Heimat in der Fremde

Das ist eine Matroschka. Die hat meine Uroma meiner Oma geschenkt. Und die hat sie meiner Mutter geschenkt. Und vielleicht bekomme ich sie als nächste. In der Matroschka sind ganz viele andere drin. Wenn ich die erste öffne, weiß ich nicht wie die letzte aussieht.

 Arthur und der Bierkrug
Arthur und der Bierkrug
 Autor Manfred Theisen erarbeitete mit den jungen Menschen die unterschiedlichsten Formen der Darstellung. Fotos: Katja Reuter
Autor Manfred Theisen erarbeitete mit den jungen Menschen die unterschiedlichsten Formen der Darstellung. Fotos: Katja Reuter
 Ohne Worte
Ohne Worte
 Die Wurst
Die Wurst

Es ist eine Frau mit Kopftuch. Es ist gelb mit schwarzen Punkten. Und sie trägt ein buntes Kleid, es ist blau und rot und gelb und grün und schwarz. Ich weiß, was da drin ist. Die letzte Puppe in ihr wird klein sein, und ich werde sie nicht aufklappen können.

Die letzte Puppe sieht genauso aus wie die, die vor mir steht. Ich kenne Matroschkas. Meine Familie hat hunderte von solchen Teilen. Die sind immer gleich. Aber schon die zweite Puppe ist anders. Ihr Kopftuch ist orange. Die Blumen sind grün, auch pink und rot ist dabei. Diese Puppe ist anders. Ich weiß jetzt: Die erste sieht nicht so aus wie die letzte. Ich weiß jetzt, dass ich erst überlegen muss, nachdenken, nicht so voreilige Schlüsse ziehen.

Die Mütze: Ich habe diese Mütze immer an, habe sie gern. Ich habe auch eine Mütze, darauf steht Serbien. Mein Vater ist da geboren. Er hatte die Mütze zuerst gehabt, da war er noch klein, es war Krieg. Dann war er mit seinem Vater unterwegs nach Deutschland, weil seine Mutter ihn verlassen hat. Sie ist weggelaufen. Er hatte Angst, viel Angst um sein Leben. Dann kam ein Heiliger zu ihm und der gab ihm die Mütze. Der Heilige hatte einen weißen Kittel und ein Kreuz und schwarze Schuhe. Mein Vater hat ein Foto von ihm. Ich habe es gesehen. Als er nach Deutschland geflüchtet ist, hat er die Mütze immer getragen und darunter keine Angst gehabt. Dann war der Krieg in Serbien vorbei und mein Vater ist zurück in sein Haus gegangen. Da hat mein Uropa dieses Wodkafass gehabt. Das ist ein heiliges Wodkafass von einem Priester. Der Priester hat es meinem Uropa gegeben, der meinem Uropa, dann meinem Opa, dann meinem Vater und dann mir. Es ist Tradition, man muss es immer weiter geben. Das ist die Wahrheit.

Ein Foto: Mein Onkel badet im Wasser, weiße Mütze, blonde Haare, Milchzähne, die Augen kann ich nicht so gut erkennen. Eine Wunde hat er am Bein, er ist am Berg gestürzt. Neben ihm eine weiße Tüte, das Wasser vom Meer. Sie haben es in Tüten geholt.

Aus verschiedenen Ländern: Ich komme aus verschiedenen Ländern. Thalexweiler, da bin ich geboren. Dann sind wir nach Fraulautern gezogen, dann nach Schmelz. Das andere weiß ich nicht mehr. Und dann hierher nach Lebach. Ich war auch schon in Oberfranken, und ich weiß nicht mehr von wem, habe ich einen kleinen Engel bekommen als Andenken, weil sie weggezogen ist.

Hymne und Bierkrug: Jedes Land hat seine Hymne und seine Musik im Bierkrug. Und Kartoffeln . Ein Bierkrug ist typisch deutsch, hat der Cousin meiner Mutter gedacht. Und meine Mutter hat gedacht: Kartoffeln sind typisch deutsch.

