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Handball-EM in Kroatien
Reifeprüfung unter höchsten Erwartungen

Die Handball-Nationalmannschaft beim Training in der Sporthalle «Fuchsbau» in Berlin.
Die Handball-Nationalmannschaft beim Training in der Sporthalle «Fuchsbau» in Berlin. FOTO: dpa / Soeren Stache
Hamburg. Der neue Bundestrainer Christian Prokop soll die Handball-Nationalmannschaft bei der EM in Kroatien zu einer Medaille führen.

Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Bei der EM in Kroatien steht der jüngste Handball-Bundestrainer in der Geschichte nicht bloß wegen seiner viel beachteten Kader-Nominierung im Fokus. Für Christian Prokop ist das Turnier auf dem Balkan das erste Groß­ereignis in neuer Rolle. Das Unternehmen Titelverteidigung gilt auch als Reifeprüfung für den mit vielen Vorschusslorbeeren ausgestatteten Senkrechtstarter. Die Erwartungshaltung nach der erfolgreichen Ära unter Dagur Sigurdsson ist immens.


„Die nehme ich wahr. Aber ich bin nicht der Freund, mit Parolen von großen Zielen Schlagzeilen zu produzieren. Ich möchte, dass wir das mit Leistung machen. Entsprechend sollten wir noch ein bisschen demütig sein“, sagt Prokop und gibt die optimale Punktausbeute in der Vorrunde als erstes Teilziel aus. Kurz vor dem Abflug gen Zagreb am heutigen Donnerstag befindet sich Prokop im Tunnel. Die öffentlich eher defensive Herangehensweise ist typisch für den Nachfolger des charismatischen Sigurdsson. Prokop braucht nicht das große Scheinwerferlicht, um seine Philosophie an den Mann zu bringen. An der Konsequenz des 39-Jährigen zweifelt spätestens seit der überraschenden Nichtberücksichtigung von Abwehrchef Finn Lemke niemand mehr.

Prokop wirkt mit seiner unbestrittenen Expertise vor allem nach innen. Der geborene Köthener überlässt nichts dem Zufall, schon gar nicht im Training. „Er ist ein akribisch arbeitender Trainer, der bloß nichts falsch machen will. Er erklärt uns alles doppelt und dreifach, damit jeder Laufweg perfekt stimmt. Man merkt einfach, er hat Bock darauf“, sagt Rückraumspieler Julius Kühn. Vor allem die kommunikative Art Prokops kommt an. „Da ist schon ein Unterschied zu Dagur. Christian redet viel mit den Spielern und gibt viele taktische Vorgaben“, sagt Kreisläufer Patrick Wiencek.



Jung, zielstrebig, erfolgreich: Der zweifache Familienvater Prokop ist ein leidenschaftlicher Handball-Arbeiter mit Hang zum Perfektionismus. Seine vieldiskutierte Kader-Auswahl – die Europameister Lemke, Fabian Wiede und Rune Dahmke sind nicht dabei – ist mit Sicherheit genauestens durchdacht und folgt einem klaren Plan, wenngleich den einige Experten nicht erkennen wollen. „Das verunsichert die Truppe. Finn Lemke ist von seiner Person, von seinem Standing in der Mannschaft unverzichtbar. Und das nicht nur auf, sondern auch außerhalb des Spielfeldes“, sagt etwa Martin Schwalb, Ex-Nationalspieler und Ex-Trainer des damaligen Bundesligisten HSV Hamburg.

Verbandsvize Bob Hanning, der Prokop vor zehn Monaten für die Rekordablöse von 500 000 Euro aus Leipzig losgeeist hatte, steht voll hinter seinem Trainer und ist von den Qualitäten seines Wunschkandidaten überzeugt. „Weil er genau die Themen unabhängig von seiner Person angeht und versucht, das Beste für den deutschen Handball zu entwickeln“, sagt Hanning.

Prokop selbst hat einmal gesagt: „Erfolg ist nicht planbar, aber mit Plan planbarer.“ Genau mit dieser Philosophie will er den deutschen Handball nach dem schmachvollen Achtelfinal-Aus bei der WM im Vorjahr in eine goldene Zukunft führen. Die Ziele? Medaille bei der Heim-WM 2019, Olympia-Gold 2020. Doch schon bei der bevorstehenden EM wäre angesichts des starken Kaders alles andere als das Halbfinale eine Enttäuschung. Zur Erinnerung: 2016 hatte das deutsche Team neben dem EM-Titel auch Bronze bei den Olympischen Spielen gewonnen.

In der Szene gilt Prokop als vom Erfolg besessener Taktik-Tüftler mit einer Vorliebe für ausgefeilte Matchpläne. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete ihn bereits als das Gegenstück zum Senkrechtstarter des Fußballs. „Julian Nagelsmann trainiert jetzt Handball“, titelte das Blatt bei seinem Amtsantritt im März in Anlehnung an den Hoffenheimer Fußballtrainer. Seine Sporen verdiente sich Prokop beim Bundesligisten SC DHfK Leipzig, für den er noch bis Sommer 2017 ein halbes Jahr parallel arbeitete. Seit 2013 betreute der staatlich geprüfte Grundschullehrer die Sachsen, schaffte 2015 den Aufstieg in die Bundesliga und führte das Team ins obere Tabellendrittel.

Prokops Ehrgeiz kommt nicht von ungefähr. Der frühere Rückraumspieler galt als vielversprechendes Talent, bis er bei einem Länderspiel gegen Ägypten im Frühjahr 1999 einen Knorpel- und Meniskusschaden im linken Knie erlitt. Prokop gab nicht auf, schulte zur Schonung seines lädierten Beins von Rechts- auf Linkshänder um – und paukte parallel für seine A-Lizenz als DHB-Trainer.

Im März 2005 übernahm er im Alter von 26 Jahren seinen ersten Job als Männer-Trainer in der Regionalliga beim MTV Braunschweig. Keine 13 Jahre später bekleidet der A-Lizenzinhaber das wichtigste Amt im deutschen Handball – und greift bei der EM nach den Sternen.