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Leserbrief Tim Altpeter zu Michel Ney Kommentar von Johannes Werres

Leserbrief : Verlust der eigenen Identität

Zu „Mehr Mut“, SZ vom 2. Januar

Der Kommentar „Mehr Mut!“, welcher kürzlich von Johannes Werres verfasst wurde, könnte kaum zu einem besseren Zeitpunkt erschienen sein. Die Dringlichkeit, sich an das eigene historische Erbe der Region zu erinnern und die interkulturelle Identität zu stärken, könnte in diesen unruhigen, nationalistischen Zeiten kaum bedeutender sein.

Ironischerweise steht aktuell nicht bloß der Jahrestag des Geburtstags des genannten französischen Marschalls und gebürtigen Saarlouisers Michel Ney bevor (10. Januar 1769), sondern scheinen derzeit auch die saarländisch-deutsche Erinnerungskultur sowie die Kulturwissenschaften insgesamt in den Hintergrund eines scheinbar höheren wirtschaftlichen Interesses zu geraten. Im Zeitalter von Begriffen wie der Digitalisierung, Zukunft der Arbeit und Industrie 4.0 profitieren vor allem die Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften vom 21. Jahrhundert, während die einstmals hoch angesehenen Geisteswissenschaften an Bedeutung verlieren.

Der Verkümmerung eines ganzen Wissenschaftszweiges und Verbannung in den Elfenbeinturm der Universitäten kann zwangsläufig nur den Verlust der eigenen (auch regionalen) Identität und Kultur nach sich ziehen. Folgt unsere Gesellschaft langfristig dem eingeschlagenen Pfad einer Kulturverdrossenheit, so wird es kaum jemals möglich sein, die Identität des Saarlandes über die Symbolik von Schwenker und Lyoner hinaus zu erweitern und auch junge Menschen der sogenannten Generation Z und „Digital Natives“ für derartige Themen zu begeistern. Das Saarland wird für den Rest der Republik somit ewiglich „das Land hinter den sieben Bergen“ bleiben. Dabei stand einst kaum eine Region Europas so sehr für Konflikt, Aussöhnung und Freundschaft in Europa wie die Saar.

Johannes Werres hätte kaum einen trefflicheren Titel für seinen
Kommentar wählen können als jene Referenz auf den Aus-
spruch des französischen Revolutionärs Georges Danton, der im Angesicht einer preußisch-österreichischen Invasion Frankreichs am 2. September 1792 gegenüber der französischen Nationalversammlung erklärte: „de l’audace, encore de l’audace, toujours de l’audace“. Es fehlt unserer Gesellschaft an Mut, Waghalsigkeit und Entschlossenheit, sich bewusst für die Kulturforschung und das eigene Erbe einzusetzen, selbst wenn dies nicht zwangsläufig mit kurzfristig steigenden Quartalseinnahmen verbunden ist. Das saarländische Erbe auch in einem historischen und interkulturellen Kontext zu bewahren und die eigene gesellschaftlich-kulturelle Identität durch viele weitere Facetten zu erweitern, sollte daher eine deutlich höher priorisierte Aufgabe des Staates und unserer Gesellschaft sein. Das öffentliche Interesse ist der Nährboden, auf dem erst die kulturorientierte Wissenschaft gedeihen kann. Andernfalls laufen wir Gefahr, die Geisteswissenschaften wahrlich völlig herunterzuwirtschaften und unsere kulturelle Sensibilität zu verlieren.