Die Bar: Ich sah die Bar. Sie war schwarz-braun kariert. Ich hatte Angst. Ich ging hinein. Drinnen war es sehr sehr dunkel. Einer hatte eine schwarze Lederjacke an. Der andere ein braunes T-Shirt und ein Pearcing im Mund. Es war gruselig. Es war kein Platz frei. Einer der Männer fragte mich nett, wie ich heiße. Ich sagte ihm meinen Namen. Er machte mir den Platz frei und ich konnte mich dahin setzen.

Rothaarige: Ich habe durchs Fenster ins Restaurant geschaut. Habe mich gleich fremd gefühlt, weil, wie ich glaubte, dass jeder rote Haare im Restaurant hatte. Ich dachte, sie würden mich gleich rausschmeißen, weil ich keine roten Haare habe. Also habe ich auf meine Mutter gewartet. Dann sind wir reingegangen und haben gegessen. Und nichts ist passiert.

Heimat stirbt

Der Arzt diagnostizierte Leukämie. Meine ganze Familie war geschockt, mir fuhren Tränen in die Augen. Wie konnte das sein? Mein Opa hatte doch immer ganz gesund gelebt. Warum traf ihn jetzt das Schicksal so hart? Aber er ließ den Kopf nicht hängen: Solange er lebte, wollte er sein Leben in vollen Zügen genießen. Er verbrachte so viel Zeit wie möglich mit den Menschen, die ihm nahe standen, und ging deshalb auch nicht ins Krankenhaus. Jeden Tag brachte ich ihm ein kleines Geschenk wie zum Beispiel eine Packung Pralinen, und er freute sich jedes Mal darüber. Nach zwei Monaten aber bildeten sich rote Flecken überall auf seinen Beinen. Als ich fragte, was das ist, wurde mir erklärt, dass das geplatzte Blutgefäße sind. Diese Flecken veränderten sich von Zeit zu Zeit genau wie die Gesundheit und das Wohlbefinden meines Opas . Manchmal ging es ihm dreckig, und er brauchte ständig Hilfe und saß nur in seinem Sessel. An anderen Tagen blühte seine Lebensenergie richtig auf, und er konnte sogar mit Schwung die Treppen hoch und runter laufen. So ging das mehrere Monate, bis seine Zeit kam und er nachts, vier Tage vor Heiligabend im Bett meine Oma starb. Am nächsten Morgen stand ich nichts ahnend gut gelaunt auf, bis meine Mutter zu mir kam, mich in den Arm nahm und mir ins Ohr flüsterte: "Er ist tot." Ungläubig starrte ich in die mit Tränen gefüllten Augen meiner Mutter, drückte sie fest an mich und begann ebenfalls zu weinen. Dann ging ich in die Wohnung meiner Oma, sah meinen Opa mit geschlossenen Augen im Bett liegen, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete mich für immer von ihm.

Die gute alte Zeit

Bilder von der Familie. Heimweh. Dann schau ich mir die Bilder an, fühle mich besser. Es sind 1500 Kilometer von hier bis in den Kosovo. Ein fröhliches Land: Freiheit, Freunde, Familie im Kosovo. Hier fehlen mir meine Großeltern, meine Onkel, es sind sieben und zwei Tanten. Sie wohnen auch nicht mehr in Metrowitca, sondern sind hier, aber weit weg. Und mir fehlt die alte Zeit. . . . ist Heimat .

Kindheit ist Heimat

Ich hab' das, seit ich zwei Tage alt bin. Meine Mutter hat es mir gesagt. Ich habe es von meiner Oma bekommen. Die lebt noch in der Eifel. Wir fahren manchmal zu ihr, wenn was Besonderes ist. Aber eigentlich zu jedem Geburtstag. Ich finde es süß, habe es gerne. Mit meiner Oma hat es nichts zu tun. Nicht wirklich. Eher mit der Vergangenheit. Kindheit ist Heimat und auch die Melodie.

