| 21:14 Uhr

Rudi Völler im SZ-Interview
„Jeder fragt sich, wo das noch hinführen soll“

Noch mehr graue Haare durch den Videobeweis? Rudi Völler (rechts) diskutiert mit dem Schedsrichter-Team um Felix Zwayer (Mitte).
Noch mehr graue Haare durch den Videobeweis? Rudi Völler (rechts) diskutiert mit dem Schedsrichter-Team um Felix Zwayer (Mitte). FOTO: Federico Gambarini / dpa
Leverkusen. Vor dem Rückrundenstart gegen die Bayern spricht Bayer Leverkusens Sportchef über die Bundesliga und den Transfer-Wahnsinn. Von Frank Hellmann

Arbeiter fegen zwischen den Schalensitzen, künstliches Licht bestrahlt den Rasen: Draußen laufen in der BayArena die Vorbereitungen, drinnen redet Sportchef Rudi Völler (57) mit SZ-Mitarbeiter Frank Hellmann über das Rückrunden-Auftaktspiel Bayer Leverkusen gegen Bayern München (Freitag 20.30 Uhr/live ZDF) und die Lage der Fußball-Bundesliga.



Ihr Sohn Marco ist erst vor knapp einem Monat von den Gießen46ers zu den Frankfurt Skyliners gewechselt: Die Basketball-Bundesliga kennt im Gegensatz zur Fußball-Bundesliga zwischen den Jahren keine Pause. Haben Sie ihm schon zugeschaut?

RUDI VÖLLER In dieser Saison bei den Skyliners noch nicht. In Gießen habe ich ihn einige Male gesehen, aber oft fanden seine Spiele am selben Tag wie unsere statt.

Hätten Sie es gerne gesehen, wenn wenigstens einer ihrer drei Söhne Fußballprofi geworden wäre?

VÖLLER Grundsätzlich begrüße ich es, wenn meine Kinder Sport treiben. Egal in welcher Form. Kevin kickt noch regelmäßig in Düsseldorf in einem kleinen Verein in der fünften Liga, Bryan studiert. Marco als Ältester hat bis zur C-Jugend bei den Offenbacher Kickers gespielt, bis er dann in die Höhe geschossen ist und gemerkt hat, dass er lieber Basketball spielt. Völlig okay. Auch wenn er Schwimmer geworden wäre, hätte ich das akzeptiert. Oder neuerdings Dartsspieler!



Sie wissen wahrscheinlich ziemlich genau, was ein Basketball-Bundesligaspieler verdient.

VÖLLER Im Basketball ist das wirklich überschaubar – bis auf den FC Bayern, der auch dort ein etwas anderer Klub geworden ist, was die Bezahlung angeht. In anderen Sportarten herrscht ein Kampf um jeden Sponsor, um jeden Cent – das ist definitiv mit dem Fußball nicht zu vergleichen.

Müssen Sie schlucken, welche Summe Sie aufrufen müssen, um einen Spieler anzulocken oder zu halten?

VÖLLER Natürlich sind diese hohen Ablösesummen und Gehälter nur noch schwer zu verstehen, und jeder fragt sich immer wieder, wo das alles noch hinführen soll. Andererseits spiegelt es den Markt wider, weil durch Sponsoren oder Fernsehrechte immer mehr eingenommen wird. Philippe Coutinho (für 160 Millionen Euro zum FC Barcelona) oder Virgil van Dijk (für 80 Millionen zum FC Liverpool, Anm. d. Red.) wären vor zwei Jahren vermutlich noch für die Hälfte gewechselt, und jeder hätte das auch für zu viel Geld gehalten.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich bei diesen Fantasiesummen der Bayer-Werksarbeiter erschreckt vom Profi-Fußball abwendet?

VÖLLER Dieselbe Frage habe ich vor fünf, zehn oder 15 Jahren schon gehört. Natürlich leben wir in einer Traumwelt, natürlich ist das alles viel zu viel und hat Formen angenommen, die vor fünf oder zehn Jahren gar nicht vorstellbar schienen. Man kannte diese Dimensionen nur aus den USA, von Michael Jordan aus der NBA oder Tiger Woods vom Golf. Jetzt ist der europäische Fußball damit konfrontiert. Trotzdem sorgen die Lizenzierungsbestimmungen der Bundesliga dafür, dass die Vereine nur das ausgeben, was sie einnehmen. Schwarze Schafe gibt es so gut wie keine mehr.

Leverkusen startet von Platz vier in die Rückrunde. Über allem thront erneut der Gegner FC Bayern. Ist der fehlende Meisterschaftskampf eine Gefahr für die Liga?

VÖLLER Das hängt mit der wirtschaftlichen Dominanz der Bayern zusammen – zur Jahrtausendwende haben wir hier wahrscheinlich noch die beste Leverkusener Mannschaft aller Zeiten beschäftigen können. Mit Lucio, Dimitar Berbatov oder einem Michael Ballack waren wir am Gehaltsgefüge der Bayern nahe dran. Mittlerweile liegen Welten dazwischen. Die Münchner sind auch die einzigen, die keinen Spieler verkaufen müssen, wenn sie nicht wollen. Aber schauen wir in die Topligen Europas: In Spanien ist der FC Barcelona enteilt, in Frankreich liegt Paris St. Germain weit vorn und in England Manchester City. So ungewöhnlich ist unsere Tabelle nun auch wieder nicht.

Wer hätte das Potenzial, den Bayern echte Konkurrenz zu machen?

