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Flucht hat im Saarland eine besondere Geschichte

Flucht hat im Saarland eine besondere Geschichte

Gestern hatten auch in Saarbrücken die Ableger von Pegida zu einer Kundgebung aufgerufen. Ich finde es widerlich, wie gerade jetzt nach den schrecklichen Morden von Paris versucht wird, Stimmung zu machen.

Gerade haben sie noch gegen die "Lügenpresse" geschimpft, jetzt tragen sie Trauer flor für die ermordeten Journalisten. Das ist heuchlerisch. Die Hetze gegen Muslime und Flüchtlinge ist auch deshalb so beschämend, weil Flucht und Verfolgung bei uns im Saarland eine besondere Geschichte haben.

Weil das Saargebiet nach dem 1. Weltkrieg vom Völkerbund verwaltet wurde, bot es ab 1933 Tausenden eine sichere Zuflucht, die Hitler-Deutschland verlassen mussten. Wer vor den Nazis fliehen musste, fand an der Saar Aufnahme und Unterstützung. Hier erfuhren die Verfolgten das, was die einen Solidarität nennen und die anderen Nächstenliebe. Für manche war das Saarland Durchgangsstation, andere blieben länger. Rudolf Breitscheid , Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion, ging weiter nach Frankreich ins Exil. Marie Juchacz, die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt , blieb zwei Jahre im Saargebiet.

Aber die Freiheit an der Saar währte nicht lange. Heute vor 80 Jahren, am 13. Januar 1935, stimmte die große Mehrheit der Saarländer in einer Volksabstimmung für die Rückkehr nach Deutschland. Nationalismus hatte die Menschen blind gemacht für die Diktatur Hitlers, viele waren geblendet von den wirtschaftlichen Anfangserfolgen des Regimes. Eine Verschiebung der Abstimmung, wie von Demokraten verzweifelt gefordert, hatte der Völkerbund abgelehnt. Während das Saargebiet "heim ins Reich" kehrte, wurden fast 8000 Saarländer zu Flüchtlingen. Auf ihrer Odyssee durch Westeuropa waren Hitler-Gegner und Juden selten willkommen, aber stets bedroht von Nazi-Deutschland. Breitscheid wurde vom Vichy-Regime an die Gestapo ausgeliefert und starb im KZ, Marie Juchacz fand erst in New York eine sichere Bleibe.

Max Braun, der Vorsitzende der Saar-SPD, der schließlich in England Asyl fand, hatte schon früh gewarnt: "Der Hitler, der jemals die Saar bekäme, bliebe an der Saargrenze nicht stehen, sondern mit dem Schlüssel der Ludwigskirche würde er den Versuch machen, in das Straßburger und Metzer Münster einzudringen." Hitler überzog ganz Europa mit Krieg, stürzte auch das Saarland ins Elend und machte Millionen Deutsche heimatlos. Die großzügige Hilfe aus dem Ausland half mit, dass nach dem Krieg der Wiederaufbau so rasch gelang.

Wenn heute Flüchtlinge zu uns kommen, die dem Krieg im Irak oder den Schergen des syrischen Diktators entronnen sind, sollten wir uns daran erinnern: Flucht ist ein Schicksal. Man hat keine Wahl, wenn es ums Überleben geht. In Dresden, Saarbrücken und anderswo brauchen wir deshalb statt dumpfem Protest mehr Begegnung. Die Botschaft des christlichen Abendlandes ist nicht Ausgrenzung, sondern: "Helft Menschen in Not!"

Für uns im Saarland waren die Aussöhnung mit Frankreich und der Kampf gegen jede Form von Antisemitismus die Lehren aus der Geschichte. Auch heute dürfen wir nicht zulassen, dass gewissenlose Demagogen einen Keil zwischen die Menschen treiben. Nationalismus und Rassismus haben stets Unheil über unser Land gebracht, aber Solidarität und Nächstenliebe sind heute so wichtig wie vor 80 Jahren. Heiko Maas ist Bundesminister für Justiz und Verbraucherschutz und Vorsitzender der SPD Saar.