| 20:49 Uhr

Serie Für das Saarland im Bundestag
„Wir leben nicht auf einer Insel“

Die St.Wendeler CDU-Politikerin Nadine Schön bei einer Rede vor dem Deutschen Bundestag.
Die St.Wendeler CDU-Politikerin Nadine Schön bei einer Rede vor dem Deutschen Bundestag. FOTO: Alle Rechte beim Dt. Bundestag / Achim Melde
St. Wendel. In einer Serie stellt die SZ die Bundestagsabgeordneten aus dem Saarland vor. Heute Teil 7: Nadine Schön von der CDU. Von Teresa Bauer

Als die CDU-Bundestagsabgeordnete Nadine Schön 2013 vom Chef der Bundestagsfraktion Volker Kauder für das Amt der Vize-Fraktionsvorsitzenden vorgeschlagen wurde, sagte sie erst einmal nein. Sie könne das nicht, es sei ja auch erst ihre zweite Legislaturperiode. „Meine Reaktion war typisch weiblich“, urteilt Schön heute. Kauder blieb hartnäckig und konnte sie letztlich doch überzeugen. Er habe viele Personalentscheidungen getroffen und sie solle ihm vertrauen.


Als Vize-Chefin ist Schön für die Familienpolitik und die „Digitale Agenda“ zuständig. „Es ist eine tolle Funktion. Ich bin an den Endverhandlungen aller Gesetzesvorhaben, die meine Bereiche betreffen, beteiligt“, sagt Schön. Denn die 35-jährige Juristin aus Tholey ist außerdem stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und im Ausschuss Digitale Agenda.

Ein Thema seien die digitalen Schulen. 60 Millionen Euro stehen dem Saarland dafür zur Verfügung. „Aber ich habe den Eindruck, dass der Digitalpakt konzeptionell nicht vorbereitet wird. Digitalisierung darf nicht nur Medienkompetenz sein. Es ist ein profundes Digitalverständnis nötig – Digitalkunde, wenn man es so nennen mag.“ Ein Konzept „mit Sinn und Verstand“, damit Schüler auch über Fragen wie Datenschutz oder Cybermobbing aufgeklärt würden.



Auch beim Breitbandausbau müsse genau hingesehen werden. Zwar sei das Saarland das einzige Land, dass bis Ende diesen Jahres flächendeckend mit 50 M/bit pro Sekunde versorgt wird. Flächendeckend bedeute letztlich aber nur 97 Prozent, sagt Schön. „Wir wollen gleichwertige Lebensverhältnisse schaffen und allen Menschen eine Perspektive bieten – in der Stadt und auf dem Land.“ Wenn man nur danach gehe, dass 97 Prozent eine „super Abdeckung ist“, dann verkenne man die Auswirkungen der fehlenden drei Prozent im ländlichen Raum. Bei den Ausschreibungen zum Ausbau des 5G-Mobilfunknetztes sollte daher darauf besonders geachtet werden.

Überhaupt seien gleichwertige Lebensverhältnisse das „große Thema dieser Legislaturperiode“, sagt Schön. Auf dem Land gebe es ganz klar andere Probleme als in der Stadt. Das werde aber zuweilen nicht wahrgenommen. Zum Beispiel gehe „die Diskussion um das Baukindergeld mit einer Obergrenze gemessen an der Zahl der Quadratmeter komplett an der Realität vorbei, wie wir sie auf dem Land erleben“, betont Schön. Eigentlich will der Staat 12 000 Euro pro Kind zur Finanzierung der Immobilie beisteuern. Weil das aber zu viel kosten würde, einigten sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) im Juni auf einen Kompromiss, der im Haushaltsausschuss debattiert wird. Demnach soll das Baukindergeld nur bis zu einer Obergrenze von 120 Quadratmetern Wohnfläche gezahlt werden. „Es bringt nichts, nur Geld in die Städte zu pumpen“, sagt Schön. „Wir müssen schauen, dass der ländliche Raum attraktiv bleibt.“

Unter anderem mit dem Ausbau und Qualitätsverbesserungen der Kitas, Erhöhung des Elterngeldes oder Verbesserungen bei Familienpflegezeit möchte Schön ein Zeichen für Familien und unterschiedliche Lebensentwürfe setzen. Die zweifache Mutter weiß um die Doppelbelastung „Familie und Beruf“. Eine 80 Stunden Woche in Berlin und viele Termine im Wahlkreis bedeuten „wenig Schlaf und eine super Organisation. Das ginge aber nicht ohne unser tolles Umfeld, unsere Familie, die mit anpackt“, sagt Schön. Sie gesteht aber, dass ihr Mann und sie mittlerweile am Limit sind. „Ich bin an einem Punkt, an dem ich Anfragen, so gerne ich sie auch machen würde, absage. Einfach, weil ich es nicht mehr schaffe.“ Schön findet es seltsam, „dass in unserer Gesellschaft kaum anerkannt wird, wenn jemand entscheidet, einen Schritt zurückzugehen und später nochmal durchstarten will. Zurück bedeutet komischerweise immer stehen bleiben und nicht mehr weiter wollen“. Da müsse in Unternehmen, Verwaltungen und bei den Menschen ein Umdenken vonstatten gehen.

Nichtsdestotrotz mache der Abgeordneten ihre Arbeit im Bundestag großen Spaß. Sie sehe es auch als ihre Aufgabe, dass jeder seine Ideen einbringen kann. „Dass auch die ‚Neuen’, die kommen, etwas verwirklichen können.“ Mit dem Einzug der AfD in den Bundestag hätten sich die Debatten allerdings verschärft., sagt Schön. Vieles, was innerparlamentarischer Konsens gewesen sei, zum Beispiel, wie man miteinander umgeht, werde von der AfD nicht eingehalten. „Man merkt, dass das Ziel der AfD ist, zu provozieren und zu polarisieren.“ Aber die Themenfelder und Probleme seien viel komplexer. „Wir leben in einer globalisierten Welt. Da gibt es nicht die einfachen Antworten, die die AfD oder andere populistische Parteien meinen, präsentieren zu müssen oder zu können. Wir leben nicht auf einer Insel“, sagt Schön.