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Willkommen in der Manege des Todes

Willkommen in der Manege des Todes

Zwei famose Festival-Aufführungen gab es vorgestern: einmal das knapp 20-minütige „Dans l'atelier“ mit packender Marionetten-Spielkunst. Und „Dark Circus“, visuelles Theater voller Ideen und Lust am Erzählen.

Ist die Rente nun sicher oder nicht? In diesem Zirkus ist das wurscht, denn man erlebt sie ohnehin nicht - zumindest nicht als Artist, denn die sterben weg wie die Fliegen. Ob nun die Trapezkünstlerin Anika Kourgikourva, die netzlos gen Manegenboden saust, der Dompteur Mexico Perez, der im Magendarmtrakt eines Löwen landet, oder Tony Batista, der Partner der Messerwerferin May Wang, dessen Herzmuskel punktgenau aufgespießt wird.

Den Namen "Dark Circus" trägt dieser Artistenbetrieb also nicht zu Unrecht; "Dark Circus" heißt auch das Stück, ein Abgesang und eine Zirkus-Liebeserklärung gleichermaßen, die am Dienstag und gestern in der Alten Feuerwache zu sehen war. Diese deutsche Erstaufführung wurde bejubelt, kein Wunder: Romain Bermond und Jean-Baptiste Maillet, beide Musiker und bildende Künstler, feiern mit ihren Trick-, Papp- und Scherenschnittfiguren ein visuelles Fest, befeuert von der Lust an Bildern und ihrer Erschaffung und am Fabulieren.

Eine große Leinwand steht zwischen den Künstlern, jeder hat seine Bastel-Kreativecke; Maillet sitzt inmitten von Musikinstrumenten, Bermond steht an einem Tisch mit Kameras, Folien, Papierfiguren und einer leuchtenden Glasfläche. Was hier passiert, wird an die Leinwand der Feuerwache projiziert - und es passiert viel: Zur Begleitung von Maillet, der kleine Musikfragmente aufnimmt, verdoppelt, übereinander legt, skizziert Bermond die Welt dieses schwarz-weißen Zirkus: Erst zeichnet er ihn, dann verdunkelt Sand, den er auf seinen Leuchttisch streut, den Himmel, bevor Bermond aus dieser Sandfläche mit zwei, drei Wischbewegungen die Außenansicht des Zirkus erschafft - ein paar Fingerspitzentupfer im Sand später sind wir mitten drin in der Manege, wo ein Direktor (eine Papierfigur) seine Attraktionen ankündigt; angesichts der niedrigen Lebenserwartung seiner Kollegen sind seine teerschweren Augenringe nur zu verständlich.

Menschliche Kanonenkugel

Die menschliche Kanonenkugel Georg Smith wird, wohl durch zu viel Schießpulver, ins All geschossen, dreht als kreischender Satellit eine Runde um die Erde, um dann mit lautem "Bumm" (aus Maillets Schlagwerk) tödlich zu landen. Der Tod des Dressurreiters Giri Obrousky beginnt mit einem (etwas zu langen Exkurs) aus der Manege, bei dem Stereoptik einen vorab produzierten Trickfilm in live gezeichnete Szenerien einbindet. Herrlich.

Das eigene Beobachten des Künstlers bei der Arbeit, das Erkennen der Beziehung zwischen dem emsigen Gefummel in den Bastelecken und den wundersamen Bildern auf der Leinwand, ist enorm reizvoll. Als Zuschauer dreht man den Kopf noch öfter als bei einem Tennisspiel, um abwechselnd zu sehen, was gerade als Bild projiziert wird und wie die beiden Herren das produzieren: mit Buntstift, Zeichenkohle, Farbfolien, Schattenspielen und gar Wasserreflexionen, die kopfüber an die Wand gestrahlt werden. Allein das Schicksal des Dompteurs ist ein Kabinettstückchen, ist dessen Kopf doch eigentlich der Kopf von Maillets Gitarre (und deren Saiten sind das Gitter des Löwenkäfigs).

Nach dem Tod des letzten Artisten - Jongleur Joe wird von seiner einzigen, aber offensichtlich sehr schweren Kugel erschlagen - kommt Farbe in diesen vormals schwarz-weißen Zirkus, er feiert die große Auferstehung, die Musik wird tanzbar, die Nummern überlebbar, der vormals tödliche Löwe zur funky Kuschelkatze. Da droht "Dark Circus", nach der schwarzhumorigen Atmosphäre zuvor, ein wenig zu gefällig zu werden - das nimmt diesem famosen Abend aber nichts.