Gastronomie: Der etwas andere Koch

Gastronomie : Der etwas andere Koch

Thomas Nils Bastuck kocht für seine Kunden im Saarland und im Ausland – auch für Prominente. Eine unkonventionelle Karriere.

Baumkronen verschlucken die wenigen, ängstlichen Sonnenstrahlen, die im Kampf mit den grauen Wolken siegen konnten. Es ist nicht zu warm, nicht zu kalt, genau richtig. Der Geruch von Schnitzel, Pommes und Salat steigt in die Nase, ein schöner Tag. Thomas Nils Bastuck, 34 Jahre, kurze, schwarze Haare mit akkurat gestutztem Bart, hat sich auf einen Stuhl plumpsen lassen. Sein runder Bauch, der eine Verlängerung zum Tisch bietet, macht den Eindruck der Gemütlichkeit perfekt. „Sieht lecker aus, kann man mal hin essen gehen“, sagt der Theleyer mit einem kurzen Blick auf den Teller seines Tischnachbarn. Wenn es einer einschätzen kann, dann wohl er. Schließlich ist Bastuck seit zehn Jahren als Mietkoch unterwegs, im Saarland, in Irland, auf Mallorca.

„Ich bin der Thomas“, brummt er gleich zu Beginn und lächelt verschmitzt. Ganz unkompliziert. Statt sich konventionellen Denkmustern zu fügen, versucht er lieber, alte Traditionen mit neuen Werten zu füllen. Zum Beispiel als er vor zwei Jahren mit seinem Mann das erste homosexuelle Prinzenpaar für die Theleyer „Narrekäpp Helau Mildau“ bildete. „Natürlich war es erstmal so, dass die Leute uns in rosa Kostümen erwarteten. Aber schnell war klar: Wir wollen keine Traditionen zerstören, sondern daran teilhaben.“

Schon einige Jahre zuvor wollte der 34-Jährige etwas Besonderes machen, sich nicht den Arbeitszeiten der Gastronomie unterwerfen: Koch war zwar sein Traumberuf, die Gastronomie schreckte ihn allerdings ab. „Es gab Mitschüler in der Berufsschulklasse, die arbeiteten bis drei Uhr in der Nacht und mussten um acht Uhr wieder zum Unterricht da sein. Bastucks Gedanken damals: „Will ich im Beruf arbeiten oder will ich darin leben?“

Er traf die Entscheidung für ersteres und damit gegen die Gastronomie. Nur – wo arbeitet ein Koch sonst? Sein natürliches Revier ist doch die Küche. „Ich habe mit meinen Eltern und mit meinem Bruder geredet, was ich stattdessen machen könnte. Dann kam die Idee: Mietkoch.“ Im Internet macht sich der 34-Jährige auf die Suche und erkennt schnell: Mietköche sind in Deutschland eine Nische; nur in München und Berlin gibt es welche. Was machen diese Köche? „Im Vorfeld bespreche ich mit meinen Kunden, was auf den Tisch kommen soll, in wie vielen Gängen.“ Den Einkauf macht Bastuck selbst, die Eier kommen von seinen eigenen Hühnern. Er mag es in unterschiedlichen Küchen zu kochen, es sei immer eine Herausforderung. Hinterher räumt der 34-Jährige sie stets auf. Drei Gänge kosten bei ihm um die 50 Euro – pro Person. Auf neuste Trends, die sich momentan überschlagen, ist er eingestellt, will sie aber nicht alle mitmachen. Er bleibt der klassischen Küche treu, seine Vorbilder sind die großen Meister wie Auguste Escoffier, der Ahnherr der französischen Küche. Am liebsten kocht Bastuck den Klassiker: Tournedos Rossini. Das ist Rinderfilet in Madeira-Sauce mit gebratener Gänsestoffleber.

Wie sein Vorbild Escoffier hat auch der 34-Jährige ein Buch geschrieben. Sein „Private Dancer: Mein Leben als Mietkoch“ (118 Seiten, erhältlich bei Amazon) soll nicht die französische Haute Cuisine revolutionieren, sondern seine gesammelten Erfahrungen wiedergeben. Die Erzählung endet mit den Worten: „Ich habe aus meinem Beruf das Beste gemacht, was jemals ein Koch gemacht hat. Was will ich mehr?“ Das schreibt der Koch heute – nach zehn Jahren.

Damals musste der 34-Jährige seine Geschäftsidee erst einmal verwirklichen. Ohne konkreten Plan. Er machte sich daran, eine Internetseite aufzubauen, Flyer zu verteilen, in die Innenstadt zu gehen und sich zu präsentieren. Bastuck sagt: „Ich hatte keine Erwartungen. Es war eben ein Versuch.“

Ein Versuch, der glückte. Sein erster Auftrag ist in Saarlouis. Zwölf Leute, vier Gänge, alle zufrieden. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda wird der Mietkoch schnell bekannt – auch über die saarländischen Grenzen hinweg. „Im Nachhinein kann ich sagen: Die ersten vier Jahre waren wirklich verrückt, ich war so gut wie nicht mehr zuhause im Saarland.“

Das Saarland, sein Zuhause, wird ihm zu klein, aber er findet schnell neue Möglichkeiten. Irland, genauer Dublin. Am Flughafen wird er abgeholt und in ein Haus eines berühmten irischen Sängers gebracht. Den Namen darf er leider nicht verraten – aus vertraglichen Gründen. Die Haushälterin führt ihn in eine große Küche. Bastuck packt aus, um kurz danach wieder einzupacken. Die Gesellschaft um den irischen Sänger hat sich anders entschieden und geht lieber in ein Restaurant speisen. „Der macht einfach, was er will“, sagt die Haushälterin zu Bastuck. „Ich war damals etwas fassungslos. Fliege extra nach Dublin, um zu kochen, und werde dann so vor den Kopf gestoßen.“ Sein Geld bekommt er trotzdem – und Wochen später einen Anruf: Der Sänger ist dran, entschuldigt sich. Alles gut, alles vergessen. Heute zählt er zu den besten Kunden des saarländischen Mietkochs.

Von Irland geht es weiter nach Mallorca, wo er sich für kurze Zeit in Restaurants verdingt. So wie es ihm gefällt. Er reist, ist ungebunden, führt das Leben, das er wollte. Immer weiter, alleine durch die Welt. Nur, irgendwas fehlt ihm.

Was ihm fehlt, merkt er auf dem Jakobsweg. Es war 2014. Eigentlich ist der Weg für ihn nur eine Herausforderung. Eigentlich. Er macht sich Gedanken, merkt, dass er durch sein Leben unnahbar wurde. Zwar viele Bekannte hat, aber keine Liebesbeziehung. Er will sich ändern. Er ändert sich. Sechs Monate später lernt er seinen späteren Mann Sadik Kabashi kennen. Er arbeitet als stellvertretender Leiter bei einer Lebensmittelkette. Nach drei Monaten kommt der Antrag. Bastuck, der Weltenbummler, sein Mann, der Ruhige. Manchmal stimmen alte Weisheiten: Gegensätze ziehen sich an.