Schleckers Untergang

Der Schuldige für das Ende von Schlecker war gestern schnell gefunden. Reflexartig zeigte nicht nur Verdi-Chef Frank Bsirske auf FDP-Chef Philipp Rösler. Auch viele Politiker sind überzeugt, dass Röslers Nein zur Schlecker-Transfergesellschaft der Drogeriemarktkette den Todesstoß versetzt hat. Doch hier darf und muss Rösler entschuldigt werden

Der Schuldige für das Ende von Schlecker war gestern schnell gefunden. Reflexartig zeigte nicht nur Verdi-Chef Frank Bsirske auf FDP-Chef Philipp Rösler. Auch viele Politiker sind überzeugt, dass Röslers Nein zur Schlecker-Transfergesellschaft der Drogeriemarktkette den Todesstoß versetzt hat. Doch hier darf und muss Rösler entschuldigt werden. Denn nicht sein Veto war der Schlussstrich unter eine der spektakulärsten Firmenpleiten in Deutschland - das System Schlecker hat sich selbst ad absurdum geführt.Dabei sah es so glänzend aus, als Anton Schlecker 1975 mit einem genialen Coup den Grundstein für den Konzern legte: Als damals die Preisbindung fiel und Hersteller nicht mehr diktieren konnten, was ihre Produkte in den Läden kosten sollen, öffnete der gelernte Metzger erste Drogeriemärkte. Dort konnte er Waren, die er in großen Mengen einkaufte, günstiger anbieten als die Konkurrenz. Genial auch seine Idee, Filialen in kleinen Orten zu eröffnen und die Kundinnen quasi an der Haustür abzuholen.

Doch damit endete die Genialität, und das Problem trat zu Tage: Anton Schlecker war kein Unternehmer. Er führte den Konzern nach dem zu einfachen Prinzip, wonach immer funktionieren wird, was einmal funktioniert hat. Dabei lief anfangs alles perfekt. 1984 hatte Schlecker rund 1000 Filialen, 1995 waren es bereits mehr als 6000. Doch gerade wegen dieser eindimensionalen Wachstums-Strategie war Schlecker zum Scheitern verurteilt. Längst zeigten die Konkurrenten, dass Einkaufen auch ein Wohlfühlerlebnis sein kann. Doch statt die Zeichen der Zeit zu erkennen, setzte Schlecker stumpf auf Versorgung in freudlosen Läden auf zu kleiner Fläche. Verluste wurden zu spät erkannt, ein effektives Controlling gab es nicht, und selbst in offensichtlichen Fällen verweigerte Schlecker die Schließung unrentabler Läden, um den Umsatz nicht zu verlieren.

Anton Schlecker stürzte auch über sich selbst. Er hatte sich mit einem Ja-Sager-Direktorium umgeben, akzeptierte keine Kritik und lehnte externe Berater ab. Seine Kinder Meike und Lars, die neue Ideen ins Unternehmen bringen wollten, ließ der Gründer erst ans Ruder, als es schon zu spät und die Insolvenz unvermeidlich war. Dass Investoren jetzt nur noch für einige wenige Filetstücke akzeptable Preise boten, zeigt: Das Geschäftsmodell Schlecker ist nicht (mehr) tragfähig.

Traurig ist dies letztlich nur für die vielen tausend Mitarbeiterinnen, die vom Unternehmen jahrelang schlecht behandelt wurden und jetzt auch noch auf der Straße landen. Sie allerdings können hoffen. Weil ihr Chef ihnen stets viel Flexibilität abverlangte, sind die Schlecker-Frauen in der Branche hoch angesehen. Und nicht nur der Handelsverband sieht gute Chancen auf eine Weiterbeschäftigung.

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