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Künstlerportrait
Er lebt im Verborgenen und malt Miniaturen

Der Künstler Günter Litwinschuh in seinem Atelier im Nauwieser Viertel.     
Der Künstler Günter Litwinschuh in seinem Atelier im Nauwieser Viertel.      FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken . Günter Litwinschuh nimmt Briefmarken und macht daraus Kunst, indem er sie zeichnerisch weitergestaltet, ergänzt, fortführt. Von Nicole Baronsky-Ottmann

Das Atelier von Günter Litwinschuh liegt etwas versteckt in einem Hinterhaus im Nauwieser Viertel in Saarbrücken. „Ich lebe gerne etwas im Verborgenen“, erklärt der Künstler dazu und lacht. An den Wänden des gemütlichen Raums mit Blick auf einen romantischen Innenhof finden sich alte Gemälde, daneben lehnen Kunstmappen und in den Regalen steht jede Menge Reiseliteratur. Dazu beherrscht ein breiter Schreibtisch das Atelier, beleuchtet von einer großen Lupe.


Die benötigt Günter Litwinschuh, denn mit ihrer Hilfe erschafft er seine Kunstwerke - und die sind sehr klein. Günter Litwinschuh malt Miniaturen. Dazu benutzt er Briefmarken, die er zeichnerisch weitergestaltet, ergänzt, fortführt. Zehn bis achtzehn Stunden benötigt er, um solch ein Werk zu erschaffen. Aber die Vorbereitung dazu, die Idee zu entwickeln, das dauert unter Umständen Jahre.

Zum Glück hat Günter Litwinschuh die Zeit, denn er ist seit zwölf Jahren verrentet, war vorher Zeichenlehrer. Und das war nicht der erste Beruf des gebürtigen Saarbrückers. „Ich habe zuerst  eine Banklehre gemacht und anschließend vier Jahre gearbeitet. Dann habe ich damit gebrochen und die Flucht nach vorne angetreten“, erzählt er mit einer tiefen, sonoren Stimme. Günter Litwinschuh ist als junger Mann zur See gefahren, war sieben Jahre unterwegs, insbesondere in Europa, an den Küsten der USA und in der Karibik. Der Liebe wegen gab er die Seefahrerei auf, heiratete, wurde Vater und sesshaft.



„Da fiel auch die längst überfällige Entscheidung, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen. Ich habe daher Grafikdesign bei Professor Holweck studiert“, berichtet er weiter. Nachdem er zwei Jahre als Diplomgrafiker gearbeitet hatte, erhielt er von einer Bekannten den Tipp, sich in Zweibrücken an einer Schule als Seiteneinsteiger für den Kunstunterricht zu bewerben.

„Das habe ich gemacht. So  habe ich über 20 Jahre an verschiedenen Schulen Kunst unterrichtet, darunter das Gymnasium am Rotenbühl und das Ludwigsgymnasium. Daneben habe ich aber auch immer noch freiberuflich als Grafiker gearbeitet. Da war die Zeit sehr knapp, um mich um meine eigene Kunst zu kümmern“, erzählt er.

Die Zeit dazu habe er erst nach seiner Pensionierung gefunden. „Aber anfangs habe ich mich gequält. Ich bin in der Malerei ein Erbsenzähler und war schon vom Din-A4-Format erschlagen.“ Daher habe er begonnen, sehr kleinformatig zu malen. Und dabei spielte ihm der Zufall in die Hände. „Zu dieser Zeit habe ich eine Briefmarkensammlung aufgelöst. Und diese kleinen Papiere haben mich fasziniert.“ Insbesondere Briefmarken, die bekannte Kunstwerke oder Künstlerportraits zeigten, hatten es ihm angetan. Und so fing er an, die Kunstwerke auf den Briefmarken zu ergänzen.

Dabei achtet Günter Litwinschuh sehr genau auf Stil und Motiv der jeweiligen Briefmarke, führt Gustav Klimts „Judith“ oder Loriots Zeichnungen sehr akkurat und genau im ursprünglichen Stil fort. Durch seine Ergänzungen interpretiert er sie aber ganz neu, zeigt sonst Verborgenes, oft Erotisches. Und er will, dass man noch erkennt, dass es sich bei einem Teil der Miniaturen um ein behördliches Dokument handelt.

Denn in Günter Litwinschuh wohnt auch ein rebellischer Geist aus der 68er Generation. „Es ist mir sehr wichtig, zwei Seiten zu zeigen. Einmal die offizielle Seite, das behördliche, brave Dokument. Und dann unterlaufe ich dies, indem ich dieses Dokument mit Erotischem oder Frivolem ergänze“, erzählt er. Um das Behördliche der Briefmarke hervorzuheben, lässt Günter Litwinschuh die Briefmarken abstempeln. Aber das war anfangs gar nicht so einfach. „Der Beamte am Schalter weigerte sich dann schon mal, das Bild zu stempeln. Er meinte, ich stempele doch keine nackte Brust“, erzählt er lachend.

Heute hat Günter Litwinschuh damit keine Probleme mehr. „Die Postangestellten in der Dudweilerstraße fragen mich schon immer, was ich Neues gemalt habe. Die kennen mich schon.“ Und nicht nur die. Denn Günter Litwinschuh hat seine kleinen, erotischen, aber auch mit einem Augenzwinkern gemalten Kunstwerke schon in verschiedenen Ausstellungen gezeigt. Ab Mai sind sie in Remagen zu sehen.

Kaiserin Sissy in der Version von Günter Litwinschuh.
Kaiserin Sissy in der Version von Günter Litwinschuh. FOTO: Günther Litwinschuh