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WM 2018 in Russland
Der Geist von Watutinki

Ein Blick in die Lobby des „Watutinki Hotel Spa Complex“ in Watutinki nahe Moskau. Hier wird sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf ihre WM-Spiele vorbereiten.
Ein Blick in die Lobby des „Watutinki Hotel Spa Complex“ in Watutinki nahe Moskau. Hier wird sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf ihre WM-Spiele vorbereiten. FOTO: dpa / Emile Alain Ducke
Moskau. Deutsche Fußball-Nationalmannschaft bezieht heute ihr WM-Quartier in der ehemaligen russischen Garnisonsstadt.

(sid) Für die deutschen Weltmeister, so berichten Anwohner der „gesundheitsfördernden Einrichtung Watutinki“, sei sogar der Asphalt mit Shampoo auf Hochglanz poliert worden. Joachim Löw aber fürchtet vor dem Einzug ins WM-Quartier südwestlich von Moskau am heutigen Dienstag wenig mehr als eine Dusche unter freiem Himmel. „Wir hoffen, dass es nicht die ganze Zeit regnet“, sagt der Bundestrainer.


Watutinki, weiß Löw, „ist kein Campo Bahia“. Die inzwischen fast mythisch verklärte, sonnendurchflutete Ferienanlage gilt als einer der Schlüssel auf dem Weg zum Titel 2014. „Das Campo Bahia war klasse, eine Oase der Ausgeglichenheit“, sagt Löw, „jetzt haben wir andere Verhältnisse.“ Das wird schon bei der Anfahrt klar: Zwölf- bis 17-stöckige Hochhäuser reihen sich an der sechsspurigen Straße wie Bauklötze aneinander. „Jammern gilt nicht“, sagt Löw, „wenn man anfängt zu lamentieren, verliert man nur Energie.“ Zumal die Fußball-Nationalmannschaft „nicht zum Urlaub“ nach Russland fliege, wie DFB-Direktor Oliver Bierhoff assistiert, „sondern, um das Turnier zu gewinnen“.

Löw aber hätte liebend gerne ein bisschen Flair der Brasilien-WM hinüber gerettet, wie 2017 beim Confed Cup wollte er unbedingt nach Sotschi ans Schwarze Meer. Doch die Entscheidung für Moskau war „alternativlos“, wie Bierhoff erläutert. Bei optimalem Verlauf spielt die DFB-Auswahl dreimal in der russischen Hauptstadt, Sotschi hätte vor allem in der K.o.-Phase deutlich mehr Reisestress bedeutet. Ein Faktor, der mit entscheidend sein kann, wie Löw bei der EM 2016 erfahren musste.

Nun also Watutinki und die Anlage „Ozdorowitelnij Komplex“ unweit des Flusses Desna zwischen Tannen, Birken und Kastanien. Das Finalstadion Luschniki, wo die deutsche Mannschaft zum Auftakt am 17. Juni (17 Uhr MESZ/ZDF) auf Mexiko trifft, liegt 33 Kilometer oder 45 Autominuten entfernt. Eine halbe Stunde ist es bis zum Flughafen Wnukowo, nur ein Katzensprung ist es zum Trainingsgelände von ZSKA, das dem Verteidigungsministerium gehört.

Die Politik spielt in der früheren Garnisonsstadt mit rund 10.000 Einwohnern eine große Rolle. Zu Sowjet-Zeiten war hier das Zentrum für Funk- und Satellitenkommunikation ansässig, heute ist es der Militärnachrichtendienst GRU. Die einzige Sehenswürdigkeit: der Siegespark („Ruhm den Kriegssiegern 1941-45!“) mit Flaniermeile. Dort findet sich der Spruch: „Als Held wird man nicht geboren, zum Helden wird man!“



Ob dieses Motto hilft, einen „Geist von Watutinki“ wachsen zu lassen? Im Quartier vor den Toren der Stadt fehlt es hinter dem bis zu viereinhalb Meter hohen Metallzaun an nichts. Dem DFB stehen in der Anlage, die dem Außenministerium gehört, 72 Zimmer in zwei ockerfarbenen Viergeschössern zur Verfügung, kernsanierte Schullandheim-Optik. In der Lobby im Hauptgebäude treffen Sowjet-Kitsch auf Casino-Flair, Marmortreppen auf vergoldete Säulen. Im ersten Stock zeigt eine Galerie prominente Besucher, auch Putin war schon da. „Wir haben optimale Voraussetzungen“, sagt Bierhoff.

Der Name Watutinki soll übrigens auf Katharina die Große zurückgehen, die, ermattet von einer langen Reise, eine Rast „hier im Schatten“ („Wot tut w tjenke“) befahl. Die Sonne, das sollte Joachim Löw an dieser Geschichte interessieren, brannte damals gnadenlos.