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IHK
Was wird aus dem Autoland Saarland?

Zur Zukunft des Autolandes Saar referierte Dr.-Ing. Pascal Strobel bei der IHK-Veranstaltung „Quo vadis?“ in Saarlouis.
Zur Zukunft des Autolandes Saar referierte Dr.-Ing. Pascal Strobel bei der IHK-Veranstaltung „Quo vadis?“ in Saarlouis. FOTO: Axel Künkeler
Saarlouis. Die IHK hatte in ihrer Quo-Vadis-Reihe jetzt zum Thema Automobilstandort Saarland geladen. Einhellige Meinung: Es braucht Infrastruktur und einen freien Handel. Von Axel Künkeler

Die Automobilwirtschaft sieht der Leiter des Netzwerkes „Automotive.Saarland“, Dr.-Ing. Pascal Strobel vor großen Herausforderungen. Das Saarland habe jedoch sehr gute Chancen, den erneuten Strukturwandel zu bewältigen. Dieses positive Fazit zog er am Ende seines 90-minütigen Referates „Quo vadis, Automobilstandort Saarland?“ im Rahmen der Veranstaltung „IHK Regional Saarlouis“ am Mittwochabend vor rund 80 Zuhörern.


Bevor Pascal Strobel auf den automobilen Strukturwandel und die Herausforderungen für den Standort Saarland einging, blickte er auf die Entwicklung zum Autoland Saar zurück und zeigte die wirtschaftliche Bedeutung der saarländischen Automobilindustrie auf. Es begann mit der Ansiedlung der heute mitarbeiterstärksten Unternehmen Bosch in Homburg (1960), Ford in Saarlouis (1968) und ZF in Saarbrücken (1970). Aktuell gibt es in dieser Branche 260 Betriebe, die mit 44000 Mitarbeitern einen Umsatz von 17 Mrd. Euro erwirtschaften. Hinzu kommen zehn wissenschaftliche Institute und Forschungseinrichtungen.

Allein im Landkreis Saarlouis sind es 70 Betriebe mit 14000 Mitarbeitern. Dabei verwies der Referent auch auf interessante, vielen unbekannte Details. „Jeder fünfte Liter Motorenöl, der in Deutschland verfüllt wird, kommt aus dem Kreis Saarlouis“. Neben den Ford-Werken gebe es zudem noch einen zweiten Autohersteller mit der Sinfonia Automotive AG, die im Saarwellinger Gewerbegebiet John den Sportwagen Isdera in einer Kleinserie produziere.



Weltweit steige die Fahrzeugproduktion an, von 40 auf knapp 100 Millionen allein in den letzten 40 Jahren. Gleichzeitig habe sich die Zahl der eigenständig produzierenden Firmen (1980: 32) auf aktuell nur noch 15 halbiert. Produktionsstandorte hätten sich zunehmend nach Osteuropa und China verlagert. Während in Deutschland noch vor zwölf Jahren mehr Autos als im Reich der Mitte hergestellt wurde, liege man mit 5,5 Millionen Fahrzeugen inzwischen weit hinter China (über 24 Mio.). Dennoch habe die Automobilindustrie immer noch eine sehr hohe Bedeutung. Das Saarland habe mit 0,26 Prozent einen überproportional hohen Weltmarktanteil.

Die Herausforderungen der Zukunft liegen nach Auffassung von Strobel jedoch vor allem in den globalen Megatrends der Umwelt- und Ressourcenschonung, der Urbanisierung sowie neuer Technologien durch das Wachstum der Mittelschicht und gehobene Ansprüche an den Komfort. Dem müsse sich die Automobilwirtschaft stellen, forderte der Referent, obwohl das Auto nach seiner Auffassung oft zu Unrecht an den Pranger gestellt werde. „Die notwendige CO2-Reduzierung muss primär an anderer Stelle ansetzen“, da die Hälfte der Schadstoffe aus Industrie und Energieerzeugung komme. Autos machten dagegen nur neun Prozent aus, so viel wie die Landwirtschaft, belegte er seine These mit Zahlen.

Auch der Stickoxid-Ausstoß der Diesel-Fahrzeuge sei seit 1990 um 70 Prozent gesunken, der Fahrzeug-Bestand gleichzeitig aber um 50 Prozent gestiegen. „Am Höhepunkt des Reifegrads der Diesel-Technologie“ habe der Abgas-Skandal völlig unnötig dem Diesel einen Bärendienst erwiesen. Die Durchsetzung der E-Mobilität werde „nicht sehr schnell“ funktionieren, zeigt er sich gegenüber Elektro-Autos noch skeptisch. Weniger die Reichweite („ist nur bei langen Fahrten relevant“) noch die Lade-Infrastruktur („jeder hat in seiner Garage eine Steckdose“) seien dafür die Gründe. Marktentscheidend sei vielmehr der Preis, der durch teure Batterien und Rohstoffe, noch nicht wettbewerbsfähig sei. Bis 2030 erwartet Strobel dennoch einen Marktanteil von 21 Prozent Batterie-elektrischer und von 32 Prozent Hybrid-Fahrzeuge. In der Fahrzeug-Automatisierung („autonomes Fahren“) sei durch einen neuen „Super-Chip“ sogar schon um 2020 mit einem technologischen Sprung zu rechnen.

„In diesem Bereich der technologischen Entwicklungen muss sich im Saarland etwas tun“, forderte der Referent. Er sieht gute Chancen auch diesen Strukturwandel („das haben wir schon mal gemeistert“) zu bestehen. Alle Konzerne, die im Saarland vertreten sind, würden bereits „stark investieren in die neuen Trends.“ Das Land müsse sich aber auch bemerkbar machen, um neue Unternehmen und Zukunftstechnologien anzusiedeln. Hier sei das Standortmarketing gefordert, aber auch bereits aktiv. So seien etwa konkrete Gespräche mit der Forschungsabteilung von Ford geführt worden, plauderte Strobel aus dem Nähkästchen. Darüber hinaus brauche das Saarland, „die effizienteste, beste Produktion, um international wettbewerbsfähig zu bleiben“, forderte er die Ausrichtung auf Industrie 4.0.

Die Haupthandlungsfelder für das Netzwerk „Automotive Saarland“ sieht deren Leiter in der Unterstützung und weiteren Vernetzung des Unternehmensbestandes, einem Technologie-Transfer von Forschung und Entwicklung in die Betriebe („saarländische Innovationen“) und eine „Konzernzentralen-Pflege“ im Rahmen des Standortmarketings. Für den Vortrag erhielt der Referent am Ende viel Beifall der Anwesenden.

Zu Beginn hatten der CEO (Chief Executive Officier) von Carlsson, Tae Yun Yee als Gastgeber zusammen mit Youkyeong Joanna Lee vom koreanischen Mutterkonzern Sambo Motors und Carsten Meier, der Regionalverantwortliche der Industrie- und Handelskammer für den Kreis Saarlouis, als Veranstalter die Gäste begrüßt. Meier verwies abschließend darauf, dass die neuen Automobil-Technologien zunächst einen Ausbau der Netzinfrastruktur und einen flächendeckenden G5-Standard benötigen. „Wir dürfen nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun.“ Das Wachstum  gelinge zudem nur bei einem freien Welthandel, verwies er auf die Risiken durch Trump, China und den Brexit. „Wir müssen Europa als Chance, nicht als Problem begreifen.“