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Fridays for Future
Lehrer im Saarland uneins über Schülerstreiks

 Zum fünften Mal gingen Schüler am Freitag im Saarland für mehr Klimaschutz auf die Straße – diesmal in Merzig. Die nächsten Demonstrationen sind bereits für Neunkirchen, Homburg und Saarlouis geplant.
Zum fünften Mal gingen Schüler am Freitag im Saarland für mehr Klimaschutz auf die Straße – diesmal in Merzig. Die nächsten Demonstrationen sind bereits für Neunkirchen, Homburg und Saarlouis geplant. FOTO: Julia Franz
Merzig/Saarbrücken. Am Freitag gingen in Merzig rund 1300 Schüler auf die Straße. Ein Teil der Lehrer findet die Proteste zur Unterrichtszeit gut, ein anderer warnt davor. Von Julia Franz und Daniel Kirch
Daniel Kirch

Chefkorrespondent Landespolitik

Der Klima-Protest der Schülerbewegung „Fridays for Future“ treibt einen Keil in die saarländische Lehrerschaft. In den Kollegien liegen die Ansichten über die Klimaschutz-Demonstrationen während der Unterrichtszeit zum Teil meilenweit auseinander, wie Stellungnahmen diverser Lehrerverbände deutlich machen.


Auch in den Lehrerzimmern Merziger Schulen dürfte am Freitag angeregt diskutiert worden sein. In der Kreisstadt beteiligten sich nach Polizeiangaben 1300 Schüler an dem Protest. Es war bereits die fünfte Klima-Demonstration von Schülern im Saarland. Von der Stadthalle aus zogen die Demonstranten mit Sprechgesängen durch die Innenstadt bis zum alten Rathaus zur Abschlusskundgebung. „Kohlekonzerne baggern in der Ferne, zerstören unsere Umwelt nur fürn Batzen Geld. Worin wir unsere Zukunft sehn? Erneuerbare Energien!“, skandierten die Teilnehmer immer wieder. Unterstützt wurden die jungen Klima-Aktivisten von der Regionalgruppe der neu gegründeten Eltern-Bewegung „Parents for Future“. Im April sind weitere Demonstrationen in Neunkirchen, Homburg und Saarlouis geplant, wie Yannick Fontaine vom Ortsverein „Fridays for Future“ Merzig-Wadern erklärte.

Unter den Lehrern gibt es zwei Gruppen. Die eine wird angeführt von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und betrachtet die Schüler-Demos während der Unterrichtszeit mit großem Wohlwollen. Denn nur so könnten die jungen Menschen Aufmerksamkeit für ihr Anliegen erreichen. „Das ist gelebte Demokratie und Teil der demokratischen Teilhabe der Schülerinnen und Schüler“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Birgit Jenni kürzlich (die SZ berichtete). Diese Position vertreten auch SPD, Grüne und Linke. Auch Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) zeigt Verständnis für die Proteste der Schüler zur Schulzeit; schließlich gehe es beim Klimaschutz um ihre eigene Zukunft.



Dies will die zweite Gruppe von Lehrern so nicht stehen lassen. Die Schüler müssten sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Demonstrationen nutzten, um ihrer Schulpflicht zu entgehen, erklärte die Vorsitzende des Verbandes Reale Bildung (VRB), Karen Claassen. „Nicht wenige Schüler geben offen zu, dass sie sich mit der Thematik kaum auskennen und auch nicht wirklich auseinander gesetzt haben, aber gerne einmal bei einer solchen Demonstration dabei sein wollen.“ Wer demonstriere, müsse die Konsequenzen tragen. Mit der Organisation der Demonstrationen zur Schulzeit, am besten noch ohne vermerkte Fehlstunden, würden Schüler „instrumentalisiert“.

Auch der Saarländische Lehrerinnen- und Lehrerverband (SLLV) warnt vor einem „falschen Solidaritätsverständnis“, wie die Vorsitzende Lisa Brausch sagt. Man sehe die Proteste „sehr ambivalent“, viele Lehrer seien ja auch Eltern und sähen die Entwicklung beim Klima mit großer Sorge. Andererseits gebe es die Schulpflicht. Es sei nicht sinnvoll, wenn über längere Zeit freitags immer die gleichen Unterrichtsstunden ausfielen. „Wir würden es begrüßen, wenn die Initiative Farbe bekennt und sagt: Wir machen die nächste Aktion an einem Nachmittag‘“, sagte Brausch. Diese Position bekräftigte gestern auch der CDU-Abgeordnete Frank Wagner noch einmal. Er regte Projekte oder Aktionen der Schulen zum Klimaschutz an.

In einem Punkt sind sich die Lehrerverbände weitgehend einig: Der Klimaschutz müsste an den Schulen eine größere Rolle spielen – nicht nur als Unterrichtsthema, sondern auch etwa bei der Auswahl umweltschonender Materialien. Doch im Alltag stößt das Bemühen oft an Grenzen. „Dafür fehlt uns die Zeit“, sagt SLLV-Chefin Brausch. Der VRB beklagt, dass Grundlagenwissen zu Wetter und Klima wegen der Zusammenlegung von Fächern in vielen Schulen nicht mehr von einem Fachlehrer unterrichtet würden. Auch werde der Klimawandel häufig mit einseitigem und veraltetem Material unterrichtet. Die GEW fordert, um Nachhaltigkeit im Bildungssystem zu stärken, mehr Personal und Material.