Schlüssige Saarbrücker Uraufführung von Dave Eggers' Roman "Eure Väter, wo sind sie?..."

Uraufführung in der Saarbrücker Sparte 4 : Verdammt noch mal, gebt mir endlich einen Lebenssinn

Die Uraufführung von Dave Eggers’ verunglücktem „Väter“-Roman in der Saarbrücker Sparte 4 wird zum dramaturgischen Glücksfall.

Zu Recht wurde Dave Eggers’ 2015 erschienener Thesenroman „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“ seinerzeit von der Literaturkritik zerpflückt. Zu holzschnittartig, marktschreierisch und moralisierend nannte man Eggers’ gänzlich aus Dialogen bestehendes Werk über den Mittdreißiger Thomas, der sieben Menschen auf eine verlassene US-Militärbasis am Pazifik verschleppt, um den Gekidnappten dort die Fragen zu stellen, die ihn sein ganzes Leben lang schon umtreiben. Und anderen die Schuld für sein verpfuschtes Dasein zu geben. Eggers, dem seit seiner Silicon-Valley-Abrechnung „The Circle“ (2013) der Ruf vorauseilt, ein Zeitdiagnostiker vor dem Herrn zu sein, lege sein Entführungssetting im Stil eines „pädagogisch-propagandistischen Proletkult-Theaters“ an, brachte es die „Frankfurter Rundschau“ damals auf den Punkt.

Dass bei aller berechtigten Kritik an Eggers’ Wutbürgerporträt dessen Qualitäten– lässt man die plakative Grundstruktur einmal beiseite – übersehen worden sind, beweist die Dramatisierung von „Eure Väter, wo sind sie?“, die am Freitag in der Saarbrücker Sparte 4 als Uraufführung auf die Bühne gebracht wurde. Was Regisseur Thorsten Köhler, Co-Leiter der Sparte 4, und die beiden herausragenden Schauspieler Philipp Seidler und Gregor Trakis aus Eggers’ krudem Textcorpus herausholen, das ist mehr als bemerkenswert. Ihnen gelingt ein ungemein dichter, bezwingender Abend aus einem Guss.

Anfangs fürchtet man noch, die Regie lasse den Entführer Thomas nur aus dem Off auftreten. Gut zehn Minuten hören wir seine verzerrte Stimme nur aus einem Lautsprecher, während seine von Gregor Trakis ohne jedweden Kostümwechsel alleine mittels subtiler Stimm- und Ausdrucksvariationen individualisierten Opfer an einen Betonpfeiler angekettet sind. Das reduzierte Bühnenbild von Justus Saretz belässt es ansonsten bei einer Pritsche und einem massigen Zementblock, während Samir Taibis Sounddesign Mal um Mal eine Sonde in Thomas’ Gedankengefängnis zu legen scheint, die dessen bedrohliches Überlaufen mit verzerrten Gitarren klanglich abbildet, um bei jedem Szenenwechsel wieder mit schmalzigen Evergreens von Tony Bennett oder Peter, Paul & Mary die angezettelte Bedrohlichkeit ironisch zu brechen. Sobald der von Seidler bis in jede Körperfaser hinein glaubhaft verkörperte Kidnapper die Bühne betritt, nimmt das Stück Fahrt auf. Seidler (wie auch Regisseur Köhler) reduziert Thomas gerade nicht auf das in diesen Polemik feiernden Zeiten naheliegende Abziehbild eines typischen tumben Trump-Protestwählers. Vielmehr gibt er ihn als Traumatisierten mit gewaltigem Leidensdruck, der vergeblich nach seinem Platz im Leben sucht und auf infantile Weise Staat und Gesellschaft in der Verantwortung sieht, ihm gefälligst die Vorbilder zu liefern, an denen er sich aufrichten kann.

Klug umschifft Köhlers Regie viele der schwarzweißhaften Fallen, die Eggers’ Stückvorlage bereithält. Vielmehr konzentriert sich die Regie auf die diversen Binnenkonflikte, die das Aufeinandertreffen von Thomas mit den von ihm nicht wahllos Entführten ans Licht bringt. Ob der als Bettvorleger gelandete Nasa-Astronaut Kev, den Thomas im Studium schätzen lernte als Musterbeispiel beruflicher Zielgerichtetheit und zu seinem nationalen Helden zurechtstilisierte. Oder der Kongressabgeordnete und Vietnam-Veteran Dickinson, dem er nun vorhält, Teil eines politischen Systems zu sein, das die sozialen Spielregeln nach Belieben ändert. „Kein Schwein hat für irgendwas einen Plan. Das ist wohl das Niederschmetterndste – das, was uns alle verrückt macht“, schließt der aufgebrachte Thomas sich mit der ganzen Welt kurz. Wie Kev und Dickinson halten auch seine übrigen Opfer (Thomas’ Mom; sein päderastisch veranlagter Ex-Lehrer; einer jener Polizisten, die Thomas’ besten Freund bei einer eskalierenden Verfolgung mit 17 Schüssen liquidierten sowie die ihm an der Militärbasis zufällig über den Weg gelaufene Sara, in der Thomas eine Liebesgefährtin wähnt) dem im Grunde seines Herzens verzweifelten Kidnapper den Spiegel vor. Jede dieser Beziehungen offenbart auch, dass deren jeweilige Wahrheit stets ein widersprüchliches Versionengemisch ist. So wie Thomas’ Mutter etwa recht hat, die ihm vorhält, vor lauter Schuldzuweisungen nur zurückzublicken, fühlte er sich umgekehrt mit Grund von ihr als Kind missachtet und vernachlässigt. So legt jede der sechs Figuren in dem kammerspielartig gebauten Stück eine weitere Facette von Thomas’ Psyche offen.

In keiner der sechs Paarungen gelingt dies mit solcher unter die Haut gehenden Prägnanz wie im Aufeinandertreffen von Thomas mit seinem früheren Lehrer Hansen. Während Thomas mit seiner Erinnerungslücken geschuldeten Ungewissheit ringt, ob Hansen ihn als Elfjährigen womöglich missbraucht hat, gesteht dieser zwar sein Begehren von Kindern ein, beteuert jedoch, nie übergriffig geworden zu sein. „Jeder kann jeden mit einer Anschuldigung ruinieren“, gibt Hansen zu bedenken. Wie Seidler und Trakis die Abgründe ihrer Figuren schier auf des Messers Schneide ausloten, das ist schauspielerisch vom Feinsten. Thomas, das macht der lange beklatschte Abend deutlich, hat jenseits seines naiven Rache-Impetus und übersteigerten Geltungsdrangs mehr mit uns gemein, als uns lieb ist. Weil nicht nur er in der Gesellschaft, in der er lebt, verbindende Ideale vermisst.

Wieder am 5., 13., 18. und 21. April sowie am 3., 19. und 23. Mai.

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