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Ökumenische Aktion in Trier
Kirchen werben für ein Ja zum Leben

Heinrich Bedford-Strohm (Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland) und Kardinal Reinhard Marx (rechts) segnen im Trierer Dom bei der Eröffnung der bundesweiten „Woche für das Leben“ der beiden großen christlichen Kirchen die Gläubigen.
Heinrich Bedford-Strohm (Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland) und Kardinal Reinhard Marx (rechts) segnen im Trierer Dom bei der Eröffnung der bundesweiten „Woche für das Leben“ der beiden großen christlichen Kirchen die Gläubigen. FOTO: dpa / Harald Tittel
Trier. Aktion „Woche für das Leben“ soll werdenden Eltern Mut machen. Aber was ist, wenn das Kind behindert ist?

Birgit Kruppert ist stolz auf ihren Sohn Lucas. „Er ist ein toller Kerl, er fährt Kanu, er war bei den Special Olympics und hat dort eine Silbermedaille gewonnen.“ Am Samstagmittag sitzen der 21-Jährige und seine 55-jährige Mutter aus Trassem bei Saarburg im Festzelt vor dem Trierer Dom, essen Spätzle mit Geschnetzeltem und plaudern mit Kardinal Reinhard Marx, der sich mit seinem Teller zu ihnen gesellt hat. Ein Tisch weiter mischt sich der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, unter die Besucher, darunter zahlreiche Behindertengruppen.


Für Birgit Kruppert war klar, dass sie zur Eröffnung der ökumenischen „Woche für das Leben“ in Trier gehen würde – zusammen mit ihrem geistig behinderten Sohn. Denn das Aktionsmotto „Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind!“, mit dem die beiden großen Kirchen einen kritischen Blick auf die Möglichkeiten der vorgeburtlichen Untersuchungen werfen wollen, beschäftigt die Mutter.

Werdende Eltern können heute mit den Mitteln der Pränataldiagnostik (PND) gezielt nach Auffälligkeiten beim ungeborenen Kind suchen lassen. Vor mehr als 20 Jahren wusste Kruppert während ihrer Schwangerschaft nicht, dass Lucas einen schweren Herzfehler haben würde. „Ich weiß nicht, wie ich mich entschieden hätte – keine Ahnung“, sagt die Mutter. Für mit sich ringenden Eltern hat sie aber eine Botschaft: „Als ich ihn bekommen habe, hat der leitende Arzt mir gesagt: Bei allen Schwierigkeiten wird dieses Kind Ihr Leben bereichern. Das war so und das würde ich gerne weitergeben.“

Eltern ermutigen, Ja zum Leben zu sagen, das ist das Ziel der „Woche für das Leben“, die 1991 ins Leben gerufen wurde und als ökumenische Aktion Tausende von Veranstaltungen vor allem in Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen bietet. Mit einem Gottesdienst setzen Marx, Bedford-Strohm, der Trierer Bischof Stephan Ackermann und der Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Christoph Pistorius, am Samstagmorgen den Auftakt im Trierer Dom.

Die Bischöfe zeichnen ein differenziertes Bild der PND. Bedford-Strohm betont: „Pränataldiagnostik ist zuallererst dem Leben verpflichtet.“ Einige Verfahren böten Möglichkeiten zur verbesserten Vorsorge, zu therapeutischem Handeln, um den Embryo vor Schaden zu schützen. Andere Testverfahren böten hingegen lediglich darüber Auskunft, ob das Kind bestimmte genetische Merkmale oder Störungen habe. Vor allem der sogenannte Bluttest, bei dem Gen-Schnipsel des Embryos aus dem Blut der Mutter gefiltert und auf Defekte untersucht werden, steht in der kirchlichen Kritik. Mehrere katholische Verbände kritisieren, dass der Test bald als kassenärztliche Leistung anerkannt werden soll. Ein solcher Schritt sei als Hinweis darauf zu verstehen, dass „Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft zunehmend nicht mehr erwünscht sind“. Kardinal Marx sagt, er könne die Nöte von Eltern verstehen, deren Kind nicht gesund ist. Es gebe ethische Leitlinien und Werte, die Eltern und Ärzten Orientierung geben könnten. Die Kirche sei dankbar „für alle Zeugnisse von Eltern, denen das Ja zum Leben ihres Kindes einiges abverlangt und die dennoch versuchen, mutig und zuversichtlich in die Zukunft zu gehen“.



Melanie Sachtleben weiß, wie hart viele Eltern mit sich ringen. Eine Entscheidung gegen das Kind, sagt die Fachreferentin für die katholischen Schwangerschaftsberatungsstellen im Bistum Trier, falle oft aus Ängsten heraus, es nicht zu schaffen. In der Beratung könne man aber einen Weg zur Annahme des Kindes aufzeigen. „Denn die meisten suchen nach einem Weg, Ja sagen zu können.“ Doch das gesellschaftliche Klima wandele sich, berichtet sie: „Wir stellen fest, dass Frauen und Paare, die sich für Kinder mit einer Behinderung oder Einschränkung entscheiden, zunehmend Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sind.“