Fremd sein . . .

Die Wurst ist meine Verbindung mit dem Saarland. Weil ich noch nicht woanders gewohnt habe und ich Lyoner gerne esse. Es gibt keinen Moment, wo mir das Saarland fremd ist. Mir ist es schon manchmal fremd.

Der Schlüssel

Ich hab' einen Schlüssel. Er bringt mich nach Hause beziehungsweise ins Haus, das Haus, in dem ich wohne. Zu Hause kann ich sitzen, essen, ich hab' Wlan, ich kann zocken, Zimmer, Bett und schlafen.

Wegen der Eier

Ich hab das Halsband selbst gemacht für meinen Hund. Mutter ist ein Boarderkolli Australian Sheppard. Vater ist ein altdeutscher Hütehund. Die Leine habe ich aus Langeweile gemacht. Wir haben auch Schafe. "Warum habt ihr Schafe?" "Wegen der Eier. Lass' mich mein Gedicht weiter vortragen." Also, er wohnt in einer Holzhütte, seinem Zuhause, gleich hinterm Haus. Das ist seine Heimat .

Der Füller

Mein Opa hat mir seinen Füller geschenkt als er uns zum ersten Mal in Deutschland besucht hat. Ich war in der vierten Klasse. Wenn ich traurig bin, hole ich meinen Füller und fühle mich besser.

Teddy

Ich hab' Teddy mitgebracht. Eigentlich ein normaler Kuschelbär. Braun, dicke Tatze, mit Schleife und weißer Schnauze. Und braunen Glubschaugen. Ich habe ihn in den Sommerferien von einem mir wichtigen Menschen bekommen. Die Person ist während der Zeit, in der ich in Holland war, zu uns gefahren und hat mir den Teddy geschenkt. Ich hatte Heimweh nach ihm. Und er hat gesagt, dass er immer bei mir sein wird. Seitdem ist der Teddy meine Heimat und Nächstenliebe.

Fotos meiner Familie

Bin mit ihnen groß geworden. Fühl' mich wohl, geborgen. Die Arme meiner Mutter, Wärme. Urlaubsfoto Eiffelturm. Alles normal. Aber Yve ist noch drauf. Ein Meer im Hintergrund. Meine Schwester. Wir chillen. Anna ist das Eis runtergefallen. Keine Tränen. Lebensfroh. Und lacht. Wieder Yve. Ich will ihn nicht mehr sehen und schneid' ihn raus.

Heimat in der Fremde - war die Veranstaltung zum bundesweiten Vorlesetag in Lebach überschrieben. Der Friedrich-Bödecker-Kreis hatte dazu eingeladen. Schülerinnen und Schüler der Grundschule St. Michael und der Theeltalschule in Lebach hatten sich im Rahmen von Schreibworkshops darauf vorbereitet, die der Kölner Autor Manfred Theisen in den beiden Klassen durchgeführt hatte. Dabei sind Texte und Videos entstanden, die die SZ in Auszügen auf dieser Seite veröffentlicht. In den Artikeln geht es unter anderem um die Fragen: Woher komme ich, wo gehöre ich hin? Fühle ich mich hier zu Hause oder werde ich abgelehnt? Welche Erwartungen habe ich an mein Leben in Deutschland? Wie stelle ich mir meine Zukunft vor? All diesen Fragen gingen die jungen Menschen nach, fanden die unterschiedlichsten Formen der Darstellung und des Artikulierens. Der Bödecker-Kreis will sich mit solchen Projekten Kindern und Jugendlichen in den verschiedensten Migrationsgruppen zuwenden. Professionelle Autoren standen den Amateurautoren zur Seite und erarbeiteten mit ihnen die unterschiedlichsten Möglichkeiten der Darstellung. Wege wurden beschritten, selbst mittels literarisch-künstlerischen Ausdrucksformen das eigene Befinden zu verarbeiten und für andere verstehbar zu machen.