VÖLLER Bis vor ein paar Monaten sah es ja so aus, als könne Borussia Dortmund diese Rolle bekleiden. Sie sind für mich der gefühlte Zweite. RB Leipzig hat es schneller geschafft als viele dachten, aber auch sie merken, wie dünn die Luft weit oben wird.

Nur die Bayern repräsentieren die Bundesliga in der Champions League. Machen Sie sich Sorgen um die Wettbewerbsfähigkeit?

VÖLLER Das Abschneiden im Europapokal ist sicherlich nicht zufriedenstellend, ich bin aber davon überzeugt, dass sich nächstes Jahr die Bundesliga wieder besser präsentiert. Die Engländer mit ihren großen Möglichkeiten haben das auch schon durchgemacht. Bemerkenswert sind die Spanier, die vor allem in der Europa League reihenweise Titel abgeräumt haben.

Wie haben Sie reagiert, als Bayern Jupp Heynckes reaktiviert hat?

VÖLLER Ich habe ihn vor einem Jahr vor unserem Champions-League-Achtelfinale gegen Atletico Madrid per SMS eingeladen: Er kam damals mit seiner Frau zu Besuch, was etwas Besonderes war, weil er sich eigentlich zurückgezogen hatte. Die Bayern waren der einzige Klub, bei dem Jupp schwach werden konnte. Ein absoluter Sonderfall.

Beweist ein 72-Jähriger auch, dass der Hype um die neue Trainer-Generation etwas verfrüht ist?

VÖLLER Ich möchte der jungen Trainergeneration die Qualitäten in der Menschenführung nicht absprechen, aber Jupp und sein Co-Trainer Peter Hermann, der auch lange bei uns gearbeitet hat, wissen eben genau, was sie zu tun haben. Peter ist eine ganz wichtige Person.

Wo steht ihr Trainer? Altersmäßig liegt Heiko Herrlich mit seinen 46 Jahren zwischen einem Julian Nagelsmann und Jupp Heynckes.

VÖLLER Er hat großen Anteil daran, dass wir stabiler geworden sind. Die Gier nach Erfolgen ist ihm anzumerken. Aber ich möchte gar nicht so viel über junge oder alte Trainer sprechen: Mein wichtigstes Kriterium ist immer, dass das gesamte Team einzelne Spieler besser macht. Mir kommt das bei den vielen Diskussionen über Doppelsechs, Gegenpressing usw. oft zu kurz.

Was erwarten Sie Freitagabend von ihrer Mannschaft?

VÖLLER Ich bin überzeugt, dass wir den Bayern einen offenen Schlagabtausch liefern werden. Wenn sie nicht alles abrufen, haben wir eine Chance, aber auch eine Niederlage würde uns nicht umwerfen. Ich gehe ohnehin davon aus, dass die Abstände zwischen Platz zwei und sieben oder acht bis zum Schluss gering bleiben.

Die Jungstars von heute bekommen sehr viel mehr Geld als Sie früher, können aber nicht mehr abends um die Häuser ziehen wie Sie das in Bremer Zeiten getan haben...

VÖLLER ...darum beneide ich die Spieler von heute nicht! Meine Generation hat zwar weniger verdient, aber damit möchte ich nicht tauschen. Mich kannte damals in Bremen schon jeder, aber ich habe nie das Gefühl gehabt, ich werde jetzt irgendwo abgefilmt. Heutzutage steht ein Profi permanent unter Beobachtung. Und manch einer übertreibt es sogar selbst, wenn er andauernd online ist.

Ist die heutige Spielergeneration professioneller als frühere?

VÖLLER Ich glaube schon, weil die Fitness eine noch größere Rolle spielt. Wer seinen Körper als sein Kapital nicht so pflegt wie es sich gehört, der kann sich nicht mehr durchschlängeln. Einige Ehemalige hätten mit ihrem unsteten Leben von damals heute null Chance. Man dachte schon zu meiner Zeit eigentlich, mehr geht jetzt nicht, aber es gab dann die nächsten, die noch schneller und besser waren. Dass die Spieler heute überhaupt den Akku aufladen können, dafür sorgen während des Spiels neuerdings doch nur noch die leider viel zu langen Unterbrechungen des Videoassistenten!

Wie viele graue Haare hat Ihnen der Videobeweis gemacht?

VÖLLER Schauen Sie mich an! Spaß beiseite: Ich war am Anfang positiv neugierig. Problematisch ist, dass ungerechte Entscheidungen noch ungerechter werden, wenn der Videoassistent in Köln falsch entscheidet. Das bedingt Kopfschütteln. Vorher konnten wir uns damit trösten: Das Spiel ist so schnell. Wenn aber der Videoassistent etwas nicht sieht, ist das nur schwer zu verzeihen.

Fast die Hälfte der Profis hat in einer „Kicker“-Umfrage dafür plädiert, den Videobeweis abzuschaffen. Wie ist ihre Haltung?

VÖLLER Ganz ehrlich: Ich bin immer noch skeptisch. Für den Fernsehzuschauer mag das nicht so schlimm sein, aber für den Stadionbesucher ist es furchtbar. Das Warten nach einem Tor ist ein Stimmungskiller. Wir haben den Videobeweis, die Italiener haben ihn, im Sommer folgen die Spanier und die Franzosen. Irgendwann machen es auch die Engländer. Der Videobeweis erscheint mir nicht mehr umkehrbar.

DIE FRAGEN STELLTE Frank Hellmann