1. Saarland
  2. Saarpfalz-Kreis

Verdrängung ist keine Lösung

Verdrängung ist keine Lösung

Homburg. Wenn die Anregung der Konfirmandengruppe von Pfarrerin Petra Scheidhauer, eine Gedenktafel der ermordeten und geflüchteten Juden aufzustellen, endlich auf fruchtbaren Boden fiele, wäre dies ein längst fälliger Akt der Pietät, der andernorts Selbstverständlichkeit ist

Homburg. Wenn die Anregung der Konfirmandengruppe von Pfarrerin Petra Scheidhauer, eine Gedenktafel der ermordeten und geflüchteten Juden aufzustellen, endlich auf fruchtbaren Boden fiele, wäre dies ein längst fälliger Akt der Pietät, der andernorts Selbstverständlichkeit ist. 1985 plante ein privater Investor, auf dem Synagogengrundstück mit Zustimmung des Bauausschusses ein Mehrfamilienhaus zu errichten. Öffentlicher Protest, unterstützt vom Historischen Verein unter Vorsitz des rührigen Edgar Blatters und des Landeskonservatoramts, verhinderte dies. Zwei Jahre später befragte ich mit Schülern meiner damaligen Schule, des Saarpfalz-Gymnasiums, im Rahmen des Projektes "Pogrom am 9. November 1938" in Homburg Zeitzeugen. Dabei stellte sich heraus, dass die Behauptung auf der Erinnerungstafel an der Synagoge "1945 Zerstörung durch Fliegerangriffe" irreführend war. Auf einem Luftbild von 1952, das mir ein Homburger zur Verfügung stellte, ist deutlich zu erkennen, dass das Dach der Synagoge noch intakt war. Nicht die Bombenangriffe der Alliierten waren also für den Verfall der Synagoge verantwortlich, sondern das Wegschauen der Stadt. Sie ließ das Gebäude systematisch soweit verkommen, bis schließlich der Plan, sie zu überbauen, vielfach begrüßt wurde - nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn, wenn nicht, wie gesagt geschichtsbewusste Bürger dagegen aufbegehrt hätten. Jetzt reagierte die Stadt: Abgesehen von der kurzfristigen Überlegung, auf dem Gelände ein Siebenpfeiffermuseum zu errichten, was wegen der Kosten schnell in den Akten verschwand, hat sie die Pläne, das Gelände anderweitig zu nutzen, aufgegeben, den Verfall durch Sanierung gestoppt, den Text der Gedenktafel geändert. Er lautet seither: "2001 Sicherung der Ruine durch die Stadt". So weit, so gut. Eine Zeile darüber heißt es jedoch: "Schändung der Synagoge in der Reichspogromnacht". Wer geschändet hat, nämlich "angesehene Homburger Bürger", so die Formulierung eines Täters mir gegenüber, wird tunlichst verschwiegen, insofern ist die Formulierung ein klassisches Beispiel für Verdrängung. Diese Haltung gegenüber dem Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitbürger zieht sich wie ein roter Faden durch die Nachkriegsgeschichte - bis heute.Die obige Anregung, in der Synagoge eine Gedenktafel anzubringen, ist immer wieder vorgetragen worden, zuletzt im Leserbrief vom 22. Juli 2009. In vielen Gemeinden geht man mit dieser Phase der Geschichte offen um, man stellt sich ihr, indem auf Gedenktafeln an die Deportierten und Emigrierten erinnert wird oder vor den Wohnungen der NS-Opfer Stolpersteine in den Bürgersteig verlegt werden, wie unlängst in Dahn und Saarbrücken. Mittlerweile sind es rund 5500 in etwa 100 Gemeinden. Nichts dergleichen in Homburg. Dabei ist Homburg in vielerlei Hinsicht eine geschichtsbewusste Stadt. Denken wir an Siebenpfeiffer oder Herzog Karl August. Wenn es aber um die Erinnerung an die Juden oder den Pogrom geht, schaut man weg. Am Morgen des 10. November 1938 stürmten Homburger Bürger zwei Häuser und verwüsteten das Innere: Neben dem Textilgeschäft des Salomon Aron in der Adolf-Hitler-Straße (heute: Eisenbahnstraße) auch das der Familie Alexander und Hedwig Hirsch in der Deutsch Gass 27 (heute: Karlsberstraße). Keine Plakette oder Stolperstein erinnert an diesen Vandalismus. Wie übermächtig die Verdrängung zu sein scheint, dafür ist meines Erachtens folgende Begebenheit symptomatisch: Den jungen Leuten ist der Grabstein von 2006 aufgefallen. Hier wurde Jenny Hirsch, das letzte Mitglied der ehemaligen Judengemeinde, bestattet. Sie kam als Jenny Levy 1903 in Frankfurt zur Welt, wuchs bei ihren Großeltern in Dillingen auf, arbeitete bei der Deutschen Bank in Saarbrücken, emigrierte in der Nazizeit nach Frankreich, war seit 1940, der Okkupation Frankreichs, ständig auf der Flucht vor der Gestapo, ein Großteil ihrer Angehörigen wurde Opfer der Shoa, nach dem Krieg kam sie mit dem ebenfalls emigrierten Adolf Hirsch, den sie in Saargemünd 1947 geheiratet hatte und der in seine Heimatstadt zurückkehrt war, nach Homburg. Im Rahmen meines erwähnten Projektes hatte ich mit der 84-jährigen, die damals schon im Haus auf dem Schlossberg ihren Lebensabend verbrachte, Kontakt aufgenommen. 2005, zu ihrem 102. Geburtstag, hatte das Haus eine schlichte Feier arrangiert. Zugegen waren Frau Heil, die sie jahrelang freiwillig betreute (ohne davon Aufhebens zu machen), Herr Wainstock von der Synagogengemeinde Saar und ihr Neffe Giftach Hirsch aus Basel, auch meine Wenigkeit, schließlich tauchten auch ein Vertreter der Stadt und des Kreises auf. Als der Vertreter des Kreises mich erblickte, fragte er mich: "Was machschd dann duu do?" Ich: "Ich kenne Frau Hirsch, ich habe sie aus Anlass eines Schulprojektes und meines Aufsatzes in den Saarpfalzblättern interviewt. Außerdem ist sie die letzte überlebende Jüdin." Er: "Mer hann noch mer Judde." Ich: "Das mag sein, das sind solche, die in den letzten Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert sind, aber nicht Überlebende der NS-Zeit." Dieses Gespräch zeigte mir: Der Anlass für die zwei Vertreter der Stadt und des Kreises, zu diesem Geburtstag zu kommen, war das einzig und allein das biblische Alter der Frau Hirsch - es war ihnen nicht bewusst, dass mit dieser Person das Kapitel der Judengemeinde Homburg endgültig geschlossen wurde, ebenso wenig, dass Jenny Hirsch damit in zweifacher Hinsicht zum Symbol geworden war - zum Symbol einer vergangenen Epoche und des Tiefpunktes der deutschen Geschichte. Daran zu erinnern, ist eine Aufgabe der Nachgeborenen. Sollte der Vorschlag der Konfirmanden aus Bruchhof realisiert werden, wäre ein wichtiger Schritt zum besseren Verständnis getan. Gerd Imbsweiler "Ich kenne Frau Hirsch, ich hab sie aus Anlass eines Schulprojektes und meines Aufsatzes in den Saarpfalzblättern interviewt."Gerd Imbsweiler