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Was ist Heimat?: Die Heimat aus dem Koffer

Was ist Heimat? : Die Heimat aus dem Koffer

Seine ganze Heimat kann man nicht in einen Koffer packen. Aber Dinge, die für einen Menschen Heimat bedeuten oder an sie erinnern, zeigt eine Ausstellung in der Begegnungskirche.

Kartoffeln, Zwiebeln und Zimtsterne, ein Wohnungsschlüssel und eine CD, kurdische Neujahrstracht, ein Foto von der Familie und eine Flasche Wein von der Ruwer – oder aber auch ein Buch mit den Sehenswürdigkeiten des Saarlandes: Das alles kann in dieser Woche in den neun Koffern in der Köllerbacher Begegnungskirche bewundert werden.

„Zeig mir deine Heimat“ – unter diesem Motto hatte die Frauenkirche zusammen mit der Flüchtlingsinitiative der Begegnungskirche aufgerufen, Heimat in einen Koffer zu packen. „Mein größtes Problem war, dass ich gar keinen Koffer mehr habe“, gestand die 65 Jahre alte Maria Grün aus Püttlingen. Also lieh sie sich einen kleinen Spielekoffer der Enkelin aus. Genügend Platz, um ihrem Heimatgefühl Raum zu geben, bot das Miniaturformat allemal: Zwei Bilder, dazu ein Brief, sie beschreiben die Verbundenheit mit der Weide im heimischen Püttlinger Garten. „Den habe ich mit meinem Bruder gepflanzt, als ich etwa zehn Jahre alt war. An ihm erkenne ich die Jahreszeiten und auch, wie sehr er in 50 Jahren gewachsen ist“, sagte sie.

Christian Otterbach, der im Rahmen der Vernissage zum Start der Ausstellung am Freitagabend die Moderation übernommen hatte, wollte von Maria Grün wissen, ob sie auch ohne Blick auf diesen Baum leben könnte. „Sicher würde ich Bilder mitnehmen, aber ich trage ihn auch in meinem Herzen“, erklärte sie. Die Heimat im Herzen tragen, eine neue, zweite Wahlheimat finden, vor allem darum ging es in der kleinen, aber feinen Podiumsdiskussion.

„Man kann sich sicher eine Art ‚Patchwork-Identität’ aufbauen“, betonte Psychologe Wolf Emminghaus. Er hat viele Flüchtlinge psychologisch betreut, appellierte am Freitag an die Zuhörer, den geflüchteten Menschen Hilfe anzubieten. Nach einer ersten Phase, in denen es den meisten Flüchtlingen erst einmal sehr gut geht, fielen einige dann in ein tiefes Loch, erklärte er. „Da hilft es, wenn die Familie mit dabei ist. Sie gibt Stabilität und Geborgenheit.“

Emminghaus betonte, dass es im Leben durchaus normal sei, sein gewohntes Umfeld zu verlassen und neue Horizonte zu entdecken. Während jedoch viele Menschen dies freiwillig tun, mussten die Flüchtlinge oftmals schnell aus der Gefahr fliehen.

„Ich habe meinen Wohnungsschlüssel in den Koffer gepackt. Er erinnert mich an meine Freunde, an mein Zuhause, an all die Erinnerungen, die ich mit Syrien verbinde“, erzählte in diesem Zusammenhang Jihan Bakir. Seit vier Jahren ist sie mit ihrem Mann Ahmad in Püttlingen, die Sprachbarrieren sind bereits weitgehend abgebaut. Denn genau um die, betonte Heimatforscher Patrick Feltes, kann es beim Thema Heimat oftmals gehen. Vor allem das „Geheischnis“ – ein Begriff, der, wie er betonte, nicht ins Hochdeutsche zu übersetzen ist – spielt eine große Rolle. Dazu, so sagte er, gehörten  neben der Sprache unter anderem auch die Kleidung und die Bräuche.

Für spannende Fragen und Antworten sorgten bei der Podiumsdiskussion (von links) Wolf B. Emminghaus, Christian Otterbach und Patrik H. Feltes. Foto: Carolin Merkel

Eine „Patchwork-Identität“ hat sich auch Regina Schröder aus dem Badischen aufgebaut. Sie kam der Liebe wegen ins Saarland, ihr Familienbaum, so zeigt ein selbstgebasteltes Werk in ihrem großen Koffer, hat längst auch Wurzeln im Saarland, Kinder und Enkel haben hierfür gesorgt. Doch ihre Kindheit in einem Bauernhaus, betonte sie, möchte sie nicht missen – sie gehört zu ihrem Heimatgefühl einfach dazu.