Zwischen Hilfe und Kontrolle

Außer in Koblenz gibt es landesweit noch eine weitere Jugendbewährungshilfe: nämlich im Landgerichtsbezirk Zweibrücken. Drei Mitarbeiter, deren Dienststelle in Pirmasens ist, betreuen insgesamt 30 junge Straftäter auf Bewährung.

"Erfolg ist relativ", sagt Dominik Germann. Gerade für einen Bewährungshelfer. "Manchmal ist auch eine Inhaftierung ein Erfolg", gibt er zu bedenken. Denn sein Auftrag ist zweigeteilt: Einerseits sind Germann und seine Kollegen dafür da, Straffälligen auf Bewährung zu helfen, ihr Leben zu meistern. Andererseits sollen sie die Gesellschaft schützen, indem sie dafür sorgen, dass neue Straftaten vermieden und Auflagen eingehalten werden. In diesem Spannungsverhältnis bewegt sich die Jugendbewährungshilfe beim Landgericht Zweibrücken jeden Tag.

Wird ein Täter nach dem Jugendstrafrecht verurteilt und die Strafe - oder ein Teil davon - zur Bewährung ausgesetzt, wird fast immer die Betreuung durch einen Bewährungshelfer angeordnet. Im Bereich des Zweibrücker Landgerichtes gibt es dann ein besonderes Angebot: die Jugendbewährungshilfe. Die funktioniert im Grunde wie bei erwachsenen Straftätern: Zu Beginn gibt es ein ausführliches Erstgespräch. Dort wird vor allem der Hilfebedarf erfragt: Wo sind besondere Brennpunkte und Missstände? Wo ist direkte Hilfe notwendig? Die Probleme können vielfältig sein: drohender Arbeitsplatz- oder Wohnungsverlust, keine Krankenversicherung, Schulden, gesundheitliche Probleme, Drogenabhängigkeit. Gerade Sucht ist ein sehr häufiges Thema bei der Jugendbewährungshilfe. Viele begangene Straftaten der Klienten hängen direkt oder indirekt damit zusammen: Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz oder Beschaffungskriminalität. Schritt für Schritt - und geordnet nach Dringlichkeit - gehen die Bewährungshelfer dann die einzelnen Probleme an. Dabei blicke man vor allem auch auf das persönliche Umfeld der Klienten, erläutert Germann. "Dabei wird oft klar, wo die Probleme liegen." Viel habe er schon erlebt: Menschen, die Hunger leiden, ohne Strom leben oder Analphabeten sind.

Bei anderen sind die Voraussetzungen deutlich besser. Auch aus diesem Grund ist für Germann der Begriff "Erfolg" - und damit auch so etwas wie eine "Erfolgsquote" - nur sehr schwer zu definieren: "Man muss immer schauen: Wo kommen die Leute her?" Unter Germanns Klienten seien auch minderbegabte oder psychisch kranke Menschen. Da sei es manchmal schon ein Erfolg, wenn diese einfach nur straffrei blieben. Andere kommen aus einem guten Elternhaus, haben Potenzial und sind irgendwie auf die schiefe Bahn geraten. Da könne man schon wesentlich mehr erwarten. "Es ist manchmal traurig, wenn jemand seine Möglichkeiten nicht nutzt", sagt Germann.

Sätze wie diesen hört man von den drei Jugendbewährungshelfern ansonsten eher selten. Die Frustrationstoleranz bei ihnen ist hoch. Und bei aller Empathie - Germann: "Man vergisst den Menschen nicht" - bewahren sie ihre professionelle Distanz. "Es ist deren Leben", sagt Germann über seine Klienten. "Ich zeige auf, welche Wege sie einschlagen können." Seine Kollegin Barbara Breiner, wie er seit 1999 in dem Job, empfindet Rückschläge deshalb auch nicht als "Niederlagen". Begeht ein Klient etwa eine neue Straftat, gehe es einfach weiter: "Bei einem Rückfall fange ich halt an der Stelle wieder an."

Im Jugendstrafrecht steht der erzieherische Aspekt im Vordergrund. Das setzt sich auch nach der Haftentlassung in der Bewährungszeit fort. Die größte Besonderheit bei der Jugendbewährungshilfe, die es in ganz Rheinland-Pfalz sonst nur in Koblenz gibt, ist vor allem der Faktor Zeit: Während bei Erwachsenen etwa 80 bis 90 Straffällige auf eine Betreuerstelle kommen, sind es bei den Jugendlichen nur 30. Das sei vor allem deshalb sinnvoll, meint Germann, weil der Betreuungsbedarf bei jungen Menschen wesentlich höher sei. Ein weiterer Unterschied zur "normalen" Bewährungshilfe sind im Landgerichtsbezirk Zweibrücken aktions- und gruppenpädagogische Elemente. So geht man beispielsweise mit den Klienten klettern, wandern oder Kanufahren. "Da geht es weniger um den Spaßfaktor", sagt Germann. Stattdessen komme man auf diese Weise einfach besser an die Person ran:

Dass dieser Hilfsaspekt auch in Zukunft nicht zu kurz kommt, ist Germanns größter Wunsch. "Wenn ich mich zu stark auf den Aspekt der Kontrolle konzentrieren muss, verliere ich den Menschen", sagt der Sozialarbeiter. "Dann kann die Arbeit auch ein Polizist machen." Und dann geht es doch noch einmal um "Erfolg": Germann berichtet von einem Straßenfest, bei dem er einen ehemaligen Klienten getroffen hat. Der stellte ihm seine Frau und seine Kinder vor und berichtete von seiner Arbeit. Manchmal ist Erfolg doch nicht relativ.

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Stichwort Die Jugendbewährungshilfe für den Landgerichtsbezirk Zweibrücken ist in Pirmasens angesiedelt, besitzt aber auch ein Büro in der Rosenstadt. Dominik Germann (25 Prozent), Barbara Breiner (25 Prozent) und Vanessa Giese (50 Prozent) teilen sich in diesem Bereich eine Planstelle. Neben aktions- und gruppenpädagogischen Elementen umfasst ihre Arbeit alle Bereiche klassischer Bewährungshilfe: Beratung und Begleitung in verschiedenen Lebensbereichen, Vermittlung und Betreuung von Auflagen und Weisungen sowie die Aufarbeitung der Straftat. gda