Springt Saarbrücken am Samstag „aus der Kutte“?

Springt Saarbrücken am Samstag „aus der Kutte“?

Einen Wildfremden auf der Straße ansprechen - das kostet Überwindung. Zusammen verrückt sein, erst recht. Aber wer über sich hinausgeht, wird Teil des Schwarms - lässt sich, wie Fische, Insekten oder Vögel das tun, in der Gruppe durch Saarbrücken leiten. Aber nicht auf der Suche nach Nahrung oder zum Schutz vor Fressfeinden. Sondern auf der Spur Martin Luthers - im Jubiläumsjahr der Reformation.

Wer mitmachen will, muss nur eine SMS versenden, mit dem Stichwort: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Dann erfährt er am Freitagabend den bis dahin geheimen Startpunkt für den "Flashmob". Tags drauf, am Samstag um 17.03 Uhr, geht es los: Die Teilnehmer springen wie Luther "aus der Kutte", so betiteln die Veranstalter die Aktion. Die Gruppe zieht gemeinsam durch die Stadt. Dabei passiert sie elf Orte. Welche das sind, wird noch nicht verraten. In diesen zirka zwei Stunden spielt sie die Reformation nach. "Es ist ein Versuch, den Leuten zu zeigen, dass Reformation nicht nur Kirche ist, sondern auch viel mit gesellschaftlichen Werten zu tun hat", erklärt Clara Muth. Sie gehört den Münchner Urbanauten an. Diese Initiative haben die evangelischen Kirchenkreise und Dekanate im Rahmen des Reformationsjubiläums ins Saarland eingeladen.

In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste Saar (HBK), der Hochschule für Musik (HfM), dem Saarlandmuseum, dem Saarländischen Staatstheater und der Stadt Saarbrücken haben Clara Muth und Urbanauten-Mitgründer Benjamin David das Konzept entwickelt. Am Samstag werden sie sich auf Saarbrückens Straßen unter den Schwarm mischen - unauffällig. Mit einem Knopf im Ohr sind sie verbunden mit einer Steuerungszentrale. Von dort aus schicken Organisatoren immer wieder Nachrichten auf die Handys der Teilnehmer. Mit den nächsten Anweisungen - etwa der, in schnellem Tempo die Straße entlang zu laufen bis zum nächsten Platz. Dort passiert dann etwas. Was genau, sei unplanbar, sagt Muth. Es gebe zwar Anweisungen, aber "die Leute bestimmen, wie es funktioniert, und ob es funktioniert. Es ist ihr Schwarm", sagt die 31-jährige Studentin. Die Idee sei, dass ein Dialog entsteht - zwischen den Teilnehmern und auch mit den Urbanauten. Per Facebook und Twitter sollen alle miteinander kommunizieren können. "Damit die Teilnehmer nicht wie Lemminge von uns gesteuert durch die Stadt laufen", sagt Muth. Zu viel will die Münchnerin noch nicht verraten. Aber es könnten Federn fliegen und Farbe klecksen. Mit 300 bis 500 Teilnehmern rechnet sie. Wer zufällig auf der Straße ist, könne sich einfach anschließen. "Die Aktion lebt davon, dass sich die Leute erstmal vor den Kopf gestoßen fühlen und sich fragen, was da denn los ist?", erklärt Muth. Dann sollen sie mitmachen. Egal, ob gläubig oder nicht. Denn es gehe um die Werte der Reformation. Die lebe schließlich heute wohl noch jeder. Beteiligung, Mitgestalten, die Meinung sagen, wenn man etwas nicht in Ordnung findet.

Die beiden Urbanauten-Gründer Benjamin David und Ulrike Bührlen lernten sich in ihrem Geographie-Studium kennen. Während ihres Auslandssemesters in Barcelona fiel ihnen auf, dass in Spanien der öffentliche städtische Raum ganz anders genutzt werde als bei ihnen in München. 2003 begannen sie mit unkonventionellen Ideen und Aktionen. Es geht ihnen etwa um Stadtentwicklung, Digitalisierung in einer Stadt oder bezahlbaren Wohnraum. Das Kunstformat des urbanen Schwarms entwickelten die Urbanauten schon früher: 2011 riefen sie so anlässlich der Eröffnung der Münchner Opernfestspiele zu einer Opernhausbesetzung auf.

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