Enge Gasse: Verkehrschaos durch Postleitzahl – geht das?

Enge Gasse : Verkehrschaos durch Postleitzahl – geht das?

Protest am Heidenkopferdell – Bürger glauben: Die Stadt will eine Rotenbühl-Adresse vergeben und erzeugt damit eine Blechlawine

Es ist noch nicht lange her, da sorgte die Stadtverwaltung für Kopfschütteln, ja teilweise für Entsetzen — als sie nämlich öffentlich darüber nachdachte, ob es nicht sinnvoll wäre, die Parkgebühren am Straßenrand zu erhöhen. Denn die Verwaltung hätte gern, dass möglichst viele Benzinkutschen aus dem Stadtbild verschwinden – am besten in Parkhäusern. Schließlich soll die Stadt ja Lebensraum für ihre Bewohner und nicht bloß ein großer Parkplatz sein. So ähnlich steht’s auch im Verkehrsentwicklungsplan, den Stadt und Bürger über Jahre zusammen erarbeitet haben.

Aber diese hehren Grundsätze gelten nicht überall – fürchtet die Interessengemeinschaft Heidenkopferdell (IGH). Sie glaubt, die Stadt will am Heidenkopferdell eine Ausnahme machen, um damit einem Bauherrn einen Gefallen zu tun. Und dieser Gefallen würde das ohnehin stadtbekannte Verkehrschaos in der Sackgasse Heidenkopferdell und im gleichnamigen Wohngebiet links und rechts davon ins Absurde steigern. Also geht die IGH seit einem Jahr auf die Barrikaden.

Worum geht’s? Die Firma Neue Energie Saar (NES) will die ölverseuchte Erde auf dem ehemaligen Saar-Hochdruck-Gelände (SHD, zwischen Amtsgericht und Quellenstraße) zehn Meter tief abbaggern und dort zehn Mehrfamilienhäuser bauen – rund 250 Wohnungen mit Tiefgaragenplätzen (die SZ berichtete). Dieser Plan durchlief bereits mehrere Stadien.

2015 sollte noch die ganze neue Siedlung über die Gasse Heidenkopferdell erschlossen werden. Der Protest begann. 2016 ging’s nur noch um zwei Häuser. Die IGH fürchtete mindestens 40 zusätzliche Autos im Gässchen. Die Leiterin des Stadtplanungsamtes, Monika Kunz, erklärte damals: „Wir schätzen, dass die Straße Heidenkopferdell den zusätzlichen Verkehr von zwei Wohngebäuden aufnehmen kann. Wie viele Wohnungen in diesen Gebäuden sein werden, wissen wir nicht. Die Verkehrsprobleme, die jetzt dort herrschen, entstehen nicht durch die neue Bebauung. Die müssen dort verändert werden, wo sie heute bestehen – am Amtsgericht und an der Einfahrt in die Siedlung. Die neuen Gebäude, die am Heidenkopferdell entstehen, müssen auch von dort erschlossen werden, weil das der kürzeste Weg von der Straße zum Haus ist. Die städtebauliche Konzeption dazu haben wir gemeinsam mit dem Investor entwickelt.“

Nächsten Montag, 24. Juli, endet die zweite Offenlage des inzwischen korrigierten Bebauungsplanes. Dort ist jetzt die Rede von 25 „Wohneinheiten“, die vom Heidenkopferdell erschlossen werden.

Die „derzeitigen Verkehrsbeeinträchtigungen in der Heidenkopferdell“ werden zwar erwähnt – aber nicht analysiert, weil sie „außerhalb der Regelungskompetenz des Bebauungsplanes“ liegen.

In Absatz 4.3 des Planes erklärt die Stadt: „Die Öffnung zum Kaninchenberg trägt zur Adressbildung bei.“ In Absatz 4.4 erklärt die Stadt: „Mit der Ausrichtung der Wohnbebauung zum Kaninchenberg und der konsequenten Fortführung der städtebaulichen Figur der Heidenkopferdell auf das ehemalige SHD-Gelände trägt dies künftig zur Adressbildung und Identitätsstiftung bei.“

Daraus folgert die IGH: Die Stadt will wenigstens ein Haus des neuen Wohngebietes ans Heidenkopferdell anschließen, damit diese Siedlung per Postleitzahl dem Rotenbühl zugeschlagen werden kann – denn Immobilien am Rotenbühl bzw. Heidenkopferdell, so glaubt die IGH, lassen sich wesentlich besser vermarkten als Immobilien an der Quellenstraße.

Der Investor hat dieser Interpretation ausdrücklich widersprochen. Bereits im Januar 2016 versicherte Dirk Müller von der NES: „Wir wollen hochwertige Eigentumswohnungen bauen, 70 bis 140 Quadratmeter groß, mit Dachgärten und Penthäusern. Sie sollen dem Charakter der bestehenden Siedlung am Heidenkopferdell entsprechen. In Saarbrücken wird hochwertiger Wohnraum gesucht. Und es gibt nur wenige Plätze, wo man so etwas hinbauen und es angemessen verkaufen kann.“ Dabei sei es der NES egal, ob die Gebäude nun Adressen „Am Heidenkopferdell“ oder in der Quellenstraße bekommen. Für die Vermarktung sei das unerheblich. Auch die Stadtverwaltung beteuerte gegenüber der SZ, der Investor habe niemals eine solche Adresse verlangt.

Die IGH hat die aktuelle Version des Bebauungsplans genau studiert, die oben genannten Details entdeckt – und ein weiteres Protestschreiben an die Stadt geschickt. Unterschriften von über 60 Unterstützern sollen folgen.

Die IGH fordert: Das neue Wohngebiet soll ausschließlich von der Quellenstraße erschlossen werden und die entsprechende Postleitzahl erhalten. Die 0,3 Hektar Wald, die der Investor am Kaninchenberg fällen will, sollen unberührt bleiben. Der Verkehr am Heidenkopferdell soll analysiert werden – auch mit Blick auf das kommende Medizinzentrum am Kieselhumes.

Die SZ hakte bei der Stadt nach. Presse-Sprecher Thomas Blug versicherte: „Grundsätzlich werden in einem Bebauungsplan-Verfahren alle im Rahmen der Offenlage eingebrachten Einwendungen geprüft, bewertet und dann dem Stadtrat zur Entscheidung vorgelegt.“ Und zwar in öffentlicher Sitzung. Das gelte natürlich auch für das Projekt „Ehemaliges SHD-Gelände und östliche Quellenstraße“. Blug: „Unabhängig vom formalen Verfahren hatte sich Oberbürgermeisterin Charlotte Britz bei ihrem Stadtteilbesuch am 28. Juni vor Ort selbst ein Bild gemacht und mit Vertretern der IGH und weiteren Bürgern diskutiert.“

Blick von ganz unten auf den Parkstreifen am Heidenkopferdell:  In Höhe des grünen Pkws rechts geht es zum Amtsgericht.  . Foto: BeckerBredel

Britz werde die Anregungen prüfen lassen „und den Bürgern eine Rückmeldung geben“.

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