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Paul Celan in Saarbrücken: 50 Bilder für den Dichter der Todesfuge

50 Gedichte, 50 Bilder, 50 Lesungen : 50 Bilder für Paul Celan, den Dichter der „Todesfuge“

Zum 100. Todestag des Dichters haben Norbert Gutenberg und der Galerist Mathias Beck ein künstlerisches Projekt initiiert, das nicht ohne Risiko ist.

Paul Celan gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts. Die Werke des Deutsch-Rumänen, der 1920 in der heutigen Ukraine geboren wurde, und 1970 in Paris gestorben ist, sind geprägt von der Auseinandersetzung über die Möglichkeiten der Sprache und der Kommunikation. In seinen Gedichten spielt die visuelle Präsentation eine große Rolle, sie ist bereits ein wesentliches Element der künstlerischen Konzeption.

Daher ist die Idee, anlässlich seines 100. Geburtstages und seines 50. Todestages, eine Kunstausstellung zu 50 seiner Gedichte zu veranstalten, nicht ganz ohne Risiko. Trotzdem nahm Norbert Gutenberg diese Idee auf. Der pensionierte Professor der Sprechwissenschaft und Sprecherziehung der Universität des Saarlandes hat eine große Leidenschaft für Paul Celan und konnte Oswald Bubel, Präsident der  Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände (VSU), für das Projekt gewinnen.

Bubel stellte den Kontakt zur Galerie M Beck in Homburg her. Galerist Mathias Beck suchte daraufhin Kunstschaffende seiner Galerie aus und legte ihnen jeweils ein Gedicht vor, mit Ausnahme der berühmten „Todesfuge“ und des Liebesgedichts „Corona“. 47 Kunstschaffende seiner Galerie, drei Künstler und Künstlerinnen fragte Norbert Gutenberg an, machten sich dann an die Arbeit.

Eigentlich sollte das Projekt im Jahr 2020 stattfinden, dem eigentlichen Jubiläumsjahr von Paul Celan. Allerdings war das coronabedingt nicht möglich. Daher wurde erst jetzt die Ausstellung „Celan Fünfzig – 50 Gedichte, 50 Bilder, 50 Lesungen“ in den Räumen der VSU eröffnet.

Noch bis zum 15. Oktober können sich die Besucher nun von Paul Celan und den von seinen Gedichten inspirierten Kunstwerken überraschen lassen. Denn das Projekt wurde eindrucksvoll umgesetzt. Zwar sind die künstlerischen Ergebnisse sehr unterschiedlich, aber bei einer Gruppenausstellung von 50 Teilnehmenden ist das zu erwarten.

Was schon den ersten Kunstgenuss auslöst – zu jedem der Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken oder Objekten wurde das entsprechende Gedicht abgedruckt, exakt so, wie Paul Celan die Gedichte visuell präsentierte. Aber damit nicht genug. Über einen QR-Code unter dem Gedicht hat man die Möglichkeit, über sein Smartphone die Gedichte auch zu hören. Denn Prof. Norbert Gutenberg hat die Gedichte im Wechsel mit der Schauspielerin Anabel Möbius eingesprochen.

So kann man die Gedichte Paul Celans gleich dreimal auf sich wirken lassen, beim Lesen, beim Hören, sowie als Inspiration für ein Kunstwerk.

Und mit einem Kunstwerk wird die Ausstellung auch eröffnet. Ganz in der Nähe des Eingangs befindet sich die Enkaustik Arbeit von Magdalena Grandmontagne. Die saarländische Künstlerin, die an der „Ecole Nationale des Arts Décoratifs“ in Nizza Kunst studierte, hat sich von dem Gedicht „Wenn du im Bett“ inspirieren lassen. Das Gedicht wurde von ihr im wahrsten Sinne des Wortes visualisiert, denn sie hat es in einer großen Tafel aus Wachs eingeschlossen. Wie in einem alten Schulheft die Linien, so wurde der Text hier als Vertiefung im Wachs abgebildet. Die zarte Farbgebung, kontrastiert von schwarzer Tusche, sowie das Schimmern des Wachses lassen den Betrachter das Gedicht in seiner ganzen Poesie nachspüren.

Gleich gegenüber hängt das überraschende Werk von Heike Becker. Sie hat auf einem Stück eines alten SS-Mantels mit Kreide kleine Quadrate und Strichlisten gemalt zu dem Gedicht „Ungewaschen, unbemalt“. Das, was an hebräische Schriften erinnert, sind eigentlich nur wenige, sich wiederholende Zeichen. Das Kunstwerk hat es jedoch in sich. Denn es verhängt ein altes Flohmarkt-Bild. Wenn man den alten SS-Mantel lüftet, sieht man eine Madonnen-Abbildung. Und hier wird klar, dass der persönliche Malstil den Gedichten mal mehr, mal aber auch weniger gerecht wird.

Brigitte Kratochwill hat das Gedicht „Weggebeizt“ mit seinen Bildern von Schneekristallen passend in grau-weiß-blauen, ruhigen Pinselschwüngen umgesetzt. Das Gedicht „Die Atemlosigkeit des Denkens“ wurde von Hanne Voltmer-Döbrich in einer intensiven Farbfotografie von tiefrotem Grund hinter dichtem, schwarzem Geäst gestaltet. Auch Anneke Hodel Onstein hat in ihrem Gemälde aus unterschiedlich rötlichen Farbbalken mit zarten Tuschelinien eine passende Interpretation von Paul Celans Worten gefunden. Das ist zwar nicht allen Kunstschaffenden der Ausstellung so überzeugend gelungen, aber trotzdem ist dieses Projekt zu Ehren des Dichters ein intensives Erlebnis auf ganz verschiedenen Ebenen.

 Cornelia Comor hat diese Arbeit zu "Könnt ich nur vergessen" beigesteuert.
Cornelia Comor hat diese Arbeit zu "Könnt ich nur vergessen" beigesteuert. Foto: Galerie M. Beck/Cornelia Comor

Info: „Celan Fünfzig – 50 Gedichte, 50 Bilder, 50 Lesungen“, zu sehen bis zum 15. Oktober in der VSU, Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände e. V., Harthweg 15, Saarbrücken. Zu der Ausstellung ist ein Buch erschienen. Die Ausstellung kann nach Anmeldung besichtigt werden. Ansprechpartnerin ist Katharina Schwarz, E-Mail: schwarz@mesaar.de.