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Nachkriegs-Vision Großstadt Saarbrücken
Das Hochhaus-Herz Saarbrückens schlug nie

Erster Spatenstich für einen Neubau an der Saar-Uni 1952: Rektor Joseph-Francois Angelloz (ganz l.) erläutert Saar-Premiert Johannes Hoffmann, dem Hohen Kommissar Gilbert Grandval, Justizminister Erwin Müller und Heinz Braun, Präsident der Europa-Union Saar, (v.l.n.r..) den Neubau der Philosophischen Fakultät  am Modell.
Erster Spatenstich für einen Neubau an der Saar-Uni 1952: Rektor Joseph-Francois Angelloz (ganz l.) erläutert Saar-Premiert Johannes Hoffmann, dem Hohen Kommissar Gilbert Grandval, Justizminister Erwin Müller und Heinz Braun, Präsident der Europa-Union Saar, (v.l.n.r..) den Neubau der Philosophischen Fakultät am Modell. FOTO: Kategorie A / Barbian, Walter / Landesarchiv
Saarbrücken. Nach 1945 wollten die Franzosen an der Saar ihre Visionen von moderner Architektur realisieren. Ihr Scheitern beschreibt Paul Burgard. Von Dietmar Klostermann
Dietmar Klostermann

Im Saarland hält sich eine Franzosen-Seligkeit. Da werden Zeitgenossen beobachtet, die das Kreuz-Wappen des Saarlandes aus der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Aufkleber an ihren Autos zur Schau stellen. Viele trauern dieser Zeit hinterher, vor allem wenn über die Volksabstimmung 1955 gesprochen wird, bei der sich zwei Drittel der Saarländer gegen ein von Deutschland unabhängiges „Saarländle“ am Rockzipfel Frankreichs aussprachen. „Ach!“, wird geseufzt. „Wenn die Saarländer nur damals anders entschieden hätten. Dann wäre das Saarland so wie Luxemburg geworden. Ein reiches Steuerparadies mit EU-Einrichtungen und Banken.“



Die Architektur-Moderne, die auf Luxemburgs Kirchberg entstanden ist, war dabei im Saarland längst geplant. Denn zu den Stoß-Seufzenden, die auch den hochfliegenden Architektur-Plänen der Franzosen hinterhertrauern, gehören auch diejenigen, die in diesen Tagen wacker die ehemalige französische Botschaft in Saarbrücken, das Bauwerk von Georges-Henri Pingusson verteidigen. Denn im Saarland gibt es nicht wenige, die den Pingusson-Bau, der durch den Bau der Stadt-Autobahn 620 Anfang der 1960er Jahre seines großzügigen Entrees brutal beraubt wurde, lieber heute als morgen abreißen lassen möchten. Diese Zeitgenossen beleidigen das architektonisch zweifellos herausragendste Gebäude aus der Zeit des französischen Interregnums an der Saar bis 1955 als „Pinguin-Bau oder schmales Handtuch“. Dabei tut die CDU/SPD-Landesregierung, die ihre „Frankreich-Strategie“ wie eine Monstranz vor sich herträgt, durch ihre bisher kaum sichtbaren Renovierungsbemühungen an dem seit dem Umzug des Kultusministeriums in die Alte Post leerstehenden Pingusson-Bau kaum etwas, um offensiv für dieses einzigartige Bauwerk zu werben.

In dem aktuellen Heft 50 der „Saargeschichten. Magazin zur regionalen Kultur und Geschichte“ (ISSN: 1866-573x) greift der beim Landesarchiv beschäftigte Historiker Paul Burgard in seinem dritten und letzten Teil einer Serie über „Das Scheitern der französischen Urbanisten: Die Schlösser des Monsieur Grandval“ das Thema unter dem Titel auf, „Warum die Hochhäuser Luftschlösser blieben“. Dabei gelingt es Burgard anhand neuer Quellenfunde aufzuzeigen, dass die französische Miltärregierung unter dem dem Hohen Kommissar Gilbert Grandval und die Top-Architekten mit ihren Hochhausplänen in Saarbrücken beileibe nicht allein an der konservativen bis reaktionären Grundhaltung der Saarländer scheiterten. Es waren vor allem Probleme mit den Grundstückeigentümern und die fehlenden finanziellen Mittel, die den großen Wurf, den Pingusson bereits 1946 für Saarbrücken zu Papier gebracht hatte, verhinderten.



Nach diesen Plänen wäre in Alt-Saarbrücken, etwa da wo heute Saartoto und die „Saarbrücker Zeitung“ residieren, eine große Fläche mit Hochhäusern zugestellt worden, ebenso auf der anderen Saarseite, wo heute die Congresshalle steht und sich der Bürgerpark erstreckt (siehe Foto). An der Preußen- und Bayernstraße hätten sich die heutigen mehrstöckigen Wohnhäuser noch viel höher in den Himmel gereckt. In St. Arnual wäre der ehemalige Militärlandeplatz zum Flughafen direkt hinter der Stiftskirche geworden. Und ein großes Fußballstadion war auf den Daarler Wiesen geplant, was den heutigen Dauerärger mit dem Ludwigsparkstadion erspart hätte.

Burgard bilanziert, dass die Utopien der Franzosen durchaus ihren Platz in der Saar-Geschichte verdient hätten. „Wie die wenigen schönen Steine, die von den Schlössern des Monsieur Grandval tatsächlich übrig geblieben sind,“ so Burgard. Vielleicht kann das Saarland dankbar sein. Wenn all die Wolkenkratzer und die breiten Autobahnen gebaut worden wären, hätte es ausgesehen wie in den französischen Banlieues wie Crèteil bei Paris. So kann der Pingusson-Bau als ein Mahnmal für architektonische Fehlentwicklungen angesehen werden.

Modell der Stadt Saarbrücken nach den Plänen von  Georges-Henri Pingusson von 1946. Hinten links die Hochhäuser in der Innenstadt, hinten rechts die an der Preußenstraße.
Modell der Stadt Saarbrücken nach den Plänen von  Georges-Henri Pingusson von 1946. Hinten links die Hochhäuser in der Innenstadt, hinten rechts die an der Preußenstraße. FOTO: Die Saar. Städtebau 1946 / Landesarchiv