Renata gehört jetzt zur Familie

Pflege im Saarland : Renata gehört jetzt zur Familie

Die Menschen werden immer älter, doch wie das Leben im Alter meistern, wie zufrieden alt werden? Dabei spielt das Thema Pflege eine zentrale Rolle. Wie kann sie aussehen, wie gehen Angehörige mit der Belastung um? In unserer Serie widmet sich SZ-Redakteurin Laura Blatter Menschen und Geschichten rund um dieses Thema. Heute: Pflege zu Hause.

Sanft streichelt Renata Kumiega Gudrun Karsthof über die Hand. Sie stellt ihr ein Glas Wasser hin und sagt fürsorglich: "Sie müssen mehr trinken." "Aha", meint Gudrun Karsthof, nickt, lächelt kurz, und nippt am Glas.

Vor Kurzem hatte die 90-Jährige einen Schlaganfall, wurde erst aus dem Krankenhaus entlassen. Und das, wo sie sich doch erst von einem Unfall im Mai, bei dem sie einen Oberschenkelhalsbruch erlitt, erholt hatte. "Die Ärzte sagten uns, es müsse jemand da sein, der sich um sie kümmert, wenn sie wieder nach Hause kommt", erzählt ihr Mann Gerhard. Der 92-Jährige sitzt seit fünf Jahren im Rollstuhl, ist selbst auf Hilfe angewiesen. Da die einzige Tochter mit ihrem Mann und zwei Kindern in Frankreich lebt, musste schnell eine Lösung gefunden werden.

Und so kam die Familie auf die Schiffweiler Firma Pflegeherzen. Die Pflegekräfte-Vermittlungsfirma arbeitet mit Partnerunternehmen aus Polen. Dort werden die Pfleger regulär angestellt und dann nach Deutschland entsendet.

So kam auch Renata nach Steinrausch . "Sie macht uns Frühstück und Mittagessen, hilft mir beim Anziehen, staubsaugt und pflegt die Blumen", erzählt Gerhard Karsthof. Was ihm und seiner Frau aber noch viel wichtiger ist: "Wir sind zufrieden, weil wir das Glück haben, hier einen lieben Menschen bei uns zu haben. Die Chemie stimmt. Sie ist in die Familie integriert, oft sitzen wir zusammen und erzählen aus dem Leben, das was war und was ist."

Zu erzählen hat das Ehepaar, das seit nun 59 Jahren verheiratet ist, wohlgemerkt "immer mit demselben Mann", wie Gudrun Karsthof augenzwinkernd anmerkt, viel. Viereinhalb Jahre war Gerhard Karsthof im Krieg, genauso lang in russischer Gefangenschaft, hat studiert, war erfolgreicher Geschäftsmann, vier Bücher hat er geschrieben. Vor allem von ihren Reisen durch die ganze Welt erzählen beide gerne. "92 Jahre das sind keine Jahre, das ist ein Leben, wenn man die Jahre mit Leben füllt", sagt Gerhard Karsthof und fragt "nicht, Frau Karsthof?", wie er seine Frau liebevoll nennt. Die nickt und meint: "Man hat schon wirklich viel erlebt." Von ihrem Schlaganfall hat sie sich gut erholt, sie kann wieder gehen und sprechen, ist geistig voll da.

Seit Mai schon wohnt Renata bei den Karsthofs. Alle zwei bis drei Monate macht sie ein paar Wochen Urlaub, fährt zurück in die Heimat, in die Nähe von Krakau , um sich zu erholen. Dann kommt eine Kollegin und kümmert sich um die Familie.

21 Stunden Busfahrt liegen zwischen Steinrausch und der polnischen Heimat. Zu Hause da wartet der Ehemann, die beiden Töchter studieren in Krakau und Schweden. Wieso sie ihren Job in Deutschland ausübt? "Ich hatte in Polen keine Arbeit und das Studium meiner Töchter ist sehr teuer", antwortet die 46-Jährige. Ihr Arbeitgeber - die polnische Firma - zahlt ihr für den Einsatz im Saarland einen Lohn, der doppelt oder gar dreifach so hoch ist, wie für eine ähnliche Tätigkeit in Polen.

"Ich bin hier sehr zufrieden, wir verstehen uns gut, haben uns aneinander gewöhnt", fügt sie außerdem an. Mit der Sprache hat sie keine Probleme, schon in der Schule lernte sie Deutsch. "Nur mit dem Dialekt, das ist schon sehr schwierig für mich", gesteht sie. Ein kurzer Blick auf die Uhr, kurz vor zwölf, Zeit zum Mittagessen. "Es gibt Schlemmerfilet mit Reis, das essen sie sehr gerne", meint Renata mit einem wissenden Lächeln. "Sie kocht ja auch sehr gut", entgegnet Gudrun Karsthof und drückt Renatas Hand.

Zum Thema:

Die Pflegekräfte-Vermittlungsfirma Pflegeherzen mit Sitz in Schiffweiler betreut 150 Familien im Saarland und Rheinland-Pfalz. Die polnischen Pflegekräfte sind bei einem Dienstleistungsunternehmen in Polen regulär angestellt und werden nach Deutschland entsendet. Pflegeherzen vermittelt die Pflegekräfte in Familien. Bei jeder betreuten Familie arbeiten zwei Pflegekräfte, die sich abwechseln.

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