| 22:21 Uhr

Die "Kolonie" verschwindet

Ludweiler. Wer über die Kirchstraße in Richtung Großrosseln fährt und dabei einen Abstecher durch Ring-, Gruben- und Mittelstraße macht, kommt sich vor wie in einer Geisterstadt. An vielen Häusern dieser ehemaligen Grubensiedlung, im Volksmund "die Kolonie" oder Neue Ansiedlung genannt, hängt ein Schild "Betreten der Baustelle verboten" Von SZ-Mitarbeiter Horst Lange

Ludweiler. Wer über die Kirchstraße in Richtung Großrosseln fährt und dabei einen Abstecher durch Ring-, Gruben- und Mittelstraße macht, kommt sich vor wie in einer Geisterstadt. An vielen Häusern dieser ehemaligen Grubensiedlung, im Volksmund "die Kolonie" oder Neue Ansiedlung genannt, hängt ein Schild "Betreten der Baustelle verboten". Das bedeutet im Klartext, dass die Mieter längst ausgezogen sind. Und dass demnächst die Abrissbagger anrücken und die aus den 1920er Jahren stammenden Häuser "niederlegen", also abreißen werden. Tätig sind die Bagger schon seit Monaten: In allen Straßen klaffen Baulücken. Mit gemischten Gefühlen harren die Koloniebewohner zwischen Brachflächen und leer stehenden Häusern der Dinge, die ihnen bevorstehen. "Wir kündigen niemandem, und es wird auch niemand gezwungen, auszuziehen oder sonstwie Druck ausgeübt", betont Annette Weinmann, Sprecherin der RAG, der die Häuser gehören. Aber denen, die ihr ganzes Leben in dieser alten Bergmannssiedlung verbracht haben, blutet das Herz - viele von ihnen fühlen sich zu alt, um noch einmal verpflanzt zu werden. "Ich bleibe auf jeden Fall bis zum bitteren Ende", sagt die 86-jährige Maria Schwaiger, die 1922 im Alter von sechs Monaten in die Ringstraße kam. Zusammen mit ihrem Bruder Konrad bewohnt sie ihr Häuschen. Ein Berg Kohle in der Einfahrt, zehn Hühner und ein Blumenmeer im Garten legen Zeugnis ab, wie ganz normales Leben "auf der Kolonie" vor Jahrzehnten aussah. Ein bisschen genervt ist die rüstige alte Dame, die gerade im Garten Erdbeersetzlinge vereinzelt, vom Krach, den die Abrissbagger verursachen. Und der Brecher, der die Steine der abgerissenen Häuser zerkleinert. "Morgens um sieben ist die Nacht zu Ende, denn dann fängt der Palaver an, und das seit Monaten." Mit ihrem Schicksal abgefunden haben sich auch Alma und Egon Dernbecher, die seit einem halben Jahrhundert in der Mittelstraße wohnen. "Allein in unserer Straße wurden schon fünf Häuser abgerissen. Wir suchen uns jetzt ein Häuschen, vielleicht in Lauterbach; denn sonst bringe ich ja mein ganzes Werkzeug nicht unter", erzählt der 70-jährige passionierte Hobby-Handwerker. "Mit mir hat noch niemand gesprochen", berichtet Heinz Gorges, der seit 1935 in der Ringstraße wohnt. Er lasse die Dinge mal auf sich zukommen, sagt er. Auch wenn er bald ganz alleine in der Straße wohne. Wann das endgültige Ende der "Kolonie" bevorsteht, ist offen. Und was danach mit der Neuen Ansiedlung passieren soll, weiß auch Oberbürgermeister Klaus Lorig noch nicht. "Vielleicht", sagt er, "wird es Naherholungsgebiet. Denn neue Wohngebiete brauchen wir in Völklingen nicht."




Auf einen BlickDie "Kolonie" umfasste ursprünglich 79 Häuser mit 176 Wohneinheiten. 40 Häuser sind noch bewohnt, 22 stehen leer, 17 sind bereits abgerissen oder werden es noch 2009. Die Entscheidung, die Siedlung bis voraussichtlich 2012 dem Erdboden gleichzumachen, fiel, weil eine Sanierung der rund 90 Jahre alten Bausubstanz wirtschaftlich nicht zu vertreten wäre. Gleiches gilt für die maroden Kanäle. hla