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Fußball-Nationalmannschaft
Krisenbewältigung in Putins Disneyland

Nach der historischen Auftaktniederlage gegen Mexiko droht der deutschen Fußball-Nationalmannschaft das Aus schon nach der Vorrunde. Bundestrainer Joachim Löw steht vor einer völlig neuen Herausforderung.
Nach der historischen Auftaktniederlage gegen Mexiko droht der deutschen Fußball-Nationalmannschaft das Aus schon nach der Vorrunde. Bundestrainer Joachim Löw steht vor einer völlig neuen Herausforderung. FOTO: dpa / Ina Fassbender
Watutinki. Ist die Goldene Generation schon am Ende? Bundestrainer Joachim Löw muss sich nach dem WM-Fehlstart beweisen.

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Nach der alarmierenden Auftakt-Pleite gegen Mexiko zogen sich Joachim Löw und seine entzauberten Fußball-Weltmeister in ihr Refugium in den Wäldern von Watutinki zurück, um intern die Reihen zu schließen. Der von seiner Mannschaft irritierte Bundestrainer hatte schon direkt nach dem 0:1 im Moskauer Luschniki-Stadion erstaunlich drastische Worte gewählt. „Es gibt keinen Grund, völlig auseinanderzufallen, weil man ein Spiel verloren hat. In der Vorrunde gibt es drei Spiele. Wir haben alle Möglichkeiten, das zu korrigieren“, verkündete Löw.


Es grummelt im DFB-Team. Leistungsträger sind außer Form, eine gemeinsame Strategie von Offensive und Defensive existiert nicht. Löws Masterplan für einen bis Russland stets erfolgreichen Turnierstart verpuffte erstmals in seiner Amtszeit als Chef. Gestern herrschte Redebedarf im Quartier. „Wir wollten ein Zeichen setzen“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff. Und auch die Niederlage sei „schon ein Zeichen“.

War der 17. Juni 2018 womöglich der Anfang vom Ende einer Goldenen Generation? Acht Weltmeister von 2014 standen auf dem Rasen. Aber sie schienen sich irgendwie fremd zu sein. „Wir müssen auch viel mehr reden auf dem Platz“, sagte Jérôme Boateng über Akteure, die seit fast zehn Jahren zusammenspielen. Sind einige über dem Zenit? „Wir haben keine zu alte Mannschaft, davon sind wir weit entfernt“, wehrte Löw ab: „Unser Gerüst bilden Spieler, die über viel Erfahrung und eine hohe Qualität verfügen, auch wenn man das nicht so gesehen hat.“



Löw muss sich in einer „für uns absolut ungewohnten Situation“ bewähren. „Es gibt Widerstände in einem Turnier, das weiß man. Die muss man annehmen“, sagte er. Sein Krisenmanagement eröffnete er noch vor der Weltpresse, als er angesprochen auf die zuletzt in der Vorrunde ausgeschiedenen Weltmeister Frankreich (2002), Italien (2010) und Spanien (2014) mit Trotz reagierte: „Uns wird es nicht passieren! Wir werden es schaffen!“

Gelingen muss die Wende nun im Disneyland-Ambiente der Olympiastadt Sotschi, einem Urlaubsparadies im Reich von Wladimir Putin. Dorthin reist der DFB-Tross schon heute, vier Tage vor dem Schweden-Spiel am Samstag (20 Uhr) – wo überwiegend russische Urlauber in Bettenburgen logieren und in einem angrenzenden Freizeitpark auf der Achterbahn durch Loopings rasen. Es sollte eine willkommene Abwechslung zur Abgeschiedenheit in Watutinki sein. Jetzt ist die Hoffnung, dass Löw und sein Team dort den Gemeinschafts-Geist wiederfinden, der 2017 im Confed-Cup-Gewinn gipfelte. Immerhin 13 überwiegend junge Akteure von damals sind auch jetzt wieder dabei.

Schweden wird zum ersten Endspiel 22 Tage vor dem großen WM-Finale am 15. Juli, das unverändert das Ziel ist. Ratlos blickte Löw aber auf die hohe Ballverlustquote. Ein Fitnessproblem sieht er nicht: „An der Kraft hat es nicht gelegen.“ Radikale Lösungen schloss der Bundestrainer aus. „Einen Plan über den Haufen schmeißen, das machen wir schon gar nicht. Wir werden jetzt nicht etwas völlig anderes tun.“

Löw muss hoffen, dass sich desolate Weltmeister wie Toni Kroos, Sami Khedira, Thomas Müller oder Mesut Özil aufrappeln zu den Topleistungen, die eine WM erfordert. Er wird aber wohl punktuell reagieren, etwa mit Marco Reus oder dem Auersmacher Jonas Hector, sollte er seinen grippalen Infekt auskuriert haben. Beruhigende Worte kamen von Philipp Lahm, dem Kapitän des Weltmeister-Teams 2014: „Ein kleiner Rückschlag schadet nicht, um noch enger zusammenzurücken.“