Förderunterricht. Als Anna Siegwart jedoch im November 1921 in Großrosseln zur Welt kam, sah diese für hörbehinderte Kinder nicht rosig aus.

Vielfach erhielten diese „Taubstummen“, wie man sie damals nannte, nämlich wenig Förderung. Im Gegenteil, häufig schämten sich die Familien für sie. Anders aber Michel Oberhauser aus Großrosseln, der Vater der kleinen Anna. Anna hatte mit nicht ganz zwei Jahren als Folge einer zu spät erkannten Innenohrentzündung ihr Gehör verloren. Obwohl einfacher Bergmann, hat sich Michel Oberhauser energisch für seine Tochter engagiert: Als Anna sieben Jahre alt war, wurde sie in der „Provinzial-Taubstummenanstalt Trier“ eingeschult.

Anna Siegwart mit ihrer Tochter Irene Bierbrauer im Jahr 1996. Foto: Gudrun de Winter/Irene Bierbrauer/Gudrun de Winter

Die Trierer „Taubstummenanstalt“ war damals im Helenenhaus untergebracht und wurde von Ordensschwestern geführt. „So war es eine ausgesprochen strenge Erziehung, die meine Mutter damals bekommen hat“, berichtet Anna Siegwarts Tochter, Irene Bierbrauer. Die kleine Anna habe zusammen mit den anderen Mädchen in einem großen Schlafsaal geschlafen und sei lediglich in den Ferien zuhause gewesen. Großen Wert habe man in der Schule darauf gelegt, dass die Schüler von den Lippen ablesen. Gebärdensprache haben die Kinder nur auf dem Schulhof benutzt, sagt Irene Bierbrauer. „Aber es ist leider nun einmal unmöglich, alles von den Lippen abzulesen“, sagt sie. Dennoch hat es die Schule schon damals geschafft, ihren Schülern die Lautsprache beizubringen. Dies sei wohl dem damaligen Schulleiter zu verdanken gewesen, glaubt Irene Bierbrauer. Denn der habe nach den damals modernsten Methoden unterrichtet.

Problematisch wurde die aufziehende NS-Zeit für die Schüler der „Anstalt“. Anna berichtete später davon, dass eine jüdische Mitschülerin von einem auf den anderen Tag verschwunden war, was ihr schwer zu schaffen machte. Außerdem wurden die Gehörlosenschulen vom Nationalsozialismus als „erb­selektionsverpflichtete Sonderschulen“ klassifiziert. Zahlreiche Schüler der Schule wurden zu dieser Zeit zwangssterilisiert. Die beste Freundin von Anna Siegwart ist gar an den Folgen einer solchen Zwangssterilisation gestorben. Die Zwangssterilisation konnte Anna nur dank der Hartnäckigkeit Michel Oberhausers umgehen. „Mein Großvater war ein furchtloser Mensch. Was er verfolgt hat, hat er mit Verve verfolgt, und so hat er alles darangesetzt, nachzuweisen, dass die Gehörlosigkeit von Anna durch eine Krankheit erworben und nicht erblich war“, sagt Gertrud Kirsch aus Lauterbach, Nichte und Patenkind von Anna Siegwart. Seit 2016 erinnern übrigens Stolpersteine in der Trierer Engelstraße an die Opfer der Zwangssterilisationen der Schule.

Anna Siegwart im Jahr 2009 Foto: Irene Bierbrauer

Nach acht Schuljahren in der „Taubstummenanstalt“ wurde Anna Siegwart schließlich entlassen. In Großrosseln fand sie eine Lehrstelle zur Schneiderin. Ihren vertraglich vereinbarten Lohn von fünf Mark monatlich habe sie jedoch nie erhalten, berichtet Irene Bierbrauer. „Ihre Lehrerin hat gesagt, sie mache zu viel Mühe, weil sie nichts hören kann.“ Zur Berufsschule ging die junge Frau nach Saarbrücken. Dort gab es nämlich eine Gehörlosenklasse, in der eine Lehrerin aus Trier einmal in der Woche unterrichtete.

Später, nach den Kriegswirren und zwei Evakuierungen, engagierte sich Anna Siegwart im Gehörlosenverein. Obwohl der Verein nach dem Krieg verboten war, organisierte ein Kaplan heimliche Treffen der Gehörlosen im Saarbrücker Langwiedstift. Dort lernte die junge Anna Oberhauser den sechs Jahre älteren Walter Siegwart kennen und lieben. 1946 wurde geheiratet – im geliehenen Brautkleid, das einer Cousine gehörte. Damit das junge Paar seine Gäste im Hungerjahr 1946 auch bewirten konnte, hat ein Onkel die nötigen Dinge „besorgt“. Die älteren Großrosselner werden sich sicherlich noch gut an den Schmuggelpfad erinnern, der mitten durch die Rossel führte.

Nach der Hochzeit ist das junge Paar zunächst bei Annas Eltern eingezogen, später zogen sie in einen Anbau direkt neben dem Elternhaus. 1954 kam schließlich Tochter Irene zur Welt.

Ihrer Behinderung zum Trotz war Anna Siegwart ein überaus geselliger Mensch und hat sich vor allem in Gehörlosenvereinigungen engagiert. Beispielsweise im „Gehörlosen Senioren-Treff“, bei „Glückauf Jägersfreude“ und im Frauenkreis „Bleib treu“. Gemeinsam mit ihren Freunden ist sie gerne und viel gereist. Einmal monatlich traf sie sich auch mit alten Schulfreunden in Trier. „Sie hat ihre Kontakte sorgfältig gepflegt“, sagt Irene Bierbrauer. Auch nachdem Walter Siegwart im Jahr 1982 früh verstorben ist.

Mit Leidenschaft hat Anna Siegwart auch gestickt und gehäkelt, je feiner und tüfteliger, desto lieber. Irene Bierbrauer zeigt stolz die Gobelins, Tischdecken und Spitzentaschentücher, die ihre Mutter gefertigt hat. Bis sie über 90 Jahre alt war, hat sie sich selbst versorgt, und hat sogar eingekauft. Im Juli 2015 ist Anna Siegwart dann mit 94 Jahren verstorben.

Auf der Seite „Momente“ stellt die SZ im Wechsel Kirchen und Lebenswege Verstorbener vor. Online unter saarbruecker-­zeitung.de/lebenswege