Die machtlose, machtvolle Königin

Die machtlose, machtvolle Königin

London. Das europäische Festland zittert und zagt in der Währungs- und Schuldenkrise. Großbritannien dagegen erscheint derzeit als Insel der Glückseligen, wo sich die Untertanen zum diamantenen Thronjubiläum ihrer Majestät einen unbeschwerten Festrausch gönnen

London. Das europäische Festland zittert und zagt in der Währungs- und Schuldenkrise. Großbritannien dagegen erscheint derzeit als Insel der Glückseligen, wo sich die Untertanen zum diamantenen Thronjubiläum ihrer Majestät einen unbeschwerten Festrausch gönnen. Zwar findet fast die Hälfte der Briten, dass ihr Land heute schlechter dasteht als vor dem Amtsantritt von Elizabeth II vor 60 Jahren. Dennoch sollten sich die Republikaner, die für Sonntag die "größte und kühnste Demonstration gegen die Monarchie in moderner Zeit" planen, nicht zu früh freuen. Nach aktuellen Umfragen sind nämlich nur 14 Prozent der Briten gegen ihre Staatsform.Das spiegelt die eigenartige Haltung der Briten zur Monarchie wider: Sie gehört zum Land wie "Fish and Chips" und warmes Bier. Und ohne dass sie wirklich daran glauben, halten Elizabeths Untertanen an dem unvergleichlichen Pomp fest - wegen des wohligen Gefühls, das Republiken kaum vermitteln können.

Das diamantene Thronjubiläum wird zwei Jahrzehnte nach dem "annus horribilis" gefeiert, über das die Queen 1992 klagte. Damals war die Monarchie wegen diverser Ehe-Skandale im Hause Windsor auf dem absoluten Nullpunkt. Doch inzwischen hat die "Firma", wie die Queen ihren Familienbetrieb nennt, wieder eine unglaublich feste Marktposition erreicht. Zu verdanken ist das vor allem der 86-jährigen Chefin, deren Popularität und Ansehen so hoch sind wie nie zuvor. Auch das Ausland schätzt ihre Erfahrung, ihre Würde, das eiserne Pflichtbewusstsein. Überaus geschickt vermitteln zudem die jüngeren "Royals" wie William, Kate und Harry ein modernes Image für die uralte Institution. Und das Gerangel um die Wahl französischer oder deutscher Präsidenten förderte zuletzt auch nicht gerade den Appetit der Briten auf eine republikanische Staatsform.

Wenn Kritiker das System ererbter Macht in den Mittelpunkt rücken, greifen sie entschieden zu kurz. Tatsächlich ist nicht die Monarchie das Problem, sondern die unheilvolle Verzögerung dringend notwendiger Reformen, die durch sie verursacht wird. Denn im "Mutterland der Parlamente" haben die Regierungschefs eine Machtfülle, von der viele Diktatoren nur träumen können. Grund sind die "königlichen Prärogative". Diese durch "Gottes Gnade" gewährten Vorrechte haben britische Monarchen seit dem 17. Jahrhundert an den jeweiligen Premierminister abgetreten, um die Krone nicht zu verlieren. Die Bandbreite reicht von der Befugnis, ohne Zustimmung des Parlaments Truppen in einen Krieg zu senden, bis zu der Zusammensetzung des Oberhauses und einer Reihe von Privilegien ganz nach Gutdünken des Regierungschefs.

Dank ihrer machtlosen Königin haben britische Premiers wenig Interesse an einer Republik, die ihre Macht beschneiden könnte. Doch außerhalb Großbritanniens, in den Staaten des Commonwealth, wackelt Elizabeths Status. Trotz der großen persönlichen Beliebtheit der Queen sprachen sich die Australier in einem Volksentscheid nur knapp für die Monarchie aus. Ähnlich ist die Stimmung in Kanada. Und wenn es nach Premierministerin Simpson Miller geht, wird Jamaika noch dieses Jahr eine Republik. Desungeachtet hält Miller die Queen für "eine liebenswerte Dame". Monarchie hin, Republik her - das ist wohl auch die Ansicht aller, die jetzt das stolze Jubiläum ihrer Königin feiern.

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