Matinee : Klassisches Liedgut jenseits des Kommerz

Zur Weihnachtsmatinee servierten Hans Bollinger und seine beiden Söhne im Historischen Bahnhof in Gersheim vorweihnachtliche Lieder.

„Sie dürfen heute hier kein ‚Merry Chrismas‘ oder ‚Jingle Bells‘ erwarten“, warnte Hans Bollinger die Besucher am Sonntagmorgen vor. Der Vorsitzende des Vereins „Begegnungen auf der Grenze“ freute sich im Historischen Bahnhof über eine gutbesuchte Matinee. Die vorweihnachtliche Veranstaltung scheint mittlerweile ihre Liebhaber gefunden zu haben. Eigentlich ist die Saison im Europäischen Kulturpark, wo man gemeinsam mit der Gemeinde Gersheim und der Stiftung Europäischer Kulturpark sonntagmorgens Künstler präsentiert, abgeschlossen. Irgendwann entstand die Idee, vor dem Fest eine Zusatzmatinee zu veranstalten. Bollinger (Gitarre/Gesang) und sein Sohn Daniel (Klarinette) erfreuen die Gersheimer seither mit (vor)weihnachtlichem Liedgut.

Dieses Mal kam auch Sohn Simon (Trompete/Flöte) hinzu. Ihn kennt man etwa aus der „Band Oku and the Reggaerockers“. Das sei fast schon wie bei der Kelly-Family, scherzt da Vater Hans, der die einzelnen Lieder moderierte. Wenn man ihn kennt, weiß man, wie wichtig ihm klassisches Liedgut jenseits des Kommerz ist. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, welches 1623 zur Einweihung der Altroßgärter Kirche in Königsberg entstand, machte traditionell den Auftakt.

Sich besinnlich in der Mitte der Adventszeit – am Sonntag war der zweite Advent -– auf das nahende Weihnachtsfest einzustellen geht also doch. Lieder wie „Es kommt ein Schiff geladen“, „Tochter Zion“, „Freut euch ihr Christen“ oder „Es ist für uns eine Zeit angekommen“  leisteten dazu einen Beitrag. Oder die Vertonung der Weihnachtsgeschichte aus Hirtensicht von Hoffmann von Fallersleben. „Wieder ein altes Weihnachtslied“, freute sich Hans Bollinger fast schon so, als hätte er auf dem Dachboden einen verlorenen Schatz entdeckt.

Freude auch dann, als er zwei Melodien von polnischen Weihnachtsliedern gemeinsam mit seinen Söhnen vortrug. Zwar kann er kein polnisch, dennoch schaffte er es, die besondere Stimmung zu transportieren. „Die Polen haben wunderbare Weihnachtslieder“, umschrieb der Musiker seine Hommage. Die Trompetenklänge von Simon Bollinger waren bei den beiden Weisen das Sahnehäubchen. Das war auch bei „Maria durch ein Dornwald ging“ so. In Kombination mit den Gitarrenklängen des Vaters und den Klarinettensound des Bruders erstrahlte das ehemalige Wanderlied aus dem 15. Jahrhundert im neuen Glanz. Und dann plauderte Hans Bollinger noch ein wenig aus dem Nähkästchen. „Oh, Tannenbaum, du trägst einen grünen Zweig“, sei bei der Familie das Lieblingslied zu Weihnachten.

„Und jetzt ein Lied, das sie wahrscheinlich nicht kennen werden“, kündigte er „Die heilige Nacht“ von Ludwig Thoma an, der als Schüler oft die Lehranstalt wechseln musste und deshalb auch mal in Landstuhl war. Thomas Fritz (Zupfgeigenhansel) verpasste dem Lied einen provokant-frechen Text. Wo andere Zugaben spielen, setzt bei dem, Trio – und auch das ist Tradition – das Singen mit dem Publikum ein.

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